und Olympiaden voll Lust als Eingemachtes wegsetztet und aufhöbet im Keller, um, der Henker weiss wenn, darüber zu geraten über ganze eingepökelte marinierte 60 Jahre – – ich sage, wenn ihr nicht an jeder Stundentraube die Minutenbeere auskeltertet wenigstens mit einigen Zitronendrückern – – – was würde denn am Ende daraus werden? ... weiter nichts als die Moral zu meiner ersten und letzten Fabel, die ich einmal vor einem Hannoveraner gemacht"...
Ich wollt', der Leser wollte sie; denn sie lautet so:
"Der dumme Hamster, heisst der Titel. Diesen brachte einmal der volle Kropf einer Taube, den er ausfrass, auf die Preisfrage, ob es nicht besser wäre, wenn er statt einzelner Körnchen lieber Tauben mit ganzen Kornmagazinen am Halse eintrüge. Er tats. An einem langen Sommertag inhaftierte er einen halben Taubenflug mit gefüllten Kröpfen; aber er riss keinen Kropf entzwei, sondern sparte sich hungernd alles zusammen auf Abend und Morgen, erstlich um recht viel Tauben einzufangen, zweitens um den KörnerKnaul abends durchgeweicht zu schmausen. Er schlitzte endlich abends seinen Zehend-Offizianten die Kröpfe auf, sechsen, neunen, allen – kein Körnchen war mehr da, die Inhaftaten hatten alles schon selber verdaut; und der Hamster war so dumm gewesen wie ein – Geizhals."
So weit der dritte und der vierzigste HundposttagArmer Viktor!
Nachschrift. Die geschichte hält jetzt im monat August und der Geschichtschreiber vorn am Oktober – bloss ein monat liegt zwischen beiden.
41. Hundposttag
Brief – zwei neue Einschnitte des Schicksals – des
Lords Glaubensbekenntnis
Man schenke einem Menschen, der, gleich Pferden, in der Nähe der Nacht und der Heimat stärker läuft, den zehnten Schalttag; am Ende eines Lebens und eines buches macht der Mensch wenig Ausschweifungen.
Ich hab' es schon gesagt, dass nichts das Seelenund Rückenmark mehr aus einem Menschen presset, als wenn ihm sein Unglück kein Handeln vergönnt; das Schicksal hielt unsern Viktor noch fest mit der einen Hand, um ihn wund zu schlagen mit der andern, als in diesen Trauerwochen das Schöpfrad der Zeit zwei neue Tränenkrüge im Herzen der Menschen einschöpfte und in die Ewigkeit hinausgoss. Erstlich kam die trübe Nachricht wie Trauergeläute an Viktors Ohr, dass sein ehemaliger Jugendfreund Flamin einen Schritt, zu dem es ohne das Überwerfen mit ihm nie gekommen wäre, wohl mit dem tod büssen werde. Einige Tage nach den Kanikularferien – gerade als vor einem Jahre der arme Gefangne sein neues Amt mit so vielen menschenfreundlichen Hoffnungen angetreten hatte – zog jenes Gerücht wie eine Pestwolke aus den Sessionzimmern heraus. Viktor flüchtete eilig und ungläubig und doch zitternd zum Apoteker, um ihm die Widerlegung abzufragen. Dieser schlug vor ihm – eben weil er den Hofmedikus verachtete und beschämen wollte – aufrichtig alle Hof- Rapportzettel und Cercle- oder Kreis-Berichte auseinander und las ihm daraus so viel vor: es sei nicht anders. Viktor hörte, was er schon voraussetzte, dass jetzt der Fürst den Laufzaum oder das Stangengebiss seiner eignen Frau umhabe, und dass sie ihm durch Klotildens Entfernung näherkomme und mit dem Ohr-und Ring-finger den in den Nasenring eingefädelten Zügel bewege, als wäre sie in der Tat nichts Geringeres als seine – Mätresse, welches ein neues trauriges Beispiel ist, wie leicht in den jetzigen zeiten eine feine Ehefrau sich die Rechte einer Kebsfrau erschleiche. Zeusel fand es natürlich, "dass sie, als die Freundin des Ministers, der, so wie sein Sohn Mattieu, der Freund des Kammerherrn gewesen, den Tod des letzteren an Flamin zu rächen suche, und dass der Minister, um seine Hand besser in die Griffe der Parzenschere zu bringen und dem Regierrat den Lebensfaden entzweizuschneiden, selber die fortdauernde Entfernung seines Sohns verhänge und unterhalte, damit dieser nicht etwa den unglücklichen Liebling decke". – Nicht ein wahres Wort war daran, das wusste Viktor besser; aber desto schlimmer; o verrät nicht alles, dass Mattieu die Fürstin durch Winke über Flamins Geburt in sein treuloses Interesse gezogen, um, wie Zauberer, in der Ferne und durch wenige Charaktere umzubringen? würde' ihn wohl bloss die Furcht vor der Rüge der Ausfoderung so lange ausser den Grenzsteinen des Landes festalten? – Noch dazu brütete die Fürstensonne den ministerialischen Krötenlaich immer lebendiger an. Es ist wahr – und Viktor leugnete es nicht – man darf erwarten von der Fürstin, dass sie die Mattäus- oder Jakobsleiter, auf der sie das fürstliche Herz erstieg, da sie vorher nur an Jenners Hand reichte, mit der Zeit umschnellen wird mit dem Fuss, so wie der Marder sich vom schlaftrunknen Adler in die Höhe reissen lässt und ihn erst droben so lange zerhackt, bis der Träger fällt und stirbt; aber jetzt ist, glaube' ich, ihre fortdauernde Dankbarkeit gegen Schleunes schon genugsam bei Rechtschaffenen dadurch entschuldigt, dass noch mehr zu holen steht von der unvollendeten Gabe. Ein alter Gesetzmacher setzte auf jeden Undank Strafe; ich glaube, man verfällt in den nämlichen Fehler wie er, wenn man jede Dankbarkeit tadelt und bestraft, da oft der Eigennützigste am hof zu ihr seine guten Gründe haben kann.
Viktor ging trübe in sein Zimmer und sah Flamins Bild an und sagte: "O! das wolle der Himmel nicht, dass du Armer nicht mehr zu retten wärest." Viktor konnte sich überhaupt drei Tage nach einer Beleidigung nicht mehr rächen: "Ich vergebe jedem," sagt' er sonst, "nur Freunden und Mädchen nicht, weil ich beide zu lieb habe."