Vater ist, im stillen grab." – – Viktor fing bebend die Frage an: "Hat ihn Flamin...." – aber er konnte nicht dazusetzen: "umgebracht": denn sie richtete das Haupt empor und blickte ihn an mit einem schwellenden, mit einem arbeitenden unsäglichen Schmerz, und dieser Schmerz war ihr Ja. – –
Sie wollte, von der Tränenverblutung erschlafft und zuckend unter den Erinnerungen, die wie Gehirnbohrer die Seele betasteten, endlich an der Wand zusammensinken; aber Viktor fasste sie mit unaussprechlichem Mitleid auf und erhielt sie aufgerichtet an seiner Brust und sagte: "Komm, unschuldiger Engel, komm an mein Herz und weine dich aus daran – wir sind unglücklich, aber unschuldig – o ruhe aus, du gequältes Haupt, ruhe sanft unter meinen Tränen." – – Aber im höchsten Weh fing allezeit eine Bergluft um ihn zu flattern an, ihm war, als richtete ein Hebeisen die eingebrochne Hirnschale auf, als zöge Lebenluft durch die angebohrte, innen modernde Brust hinein; es war ihm darum so, weil ihm das Leben der Menschen klein wurde, der Tod gross und die Erde zu Staub. "Schlafe, Gequälte" – sagt' er zu Klotilde, die welkend an ihm lehnte – "verschlafe das Weh – das Leben ist ein Schlaf, ein gedrückter heisser Schlaf, Vampyren sitzen auf ihm, Regen und Winde fallen auf uns Schlafende, und wir greifen vergeblich aus zum Erwachen – – o das Leben ist ein langer, langer Seufzer vor dem Ausgehen des Atems. – O dass aber die elende Lufterscheinung gerade diese gute Seele, gerade dich, dich so quälen darf!" – "Ach," sagte Klotilde, "wenn doch die zu traurige Flöte aufhörte! Mein Herz zerspringt vor Qual"; aber ihr Freund riss grausam alle Quellen ihrer Tränen weiter auf und goss seine in die ihrigen und malte ihr die Vergangenheit ab: "Vor vier Wochen war es anders, da gingen die Flötentöne über ein schöneres Land durch die glücklichen Klagen der Nachtigall hindurch in unsere Herzen, die damals so froh waren – am ersten Pfingsttage fand ich dich, als die Nachtigall schlug – am zweiten sank ich vor Wonne und Hochachtung vor dir nieder, als der Regen um uns glänzte – am dritten ging oben an der Abendfontäne ein weiter Himmel auf, und ich sah einen einzigen Engel glänzend und lächelnd darin stehen. – – Unsere drei Tage waren Träume von schönen Blumen, denn Träume von Blumen bedeuten Jammer."- Er hatte bisher seine weiche Seele gegen dieses grausame Gemälde verhärtet; aber als er gar mit gepresster stimme dazugefügt hatte: "Damals lebte unser Emanuel noch und besuchte abends sein offnes Grab....": so musste sein Herz zerreissen, und alle Tränen quollen über das tief hineingedrückte Schwert wie blutige Tropfen heraus, und er sagte, sie heftiger an sich fassend: "O komm, wir wollen weinen ohne Mass: wir wollen uns nicht trösten. Wir sind nicht lange mehr beisammen: o ich möchte mich jetzt zerrütten durch Kummer. – Erhabner Dahore! schau diese Sterbende an und ihre Tränen um dich und vergilt ihre Trauer und gib der müden Seele einmal Ruhe und deinen Frieden und alles, was den Menschen fehlt!"
Die zwei Seelen sanken verschlungen hin in eine einzige Träne, und die Stille der Trauer heiligte den Augenblick – und mehr lasset mich mit dem beklommenen Atem nicht davon sagen.
– Wie erwachend zog sie ihr Haupt von seinem Herzen und nahm mit einem entkräfteten Lächeln seine Hand – denn sie liebte ihn aller Unglück-Zufälle ungeachtet unaussprechlich und war eben auf dem Wege nach Maiental, um ihn noch einmal zu erblikken – und sagte: "Ich gehe nach England zu meiner Mutter, um den Lord auszufinden und zu erbitten, dass er früher komme und sich ins Mittel schlage und fremde Schmerzen und meine endige."- Ihr Stocken, das ihr blick ausfüllte, entdeckte ihm soviel, als es der unglücklichen Pfarrfrau verschwieg, die im Nebenzimmer vieles hören konnte – was sie verdeckte, war, dass sie bei dem Lord die Beschleunigung der Entdeckung, dass Flamin der Sohn des Fürsten sei, betreiben wollte. Ausserdem rückte dieser Weg ihre Augen von so vielen Bildern des Grames, so wie ihre Ohren von so manchem Missgetön des Gespöttes hinweg. Freilich war die Absicht, auf dem Kutschkissen und auf dem Schiffe die Bewegung wie eine Eisentinktur einzunehmen, nur ihr Vorwand bei hof gewesen, wo man ehrerbietige Unwahrheiten nicht bloss vergibt' sondern auch verlangt.
Viktor verhiess ihr, in dunkler Ahnung seiner Kraft und Uneigennützigkeit- denn der Unglückliche opfert freigebiger und leichter als der glückliche auf –: "er wolle wie eine Schwester für ihn sorgen."- Ihre Augen trugen einander ihre Geheimnisse und eben darum ihre Liebe vor, und Klotilde floss von weinender Liebe über, erstlich der Reise wegen (weil für ihr Geschlecht eine Reise der Seltenheit wegen etwas Wichtiges ist), zweitens des Kummers wegen, da die Liebe ein weibliches Herz in ganzer Trauer wärmer macht als eins in halber, wie Brennspiegel schwarz gefärbte Dinge stärker erhitzen als weisse.
Gerade heute, wo sie ihm mit so viel erneuter Liebe in die Augen blickte, sollt' er von ihr abgerissen werden. Er verschonte sie zwar mit der Entdeckung seiner Geburt und seiner ewigen Trennung, um an ihr zerrissenes Herz nicht neue ziehende Qualen zu hängen; aber er wollte diese letzte Minute seiner schönen Liebe, diese Nachlese und