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diesen Nachflor seines Lebens ganz abernten. Ach er wollte sie anschauen wie nieer wollte ihr die Hand drücken heftig wie nieer wollte ihr ein Lebewohl sagen wie ein Sterbender – – Denn es ist alles, rief unaufhörlich sein Innerstes, zum letzten, letzten Male! – Nur küssen wollt' er sie nicht: eine scheue Ehrfurcht, der Gedanke an die ausgespielte Liebhaberrolle verbot es ihm, von ihrer Unwissenheit einen eigennützigen Gebrauch zu machen. Aber als er den letzten blick der Liebe auf sie richten wollte: so schlug das Schicksal alle die geschliffnen Waffen, die bisher in seine Nerven gedrungen waren, noch einmal in die blutenden Öffnungen, wie man in die Wunden der Ermordeten die alten Instrumente wieder hält, um zu sehen, obs dieselben sind – – ach es waren dieselbendas Zimmer benebelte gleichsam ein Lichterdampfdie Flötentöne erstickten im inneren Brausener musste sie ansehen und konnte doch nicht vor wasserer musste sie lange, fassend ansehen, weil er ihr schönes Angesicht als ein Schattenbild des Schatten-Edens auf ewig niederlegen wollte in seine Seele – – Endlich konnte' er es, mit tausend Schmerzen blickte er ihr beträntes Angesicht, durch das die Tugend wie ein Herz schlug, ergreifend an und schattete es ab in seiner öden Seele bis auf jede Linie, bis auf jeden TropfenSo viel nahm er mit von ihr, mehr nicht; ihr liess er alles, sein Herz und seine FreudeAch weiche Klotilde! wenn du es erraten hättest! – Das Schluchzen seiner Mutter riss ihn ans Nebenzimmer, er stiess die Tür auf, rief zertrümmert der weggekehrten Mutter zu: "Teuerste! Beim Allmächtigen, Ihr Sohn ist kein Mörder und kein Verlorner"- und drückte die ihm hinter dem Rükken gegebne Hand sinnlos zusammen.

Seht dem düstern Augenblicke, meine Freunde, jetzt nicht zu, wo er zum letzten Male Klotildens Hand nimmt und sein Herz von ihrem spaltet und doch nur sagt: "Reise glücklich, Klotilde, lebe ruhig, Klotilde, werde froh, Klotilde!"

Und weit vom dorf fiel er neben dem Blinden auf die Knie mit einem stummen Gebet für das trauernde Herz, das er nun zum leztenmal verloren hatte. –

Erst morgens um 4 Uhr kam er ohne Müdigkeit und ohne Tränen und ohne Gedanken in Flachsenfingen mit dem Blinden an.

40. Hundposttag

Das mörderische DuellRettung der Duelle

Gefängnisse als Tempel betrachtetHiobsklagen des

PfarrersSagen meiner biographischen Vorzeit,

Kartoffelnstecken

Indem ich in den 40sten Tag mit der Anmerkung einschreiten will: "Die Historie des Duells ist noch voll Banal-Chiffern und ein wahrer unbezifferter Generalbass" – langt ein Stück vom 43sten an und beziffert den Bass oder punktiert die hebräischen Konsonanten. Diesem jungen Vorlauf aus dem 43sten Kapitel hat man es zu danken, dass ich die Schuss-Historie mit froherem Mut erzählen kann. Man wird es nicht erraten, wer über Klotildens Verlobung am meisten aufkochteder Evangelist nämlich. Ihn verdross die kühne Treulosigkeit des Kammerherrn, über dessen Höflichkeit er bisher durch Grobheit regiert hatte, darum so sehr, weil eine menschliche Mixtur von Kraftlosigkeit und Schmeichelei, wie Le Baut, uns unsäglich erbittert, wenn sie von Schmeicheleien zu Beleidigungen übergeht. Noch mehr hetzte ihn, der Flamin aufhetzte, die Witwe des Kammerherrn auf und schürte in sein Elementarfeuer sanftes Öl und einige Zündruten nach; sie hasste Klotilden, weil diese geliebt wurde, und unsern Helden, weil er nicht, wie der Evangelist, die Stiefmutter über die Stieftochter erhob. Eine Frau, die für einen Mann in den Tod gegangen ist, d.h. in einen kurzen Schlaf (welches der Tod für Fromme ist), nämlich in eine Ohnmachtwie eben die Frau Witwe im 8ten Posttage –, darf schon diesen Mann hassen, wenn er sich nicht lieben lässt. Der Evangelist, der bisher Klotildens und Viktors Liebe nur für die zufällige Galanterie einer Minute gehalten und der die flüchtige Verbindung mit seiner Schwester Joachime auch für keine längere angesehen hatte, war teufelstoll über den Fehlschuss im ersten Falle und über den Königschuss im zweiten; und er beschloss, sich und seine Schwester, die er mehr als seinen Vater liebte, an jedem zu rächen.

Joachime war noch dazu bitter gegen Viktor erzürnt, da sie sich und ihre Liebe zum blossen Deckmantel der seinigen gegen Klotilden bisher gemissbraucht glaubte. Ich habe oben berichtet, dass Mattieu nach dem Besuche Eimanns den seinen bei Flamin machte. Als ihm der Rat die Unterredung mit dem Pfarrer und seinen Haupteid eröffnet hatte: fasste sich Matz und wälzete viel auf den Kammerherrn: "dieser sei ein kleiner Filou und ein grosser Hofmanner habe vielleicht mehr als der Liebhaber Klotildens Badreise nach Maiental vermittelter, und nicht so sehr Viktor, suche aus der Tochter ein Nachtgarn des fürstlichen Herzens und einen gradus ad Parnassum des Hofes zu machen." Flamin war ordentlich froh, dass seine Rachbegierde noch einen andern Gegenstand bekam als den, dessen Fehde er seinem Vater abgeschworen hatte. Indessen verbarg er dem Rate (um unparteiisch zu sein) doch nicht, dass der Apoteker überall aus Erbitterung gegen Sebastian aussagte, dieser habe den Plan dieser Heirat als eines Erhöh-Mittels bloss von ihm, von Zeuseln. Flamin griff bei solchen Knochenzersplitterungen der Brust nur zur Stahlkur des Degens, zum Bleiwasser der Kugeln und zum Brenneisen des Säbels; und da ihn das Duell mit dem adeligen Viktor verwöhnt hatte, wollt' er es in