voll Freiheit erbeuten, oder einen Tod voll Ruhm. Sind denn die tausend aufgerissenen Augen um mich alle starblind, die arme alle gelähmt, dass keiner den langen Blutigel sehen und wegschleudern will, der über euch alle hinkriecht und dem der Schwanz abgeschnitten ist, damit wieder der Hofstaat und die Kollegien hinten daran saugen? Seht, ich war sonst mit dabei und sah, wie man euch schindet – und die Herren vom hof haben eure Häute an. Seht einmal in die Stadt: gehören die Paläste euch, oder die Hundshütten? Die langen Gärten, in denen sie zur Lust herumgehen, oder die steinigen Äcker, in denen ihr euch totbücken müsset? Ihr arbeitet wohl, aber ihr habt nichts, ihr seid nichts, ihr werdet nichts – hingegen der faulenzende tote Kammerherr da neben mir"... Niemand lächelte; aber er kam zu sich. Die Drillinge, für die der Körper und die Zeit und der Tron eine Brandmauer oder ein Ofenschirm ihrer in sich selber zurückbrennenden Freiheitlohe war, gelobten ihm gebundene Zungen, feste Herzen und tätige hände; doch waren sie schweigend entschlossen, ihn nach der sprühenden Rede mit ihrem Blute zu retten und seine Unschuld zu entüllen. Eine Folge dieses Freiheit-Dityrambus war, dass Kato der Ältere den Tag darauf den Pulverturm bei Maiental, der das einzige Pulvermagazin im land war (Kornmagazine hatte man nicht so viele), ins Gewitter aufsprengte, als er nach Kussewitz zu Mattieu ritt. –
Nun trugen sie die Lüge ins Dorf, Flamin habe die Verkappung Mattieus benutzt und in einer ähnlichen dem Kammerherrn, den er wegen Mangel an Ahnen nicht erschiessen konnte, mit der Pistole das Lebenslicht ausgeputzt. Der Regierrat wurde auf einer kleinen scheinbaren Flucht inhaftiert und als eine göttliche Statue allein in jenen Tempel gesetzt, der, wie die alten Tempel, ohne Fenster und Gerätschaft war, und den die darin sesshaften Götter, wie Diogenes sein Fass, mit Inschriften versehen, und den der gemeine Mann bloss ein Gefängnis nennt. – – – Ich will aber vor allen Dingen diese und die folgenden Worte ein
Extrablatt
benennen. Die Kapelle oder das Filial eines solchen Tempels heisst man ferner ein Hundeloch. Die Priester und Sodalen dieser Pagoden sind die Stockmeister und Stadtknechte. Überhaupt sind die zeiten nicht mehr, wo die Grossen gleichgültig gegen Wahrheiten waren; jetzt suchen sie einen Mann, der wichtige gesagt hat, vielmehr auf und setzen ihm nach und machen ihn (mit mehr Recht als die Tyrier ihren Gott Herkules) in besagten Tempeln mit Kettchen und eisernen postillons d'amour fest, damit er da auf diesem Isolierschemel (Isolatorio) sein elektrisches Feuer und Licht besser beisammen behalte und anhäufe. Ist einmal ein solcher Merkur so fixiert, und hat er mit den Fixsternen ausser dem Lichte auch die Unbeweglichkeit lange genug gemein gehabt: so kann man ihn, wenn mehr aus ihm geworden ist, endlich gar an den Dreifuss so heisst der Galgen – als ein hängendes Siegel der Wahrheit schaffen, wo er zur ordentlichen aufgetrockneten Naturalie ausdorrt, weil er sonst als kein taugliches Exemplar in das Herbarium vivum des philosophischen Martyrologium geklebt werden kann. Ein solches Hängen ist eine würdigere und nützlichere Nachahmung der Kreuzigung Christi, als ich in so vielen katolischen Kirchen an Karfreitagen sah, und im grund um nichts schwächer als die, so Michelangelo nach der Sage veranstaltete, der den Menschen, der ihm zum Gekreuzigten sass, oder vielmehr hing, re vera kreuzigte. Daher sind in katolischen Ländern neben den unblutigen Messopfern mehre blutige; denn ein solcher Quasichristus, der nicht in den dritten Himmel, aber doch in den Zitterhimmel114 (coelum trepidationis) erhöht wird durch ein wenig Hanf, soll – deswegen erlegt man ihn – seinen Lehren durch seinen Tod die Dienste erweisen, die der höhere Kreuzestod einmal erwies. Und wahrlich die Toten predigen fort – für die Wahrheit sterben ist ein Tod nicht für das Vaterland, sondern für die Welt – die Wahrheit wird wie die Mediceische Venus in dreissig Trümmern der Nachwelt übergeben, aber diese wird sie in eine Göttin zusammenfügen – und dein Tempel, ewige Wahrheit, der jetzt halb unter der Erde steht, ausgehöhlt von den Erdbegräbnissen deiner Märtyrer, wird sich endlich über die Erde heben und eisern mit jedem Pfeiler in einem teuern grab stehen! Ende! Kato ritt dem nach Kussewitz geflüchteten Mattieu nach und legte ihm mit französischer Beredsamkeit den Plan Flamins, zu sterben, und ihren eignen, ihn zu retten, vor. Matz genehmigte alles, aber er glaubte nichts; er blieb noch ausser Landes. Doch erbat er sich, es ihm nicht übelzunehmen, wenn er Flamins edle Aufopferung mit etwas vergelte, was wider ihren Plan, aber über ihre Hoffnungen wäre. Will er etwa dem Fürsten es sagen, dass sein Sohn in der Haft sitzt? – In drei Minuten gehen die Leser und ich in die Apoteke zum Helden, wenn nur vorher berichtet worden ist, dass, als der leere blutige Gaul des Kammerherrn und die Drillinge mit der lügenhaften Hiobspost des Mordes ans Pfarrfenster kamen, der Hofkaplan eingeseift und halb rasiert war. Er musste daher stillsitzen und nur langsam unter dem Messer reden: "O Jammer über allen Jammer – scher' Er doch fixer zu, mein Herr Feldscher – Frau, heule für mich." – Er schwenkte in seiner verhaltenen Pein die Hand schlotternd, um den Arm und das Kinn nicht zu erschüttern: "Um Gottes willen, kann Er mich denn nicht hurtig schinden? – Er hat einen armen Hiob