Sterbhaus ein – er sah niemand – besuchte das trauernde Kloster nicht, wo aus allen schönen Augen ähnliche Tränen flossen – tat Verzicht auf den duftenden Park und auf den blauen Himmel – und liess den Blumenflor dem Verstorbenen nachwelken. – Er tröstete den verlassenen Blinden, und den ganzen Tag ruhten sie aneinander geschlungen und malten sich weinend ihren Lehrer und seine Lehren und die lichten Stunden ihrer Kindheit vor. Endlich am vierten Tage führte er den Blinden auf immer aus dem schönen Maiental – die Abendglocke sandte ihnen weit das Totengeläute eines ganzen eingesargten Lebens nach – Julius weinte laut – aber Viktor hatte nur ein feuchtes Auge und tröstete nicht sich, sondern den Blinden; denn seine Seele war jetzt anders, als man erraten wird: seine Seele war erhöht über dieses Abend-Leben, sein Verstorbner hielt sie wie ein Genius hoch empor über die Wolken und über die Spiele einer kleinen Zeit. Viktor stand auf dem hohen Gebirg, wo man am BegräbnisTage eines Freundes steht, unten am Gebirge ging das Totenmeer des Abgrunds weit hin113 und sog an einem ausgedehnten zitternden Nebel, der sich auf dem Meere aufrichtete – und auf dem Nebel waren bunte Städte gefärbt, und schwankende Landschaften hingen in ihm, und die kleinen Völker mit roten Wangen liefen auf den Landschaften aus Duft – und alles, Völker und Städte, tropften wie Tränen hinab ins saugende Meer – – bloss am Horizont war unten im düstern Nebel ein angeglommener Saum wie Morgenglut: denn eine Sonne steigt hinter der Dämmerung auf, und dann ist der Nebel vergangen, und eine neue grüne feste Welt liegt in die Unermesslichkeit hinein. – –
Er wollte die ganze Nacht gehen, aber er wurde durch etwas Fürchterliches im nächsten dorf, das Obermaiental heisst, angehalten. Er erkannte in der Wagenremise des Gastofs den Wagen des Kammerherrn am Wappen. Er liess den Blinden auf einer steinernen Bank an der tür nieder, wo dieser dem Geräusche des Heu-Abladens zuhorchte. Viktor bekam im haus auf seine Frage die Nachricht: "es wären zwei Damen droben, die eine kenne man nicht" (er entdeckte aber im ersten Abriss ihres Anzugs sogleich die Pfarrerin) – "die andere sei oft hier durchpassiert, es sei die Tochter des Obrist-Kammerherrn und habe Ganz-Trauer an, weil ihr Vater vor einigen Tagen totgeschossen worden im Duell mit dem Regierrat Flamin, und beide reiseten, wie ihre Leuten sagten, nach England."
Er schrie vergeblich, halb in Blut und Qual erstikkend: "Es ist unmöglich, mit dem Hofjunker von Schleunes meint ihr." Aber es war doch so – Flamin war im Gefängnis – Mattieu ausser Landes – Le Baut schon unter der Erde.... Fodert aber die geschichte dieses Mordes jetzt nicht! – Viktor zog langsam die Uhr des glücklichen Zeidlers heraus und sah starr den Zeiger froher Stunden an, der schon einige Tage unaufgezogen stockte; in ihm riet etwas der wilden Verzweiflung an, er sollte sie gegen den steinernen Boden schleudern und schmettern. Aber drei Lauten-Hauche der Flöte, mit der der Blinde eine schönere wärmere Vergangenheit vor die erstarrte Seele zog, löseten sein gerinnendes Herz in ein nasses Auge auf, und er hob es überfliessend empor und sagte bloss: "Vergib mir es, Allgütiger – ach ich will gern nur weinen!" – Wenn die Schmerzen in uns zu reissend werden: so knirscht etwas in uns gegen das Schicksal, und das Herz ballet sich gleichsam zur Wehre ergrimmt zusammen – aber diese Stärke ist Lästerung. O! es ist schöner gegen dich, Allgütiger, mit dem entzweigepressten Herzen hinzurinnen und zur Träne zu werden und so lange zu lieben und zu schweigen, bis man stirbt!
Die bekannten Flötentönen drangen in Klotildens dicke Regenwolke des Grams – sie zitterte ans Fenster – sie sah den Blinden – aber sie ging schnell zurück und hüllte ihr Herz tiefer in die kalte Wolke – denn jetzt wusste sie alles: der Blinde war der Todesbote, dass ihr grosser Freund die Erde und die Trostlosen verlassen habe. "Mein Lehrer ist auch tot", sagte sie zur Begleiterin; und als Viktor um eine Unterredung bitten liess: konnte sie nur sprachlos mit dem kopf nicken. – Dann bat sie die Pfarrerin, in ein anderes Zimmer zu treten, weil ihr der Anblick Viktors aus vielen Gründen drückend sein musste. Viktor stieg die Treppe gleichsam zu einem Blutgerüst hinauf, auf dem ihm das Schicksal sein Herz herausnehmen werde, nämlich die gute Klotilde, von der er heute sowohl durch ihre Reise als durch seinen Vorsatz, sie zu entbehren, abgeschieden wurde. Als er aufmachte und die Bekümmerte erblickte, bleich und müde an die Wand gelehnt; und als beide einander mit niedergesunknen Händen in die rotgeweinten Augen sahen und bebten in dem düstern Zwischenraum zwischen dem Anblick und dem ersten Wort wie in der schrecklichen Zeit zwischen dem Feuer eines grossen Geschosses und zwischen der Ankunft der Kugel, und da endlich Klotilde leise fragte: "Es ist alles wahr?" und er sagte: "Alles!" – so legte sie ihr schönes Haupt langsam um gegen die Wand und wiederholte in einem fort, aber leise-klagend, mit den sanften gedämpften Trauertönen des ermüdeten Jammers die Worte: "Ach! mein guter Lehrer, mein unvergesslicher Freund! – Ach du grosser Geist! du schöne Himmelseele, warum zogest du so bald meiner Giulia nach! – – O, teuerster Freund, zürnen Sie nicht, ich wünschte jetzt bloss zu sein, wo mein