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der ersten Hitze dem Dreiknöpfler Le Baut auch vorschlagen, als Matz den turnierunfähigen Roturier auslachte. Flamin vermaledeite in vergeblichem Grimm seinen Ahnen-Defekt, der ihn hinderte, sich erschiessen zu lassen von einem Ahnen-Begüterten; ja er wäreda er schnell anglühte und doch langsam erkaltetefähig gewesen, bloss eines adeligen Schimpfwortes wegen (wie schon einmal einer tat) Soldat zu werden, dann Offizier und Edelmann, bloss um nachher den stift- und schussfähigen Injurianten vor seine Pistolenmündung zu laden.

Aber der treue Mattieudessen fleckige Seele sich vor jedem anders drehte, der Sonne gleich, die nach Ferguson sich ihrer Flecken wegen um sich wendet, um allen Planeten gleiches Licht zu schenkenwusste zu raten; er sagte, er wolle in seinem eignen Namen den Kammerherrn fodern, und zwar auf ein vermummtes Duell, und dann könne in der Verkappung Flamin seine Rolle nehmen, indes er selber unter dem Namen des dritten Engländers dabei wäre und die zwei andern als Sekundanten.

Flamin wurde durch Schnelligkeit übermannt; aber nun fehlte es wieder an etwas, das noch weniger als der Adel zu einem Fechterspiel zu entraten istan einer guten ordentlichen Beleidigung. Mattieu war zwar mit Vergnügen bereit, dem mann eine anzutun, die zu einem Duelle hinlänglich befugte; aber der Mann mit dem kammerherrlichen Dietrich liess befahren, er werde sie vergebenund niemand käme zum Schuss. – Recht glücklicherweise entsann sich der Evangelist, dass er ja selber schon eine von ihm erhalten habe, die er nur nützlich und redlich zu verwenden brauche: "Le Baut hab' ihm ja vor drei Jahren die Tochter so gut wie versprochen; und so gleichgültig dieser Meineid an sich sei, so behalt' er doch als Vorwand zur Züchtigung für einen grösseren Fehler seinen guten Wert."... So nimmt auf einer schmutzigen Zunge die Wahrheit die Gestalt der Lüge an, sobald sich die Lüge nicht in die der Wahrheit kleiden kann. Und Flamin ahnete nicht, dass sein angeblicher Brautführer nichts sei als sein wahrer sabinischer Räuber derselben.

Ich bin in Angst, man denke, dass Mattieu einem Kammerherrn, zumal einem, bei dem Versprechen und Halten die weitläuftigsten Vettern waren, die Machtvollkommenheit zu lügen mehr abspreche als einem Hofjunker, und dass er vergesse, wie man überhaupt über den Strom des Hofs und Lebens wie über jeden physischen nie gerade hinübergelange, sondern die Quere und schief. Aber der Schlimme verachtet den Schlimmen noch mehr, als er den Guten hasset. Noch dazu handelte er so nicht bloss aus leidenschaft, sondern auch aus Vernunft: wurde Flamin totgemacht, so musste er von Agnola, die jetzt immer mehr die Fürstin des Fürsten wurde, und für die natürlicherweise ein Nachflor von Jenners und des Lords vorigen Sämereien ein DistelGehege war, das Schiessgeld und Messgeschenk empfangen und eine höhere Stelle auf der Meritentafel des Hofs; – ferner konnte dann der Lord nicht mehr zum Tor hereinrollen und hinterbringen: "Ew. Durchlaucht Sohn ist zu haben und am Leben." – Wurde der Kammerherr erlegt, so war es auch nicht zu verachten; dieser vorige Kostgänger und Prezist der fürstlichen Krone war doch zum Teufel, und der Lord musste sich wenigstens schämen, durch sein Schweigen den Regierrat in das mörderische Verhältnis mit einem mann verflochten zu haben, dem er in jedem Falle öffentlich die Verehrung eines Sohnes abzutragen hatte. Mattieu konnte nicht verlierennoch dazu konnte er seine Wissenschaft um Flamins Abkunft verstecken oder aufdecken, wie es etwa not tat.

Da gar die Engländer die Sekundanten sein konnten: so sagte Flamin Ja; aber Le Baut sagte Nein, als er das Manifest und Krieginstrument von Matzen erhielt; des Todes war er fast schon über ein Todes-Rezept ohne das Ingredienz der Kugel. Ich werde einen Hofmann nie so verkleinern, dass ich vorgebe, er lehne einen solchen Kartoffelnkrieg aus Tugend ab oder aus Feigherzigkeitsolche Menschen zittern gewiss nicht vor dem tod, sondern bloss vor einer Ungnade –; aber eben die letzte, die Le Baut vom Minister und Fürsten besorgte, schreckte ihn ab. Er hielt daher auf feinem Papier und mit feinen Wendungen, die den Streusand überschimmerten, Matzen die vorige Freundschaft vor und verbindliche Abmahnungen von diesem auffallenden "Gozsurtel" und erklärte sich überhaupt bereitwillig, gern alles zu leisten, was seine Ehrebeleidigte, falls er nur nicht durch das Lusttreffen gegen das Duellmandat verstossen müsste. Aber er mussteMattieu schrieb zurück, er verbürge sich für das Geheimnis so wie für das Schweigen der Sekundanten, und er schlage ihm zum Überfluss vor, sich einander in der Nacht und in Masken die DrachenPechkugeln zu insinnieren; "übrigens bleib' er auch in Zukunft sein Freund und besuch' ihn, denn nur die Ehre fodere ihm diesen Schritt ab."... Und dem Kammerherrn auch; – denn diese Leute verschlucken wohl grosse, aber nicht kleine Beleidigungen, so wie die von tollen Hunden Gebissenen zwar feste Sachen, aber keine flüssigen hinunterbringenund damit ist in meinen Augen ein Hofmann wie Le Baut genugsam entschuldigt, wenn er sich stellt, als wär' er ein redlicher Mann oder als ginge er von denen sehr ab, die das ganze Jahr ihre Ehre zum Pfand einsetzen und das Pfandwie Reichspfandschaften oder wie lebendige Pfänder der Liebenie einlösen.

Auf den Abend, wo Viktor in Maiental trauernd eintraf, war alles festgesetztdas Kriegsteater war zwischen St. Lüne und der Stadt.

Extrablatt zur Rettung