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unter dem Messeres ist mein letzter Bartman wird mich und mein Haushalten gefänglich einziehen. – Du Rabenkind, dein Vater kann deinetwegen dekolliert werden, du Kain du!" Er lief an alle Fenster: "Dass Gott erbarm'! das wird schon im ganzen Pfarrspiel ruchtbar. – Siehst du, Frau, einen solchen Satanas haben wir miteinander erzogen und geboren, du bist schuld. – Was lauscht Er denn da! Scher' Er sich einmal fort zu Seinen Kunden, Herr Feldscher, und schwärz' Er Seinen Seelenhirten nirgends an, und breit' er es nicht aus!" – – jetzt kam die sanfte Klotilde, niedergesenkt und mit dem Schnupftuch in der Hand, weil sie erriet, was das Herz einer untröstlichen Mutter bedürfe, nämlich zwei liebende arme als einen Verband um die zerschmetterte Brust und tausend Balsamtropfen fremder Tränen auf das unter den Splittern schwellende Herz. Sie ging auf die Mutter mit offnen Armen zu und schloss sie darin sprachlos weinend ein. Der närrische Pfarrer fiel ihr zu Füssen und schrie: "Gnade! Gnade! wir sämtlich wussten um nichts. Ich hab' den Totschlag erst unter dem Balbieren gehört. Ich bejammre nur Dero hochseligen Herrn Vater und dessen Relikten. – Wer hätt' es vor zehn Jahren sagen sollen, gnädiges fräulein, dass ich eine Ranke aufzöge, die meinen eignen Patronatsherrn niederschiesst? Ich bin ein geschlagner Mann und meine Frau dazu. Ich kann nun aus Scham nicht mehr Senior Consistorii werdenich darf keinen Patenbrief an Se. Durchlaucht erlassen, gesetzt auch, meine Frau kreisete auf dem platz. – Und wenn sie meinen armen Sohn köpfen, so werde' ich vor Jammer grau in die Grube fahren." – Als ihm Klotilde, ohne zu lächeln, mit ihrem heiligen Worte zusicherte, es gebe ein unfehlbares Mittel der Rettungwomit sie Flamins fürstliche Abkunft meinte –: so sah der Kaplan sie mit funkelnden Augen und verblüfften Mienen an und nannte sie immer halblaut dazwischen: Himmelsengel! – Gottesengel! Erzengel! – Aber die zwei Freundinnen zogen sich begierig in ein Kabinett zurück; und hier goss Klotilde das erste Wundwasser in die weit aufgerissene Seele der Mutter, indem sie ihr die Dazwischenkunft eines rettenden Geheimnisses beteuerte und verbürgte und mit ihr deswegen die Reise nach London abredete. – Diese Entfernung wurde ihr zum teil noch durch ihr Missverhältnis mit der Kammerherrin abgedrungen, deren letzter Windenschmied samt allen Hebemaschinen ihres gesunknen Schicksals nun mit ihrem mann begraben worden, und welche, da sie alle Schuld auf Klotildens Betragen schob, diesen trauernden Geist durch ein absichtliches Übermass eigner Trauer noch mehr zu kränken suchte. Da die Le Baut übrigens nichts so lieb hatte als Gebetbücher und Freigeister: so ersetzte sie jetzt sich diese durch jene.

Einige meiner Leser werden mir schon vorgeflogen sein und in den Erker Viktors hineingeschauet haben, um seinen von vier Wänden versteckten Gram zu findenfürchterlich steht die Einsamkeit vor ihm und faltet ihm ein grosses schwarzes Gemälde mit zwei frischen Gräbern auf; in einem grossen grab liegt die verlorne Freundschaft, im andern die verlorne Hoffnung. Ach er wünscht das dritte, worein auch er sich verlöre. Er hatte die erhabne Stimmung Hamlets. Der verhüllte Julius kam ihm wie ein zuckender Toter vor. Er mied ganz den Hof; denn sein Selbgefühl war viel zu bescheiden und stolz, um mit dem gestohlnen Adel und den erschlichenen Rechten eines Lords-Sohnes ein flüchtiges Gepränge zu treiben. Auch setzte sich an seinem Herzen eine kleine Frostbeule durch den Gedanken an, dass der Lord, nach der Unart aller Staatsleute und Staatsmaschinenmeister, die Menschen zu handhaben nur wie Körper, nicht wie Geister, nur wie Karyatiden, nicht wie Mietleute des Staatsgebäudes, kurz bloss wie Tänzerinnen von Golkonda115, die sich zum Lastvieh eines einzigen Reiters mit ihren Gliedern zusammenschlingen und verschränkendass der Lord, sag' ich, diese sonst erhabene Seele, auch seinen Viktor zu sehr zum Arbeitzeuge seiner Tugend verbrauchet hatte. Aber er vergabs dem Mann, dem er doch nichts vorzuwerfen hatte, als dass er nur die Gütigkeiten eines Vaters gehabt, ohne die Rechte desselben.

Da Viktor niemand den Hof mehr machte: so wollte natürlich der Apoteker ihm auch keinen mehr machen. Jener lächelte dazu und dachte: "So sollte jeder gute Hofmann handeln und, wie ein geschickter Fährmann in seinem Boote, allemal die Seite verlassen, die sinkt, und auf die andere übertreten." Zeusel trat über zum begünstigten Brunnendoktor Kuhlpepper, dessen Einsichten man die Heilung Jenners zuschrieb, die vom Sommer herkam, und er legte sich hin, um mit seiner kleinen Schlangenzunge die Füsse zu lekken, in deren Ferse er vorher mit seinem Giftgebiss gestochen hatteaber Grobiane vergeben nie; Kuhlpepper verachtete den "Neunundneunziger" und der Neunundneunziger wieder meinen Hofmedikus, wiewohl er ihn aus Furchtwie der Fürst aus Gemächlichkeitweder vor den Kopf noch aus dem haus zu stossen wagte.

Armer Viktor! der Unglückliche braucht Tätigkeit, wie der glückliche Ruhe; und doch musstest du gebunden in die Zukunft wie in ein ausgedehntes herantreibendes Gewitter schauen. – Du konntest sie weder verdrängen noch lenken noch beschleunigen und hattest nicht einmal den Trost, dem Schmerze die Waffen zu schmieden und wie Simson den Krampf der Qual durch Erschütterungen der Säulen auszulassen undauszulöschen! – Er konnte nicht einmal für den gefangenen Liebling etwas tun, den er in einen noch grösseren Jammer getrieben; denn Flamins Leiden führten wieder die Freundschaft für ihn in seinen Busen ein,