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obwohl verkappt in den Domino der Menschenliebe. Er musst' es erwarten, aber er konnte' es nicht erraten, ob der Lord komme oder lebewelches beides durch dessen Schweigen und durch die Unsichtbarkeit des fünften Fürstensohnes wenig für sich hatte. – Zuletzt stand er in Furcht vor demSchlaf, zumal dem nachmittäglichen; denn der Schlummer legt zwar seine Sommernacht über unsere Gegenwart wie über eine Zukunft, er zieht zwei Augenlider wie den ersten Verband über die Wunden des Menschen und deckt mit einem kleinen Traume ein Schlachtfeld zu; aber wenn er wieder weggeht mit seinem Mantel, so fallen die hungrigen Schmerzen desto heisser auf den nackten Menschen los, unter Strichen fährt er aus dem ruhigern Traume empor, und die Vernunft muss die ausgesetzte Kur, den vergessenen Trost von vorn anfangen. – Und dochdu gutes Schicksal! – zeigtest du unserem Viktor noch einen abendrötlichen Streif an seinem weiten Nachtimmel; es war die Hoffnung, von Klotilden, die sein Herz nicht mehr die Seinige nennen durfte, vielleicht einen Brief aus London zu erhalten....

Ich wollte dieses Kapitel erstlich mit der Nachricht schliessen, dass die Kapitel in immer weiterm Zeitraume und in kleinerem Format einlaufenwelches das Ende der Historie bezeichnet –, und nachher mit der Bitte, es nicht übelzunehmen, dass die Leute darin immer romantischer spielen und spekulieren; das Unglück macht romantisch, nicht der Biograph.

Aber ich schliesse gar nichteben der letzteren Bitte wegen –, sondern frische lieber im Kopf des Lesers das Bild des alten lustigen Viktors ein wenig auf, den er sich kaum mehr wird denken können. Es ist ein ungemein glücklicher Zufall, dass mir der Hund am dritten Hundposttage eines und das andere Faktum eingeliefert, das ich damals gar ausgelassen habe. Deswegen kann ichs jetzt unvermutet hinterbringen. Es muss ordentlich mir und dem Leser das grösste Vergnügen machen, wenn mein Schildereisie war damals schon ganz fertighier auf diesem Blatte aufgehangen wird.

Der Hiatus des dritten Kapitels, worin ich Viktors Ankunft aus Göttingen im Pfarrhaus male, lautet, vollgemacht, also:

Der Kaplan hatte das Eigne mancher Leute, dass er mitten im Freuden- und Visiten-Chor an seine winzigsten Geschäfte dachte, z.B. am Hochzeittage an seine Maulwurffallen. Heute schnitt er in der Gesindestubewährend der Lord dem Hofmedikus die geheime Anleitung erteiltedie Säekartoffeln entzwei. Er konnte den Schnitt dieser Früchte wenigen anvertrauen, weil er wusste, wie selten ein Mensch Stereometrie des Auges genug besass, um eine Kartoffel in zwei gleiche Kegel- oder Kugelschnitte zu zerfällen. Er hätte lieber die Säezeit versessen, als einen Keimglobus in ungleiche Sektores zerlegt, und sagte: "Nur Ordnung will ich haben."- Es kann meinen Helden verschatten, wenn es auskommtund durch den Druck muss es jaund wenn es zumal Nürnberger Patriziern und Leuten in Ämtern und reichsgerichtlichen membris zu Ohren gelangt, dass Viktor nachmittags hinter dem Kaplan und Appeln einen Ehrenzug auf den Krautacker hielt und daselbst das vollführte, was man in einigen Provinzen Kartoffelnstecken nennt. Man liess ihm das Lob, dass er in ebenso symmetrischen Fernen wie der Kaplan die unterirdische Brotfrucht dem Boden einverleibe; überhaupt sannen beide der Kartoffelnallee scharf nach, und ihre Augen waren die Linienteiler der Beete. Der Kaplan hatte schon vorher dem Ackerpflug hinter einem Diopterlineal nachgesehen und nachgeholfen, damit das Feld, um welches ich und die reichsgerichtlichen membra jetzt stehen, in gleiche Prismata oder Beete ausgeschnitten wurde. Als beide abends nach haus kamen mit grossem Ernst und kleinen Wämsern: so hatte' ihn das ganze Haus lieb zum Fressen; und die Pfarrerin fragte ihn, was er in seinem Wams, wenn ihm die Kammerherrin begegnet wäre, gemacht hätte, eine Verbeugung, eine Entschuldigung oder nichts?

"O du liebes Deutschland!" (rief er und schlug die hände zusammen) "soll sich denn das ganze Land keinen Spass machen, als den der Hof dekretiert?" (Viktor sah hier den alten tauben Kutscher Zeusel an; denn jede humoristische Ergiessung richtete er ordentlicherweise an den, der sie am wenigsten verstand; ich wills aber hier an die Patrizier und membra gerichtet wissen.) "Gibts denn, mein lieber Mann, hierzulande nichts als Galgen und Zimmerleute und Justizbeamten, ich meine so, dass also die ersten keine Axt anrühren, wenn nicht die letzten damit den ersten Hieb getan? Will Er denn alle Narrheiten wie die Moden von oben herab bekommen, wie ein Wind allemal in den obern Luftgegenden sauset, eh' er unten an unsere Fenster anpfeift? – Und wo ist denn ein Reichsabschied oder ein Vikariatkonklusum, das einem Reichs-Deutschen verböte, närrisch zu sein? Ich hoffe, Zeusel, es soll noch eine Zeit kommen, wo Er und ich und jeder so viel Verstand hat, dass er seinen eigenen hat und seine eigene, aus seinem Fleisch und Blut gezeugte Privat-Narrheit, als Autodidaktus in jeder Toll- und Weisheit. – O ihr armen Menschen! fangt doch nach den Flügel- und Schwanzfedern der Freude unter den Gewalt-Märschen euerer Tage! O ihr Armen! Will denn kein guter Freund einen Imperialfolianten zusammenschmieren und euch dartun, dass ihr wenig Zeit habt, gleich dem Teufel in der Apokalypsis? Ach der Genuss verspricht so wenigdie Hoffnung hält so wenigder Säe- und Pflanztage der Freude stehen im berlinischen Kalender so wenigewenn ihr nun vollends so dumm wäret und ganze Stunden