Verlegenheiten wusste, oder durch sie nur geistreicher wurde, seine Anzugpredigt ohne das Exordium anfing. Und das war – Klotilde.
Als sie drei Worte sagte: hörte er so sehr auf die Melodie, nicht auf den Text, dass er nichts davon verstand...
– Hier liegt auf dem schneeweissen Grund von Schweizerpapier eben die Silhouette neben mir, die Mattieu von ihr mit der Schere genommen. Mein Korrespondent will haben, ich soll Klotilden ungemein schön vorschildern (er sagt, hundert Dinge sind sonst in dieser Historie nicht zu begreifen), und deswegen schickte er mir (weil er meiner Phantasie nicht trauet) wenigstens ihren Schattenriss. Und der soll auch unter dem Schreiben in einem fort angesehen werden, um so mehr, da er einem schönsten andern weiblichen Engel, der je aus einem unbekannten Paradies in diese Erde hereingeflogen, gleichsam aus den Augen oder vielmehr aus dem Gesicht geschnitten ist – ich meine das fräulein von **, jetzige Hofdame in Scheerau; ich weiss nicht, ob sie alle Leser kennen.
Viktor kam es vor, als wenn auf einmal sein Blut herausgedrungen wäre und mit warmen Berührungen aussen auf der Haut seine Zirkel beschriebe. Endlich brachte Klotildens kaltes Auge, das nicht der trunkne Stolz auf Reize, sondern der nüchterne zurücktretende und nur dem weiblichen Geschlechte eigne auf Unschuld regierte, und – ihre Nase, die zu viel Besonnenheit verriet, seinen neuen Adam wieder auf die Beine, auf den sich schon der alte gesetzt hatte. Er pries sich glücklich, dass er Flamins Freund sei und mitin auf ihre Aufmerksamkeit und ihren Umgang einige Rechte habe. – Gleichwohl war ihm noch immer, als wenn alles, was sie täte, zum ersten Male in der Welt geschähe, und er gab auf sie acht wie auf einen operierten Blindgebornen oder auf einen Omai oder einen Li-Bu. Er dachte immer: "Wie sollt' ihr wohl das Sitzen lassen – oder das Darreichen eines Fruchttellers – oder das Essen einer Kirsche – oder das Niedersehen in ein Briefchen?" Ich bin noch ein ärgerer Narr neben der besagten Hofdame.
Endlich kam in den Garten Le Baut nach der ersten Toilette, und seine Frau nach der zweiten. Der Kammerherr – ein kurzes, biegsames, geschnürtes Ding, das vor dem Teufel in der Hölle den Hut abziehen wird, wenn es hineintritt – empfing den Sohn seines Erbfeindes ungemein verbindlich, und doch mit Würde, zu welcher ihm aber nicht sein Herz, sondern sein Stand die Kräfte gab. Viktor hegte, eben weil er sich ihn beleidigt dachte, zuvorkommendes Wohlwollen für ihn. Obgleich Le Bauts Zunge fast wie seine Zähne falsch und eingesetzt waren und mitin die aus Zahn- und Zungenbuchstaben gemachten Wörter auch: so gefiel er doch mit seinen weder plumpen, noch unhöflichen Schmeicheleien – wozu auch seine Stellungen und Absichten gehören – unserm aufrichtigen Viktor, welcher feine Schmeichler, als Schwache, nicht hassen konnte. Die Kammerherrin – die schon in den Jahren war, die eine Kokette zu verhehlen sucht, ob sie gleich die vorhergehenden noch eher zu verbergen hätte – nahm unsern gutmeinenden Helden mit der aufrichtigsten stimme auf, die noch aus einem falschen Judasbusen gekommen, und mit dem listigsten Gesicht, auf dem nie die Täuschungen der Liebe (wie es schien) Platz zu einer Miene hatten finden können.
Die neue Gesellschaft nahm auf einmal Viktors Verlegenheit weg. Er bemerkte zwar bald die besonderen Fecht- und Tanz-Stellungen des Bundes gegeneinander: Klotilde schien gegen alle zurückhaltend und gleichgültig, ausser gegen ihren Vater nicht die Stiefmutter war fein gegen den Kammerherrn, hochmütig gegen die Stieftochter, verbindlich gegen Viktor und leicht- und gehorchend-kokett gegen Mattieu – dieser war gegen das Ehepaar abwechselnd schmeichlerisch und spottend, gegen Klotilde eiskalt und gegen meinen Helden so höflich, wie Le Baut gegen alle. Gleichwohl war Viktor froher und freier als alle, nicht bloss weil er im Freien war – da ein Zimmer allemal wie ein Stockhaus auf ihm lag und ein Sessel wie ein Fussblock –, sondern weil er unter feinen Leuten war, die (trotz der spitzigsten Verhältnisse) dem gespräche vier Schmetterlingflügel geben, damit es – als Gegenspiel der klebenden Raupe, die sich in jedem Dorn aufspiesset – ohne Getöse in kleinen Bögen über Stacheln fliege und nur auf Blüten falle. Er war der grösste Freund feiner Leute und feiner Wendungen; daher ging er so gern in die Gesellschaft eines Fontenelle, Crebillon, Marivaux, des ganzen weiblichen Geschlechtes und besonders des anständig koketten Teils desselben. Man werde nicht irre! Ach an seinem Flamin, an seinem Dahore, an grossen, über die feinen, feigen, leeren Mikro-Kosmologen der grossen Welt erhabnen Menschen hing glühend seine ganze Seele aber eben darum suchte er zur grösseren Vollkommenheit die kleinern als Gebräme und Ekkenbeschläge mit so vielem Eifer auf.
Vier Personen hatten jetzt auf einmal vier Sehröhre auf seine Seele gerichtet; er nahm gar nichts in die Hand, weil er zu gutmütig und zu freudig war, um der Spion eines Herzens zu sein; und erst nach Verlauf einiger Tage beobachtete er an einem Gesellschafter das zurückgebliebene Bild in seinem Kopf. Er verbarg sich nicht – und wurde doch falsch gesehen; gute Menschen können sich leichter in schlimme hineindenken als diese in jene – er erriet besser, als er erraten wurde. Bloss Klotilde verdient eine Schutzrede, dass sie meinen Helden bis nach dem Essen – unter welchem Le Baut, der grösste Erzähler dieses erzählenden Jahrhunderts, seine Rolle durchführte – für zu boshaft und satirisch hielt