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der Duelle

Ich glaube, der Staat begünstigt die Duelle, um der Vermehrung des Adels Grenzen zu stecken, wie eben darum Titus die Juden einander fodern liess. Da in Kanzleien immerfort Edelleute gemacht werden, aber keine Bürgerlicheda noch dazu allemal ein Bürgerlicher darangewendet und eingerissen werden muss, eh' die Reichskanzlei einen Edelmann auf seiner Baustätte aufführen kannda die stehenden Armeen und die Krönungen zugleich zunehmen und folglich die Bauten Adeliger mit: so würde der Staat sicher eher zu viel als zu wenig Edelleute (wie doch nicht ist) besitzen, wäre ihnen nicht gegenseitiges Erschiessen oder Erstechen verstattet. In Rücksicht der kleinen Fürsten, die in der KanzleiBäckerei gemacht werden, wäre weiter nichts zu wünschen, als dass zugleich auch Untertanenein oder ein paar Rudel mit jedem Fürstenmit abfielen von der Drehscheibe; so wie ich überhaupt auch nicht weiss, warum die Reichskanzlei nur Poeten machen will, da sie doch ebensogut Geschichtschreiber, Publizisten, Biographen, Rezensenten von ihrer Salpeterwand abkratzen könnte. – Man wende mir nicht ein, am hof schiesse man sich selten; hier hat die natur selber auf eine andere Art wohltätige Grenzen der Hofleute gesteckt, etwa so wie bei den Hamstern, bei denen Bechstein die weise Absicht ihrer Entvölkerung darin findet, dass sie, so boshaft bissig sie auch sonst das Ihrige verfechten, gleichwohl ihre Brut nicht zum Ihrigen rechnen, sondern sie gern fahren lassen. Auch dürfte Doktor Fenk mehr Recht haben, der ihre Partei nimmt und sagt, er gebe zu, sie nützten nichts den wichtigern Gliedern des staates, dem Lehr-, dem Bauernstande etc., aber doch viel den kleinern unnützen Gliedern, den Messhelfern des Magens und des Luxus, den Mätressen, der Lakaienschaft etc., und ein Unparteiischer müsse sie mit den Brennnesseln vergleichen, auf denen sich, da sie für Menschen und grosse Tiere wenig Nutzen haben, die meisten Insekten beköstigen.

Ende dieses rettenden Extrablattes

Flamins Seele arbeitete sich den ganzen Tag in Bildern der Rache ab. In einem solchen Sieden des Bluts wurden ihm moralische Leberflecken zu Beinschwarz, die Druckfehler des staates kamen ihm wie Donatschnitzer vor, die peccata splendida des Regierkollegiums wie schwarze Laster. Heute sah er noch dazu den Fürsten immer vor Augen, den er in den Klubs der Drillinge und noch mehr in Hinsicht auf Klotilden tödlich hasste. Er verschmähte das belastete Leben, und in dieser Hitze, worin alle Materien seines inneren in einem einzigen Fluss zerlassen waren, suchte die innere Lava einen Ausbruch in irgendeinem Wagstück. Seine heutige Ergrimmung war am Ende eine Tochter der Tugend, aber die Tochter wuchs der Mutter über den Kopf. Die Drillinge, die, obwohl nicht mit der Zunge, doch mit dem kopf so wild waren wie er, zündeten gar den ganzen Schwaden seiner vollen Seele an.

Endlich ritten nachts die zwei Sekundanten und Flamin und der in den dritten Engländer verlarvte Mattieu auf den Schiessplatz hinaus. Flamin kämpfte entflammt mit seinem aufsteigenden dampfenden Hengst. Später trug in Kurbetten ein Schimmel den Kammerherrn daher. Stumm misset man die Mordund Schussweite und tauschet das Geschoss. Flamin als Beleidigter bricht zuerst wie ein Sturm gegen den andern los; und auf dem schnaubenden Pferde und im Zittern des Grimms schiesset er seine Kugel über das fremdeLeben hinaus. Der Kammerherr feuerte absichtlich und offenbar weit vor dem Gegner vorbei, weil die Niederlage des (vermeintlichen) Mattieu sein ganzes Hofglück mit niedergeschlagen hätte. Mattieu, bei aller Schlauheit zu jähzornig und zu kraftvoll, schon unter den Zurüstungen des Gefechtes schäumend und noch mehr ergrimmt über das Verfehlen seines Wechsel-Ziels und zu stolz, um sich vor den Engländern mit dem Geschenk seines Lebens unter einem fremden Namen und von einem so verächtlichen Widerpart beschämen zu lassen, stiess seine eigene Maske herab und Flamins seine dazu und ritt kalt auf den Kammerherrn zu und sagte, um ihn durch die Entdeckung seines ahnenlosen Gegners zu demütigen: "Sie haben sich im stand geirrtaber jetzt schiessen wir uns."... Le Baut stotterte verwirrt und beleidigtaber Mattieu drängte sein Pferd zurückstand schrieschoss mit versteinertem arme und traf und zerstörte tödlich das kahle Leben des armen Le Baut... Blitzschnell sagte er allen: "Zum Grafen O!" und trabtemit dem Bewusstsein der frühen, leichten Vergebung von seiten des Fürstenpaars und der Witweüber die Grenze hinüber nach Kussewitz.

Flamin wurde ein Eisbergdann ein Vulkandann eine wilde Flammedann ergriff er die hände der Briten und sagte: "Ich, bloss ich habe den hier getötet. Mein Freund hätte nichts mit ihm gehabt. Aber da er für mich gesündigt hat: so ist es Pflicht, dass ich für ihn büsse. – Ich will sterben; ich gebe mich bei den Richtern für den Mörder aus, damit ich hingerichtet werdeund ihr müsset wie ich aussagen." – Aber er entdeckte ihnen jetzt einen viel höhern Antrieb zu seiner kühnen Lüge: "Wenn ich sterbe," sagt' er immer glühender, "so müssen sie mich auf dem Richtplatz sagen lassen, was ich will. Da will ich Flammen unter das Volk werfen, die den Tron einäschern sollen. Ich will sagen: seht, hier neben dem Richtschwert bin ich so fest und froh wie ihr, und ich habe doch nur einen Nichtswürdigen aus der Welt geworfen. Ihr könntet Blutigel, Wölfe und Schlangen und einen Lämmergeier zugleich fangen und einsperrenihr könntet ein Leben