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neue Trennungen

Ich will jetzt entüllen, was ich im vorigen Kapitel verbarg. – Da Emanuel an jenem elysischen Morgen des Wahnsinus zu Julius gesagt hatte: "Schatten! weiche!" so fuhr er fort: "Gaukle den blinden Sohn meines Horions (des Lords) nicht nach, der mich noch für seinen Vater hältfürchte dich vor Gott, der vorüber ging, und verschwinde!" – Und zu Viktor wandte er sich: "Schatten! wenn du nicht weisst, wer du bist, und deinen Vater Eimann nicht kennst: so falle wieder auf die Erde hinab und in den Schatten hinein, den dort mein Viktor wirft." – – Und da Viktor am andern Tag den Sterbenden auf diese Worte führte: so fragte er beklommen: "Ach hab' ichs denn nicht im Wahnsinn gesagt, als ich wähnte, im land jenseits der Erden-Eide zu sein?" und er kehrte stumm das erschrockene Angesicht gegen die Wand....

Er hat es also im Wahnsinn des Todes herausgesagt, dass Julius der Sohn des Lords und Viktor der Sohn des Pfarrers Eimann ist.... Aber welche helle weite Beleuchtung gibt nicht dieser Vollmond unserer ganzen geschichte, auf die bisher nur eine Mondsichel schien! –

Ich gesteh' es, schon beim ersten Kapitel fiel es mir auf, dass Viktor ein Arzt war: jetzt ist es erklärt; denn der medizinische Doktorhut war die beste Montgolfiere und das Wünschhütlein für einen bürgerlichen Legaten des Lords, um damit leichter um den Tron zu schweben und auf den mürben Jenner einzuwirken; auch konnte Viktor nach seiner künftigen Devalvation und nach dem Verlust des Federhuts am besten in den medizinischen sein tägliches bürgerliches Brot einsammelnsah der Lord. Das war ein Grund, warum dieser jenen für seinen Sohn ausgab. Ein an derer ist: Viktor war der Rolle beim Fürsten durch seine Laune, Gewandteit, gefälligkeit u.s.w. am meisten gewachsen, wozu noch die empfehlende Ähnlichkeit trat, die er mit dem fünften, bis jetzt noch verlornen Sohne, den Jenner so liebte, in allem, das Alter ausgenommen, besass. Da nur ein Leibarzt der Günstling sein sollte: so konnte der Lord keinen von den fürstlichen Söhnen dazu nehmen, weil diese Juristen werden mussten, um in die künftigen Ämter einzupassen. – Seinen eignen Sohn Julius konnte' er nicht brauchen, weil er blind warbeiläufig! der Lord war auch einmal blind und vermehret also die Beispiele der von Vater auf Sohn forterbenden Blindheit durch seines –; aber auch ohne die Blindheit konnte' er wegen seiner uneigennützigen Delikatesse unmöglich seinen Sohn die Vorteile der fürstlichen Gunst erbeuten lassen, indes er die eignen Söhne Jenners von ihnen entfernte. –

Du guter Mann ohne Hoffnung! wenn ich jetzt deine dichterische Erziehung des Blinden mit deinen kalten grundsätzen vergleiche, wenn ich berechne, wie duabgestorben den lyrischen Freudenverhärtet für die Tränen des Entusiasmusgleichwohl die mit Augenlidern verhangne dunkle Seele deines Julius von seinem Lehrer füllen lässest mit dichterischen Blumenstückenmit Tauwolken der Rührungund mit dem Nebelstern des zweiten Lebens: so vermehret es ebensosehr meine Schmerzen als meine Hochachtung, dass du nichts auf der Erde findest, was du an dein ausgehungertes Herz drücken kannst, und dass du dein auf leeren Tränendrüsen verwelktes Auge kalt aufhebst gegen den Himmel und auch da nichts siehest als ein wüstes ödes Blau! –

Diese schmerzliche Betrachtung machte Viktor noch früher als ich. – Aber zur geschichte! Die vergangne zog tausend Stacheln durch sein Herz. Wir kennen jetzt unsern sonst frohen Sebastian nicht mehrer hat vier Menschen verloren, gleichsam um die vier Pfingsttage damit abzuzahlen: Emanuel ist verschwunden, Flamin ist ein Feind geworden, der Lord ein Fremder und Klotildeeine Fremde. Denn er sagte zu sich: "Jetzt, da sie so weit über mich gerückt ist, will ich der Leidenden, der ich schon so viel genommen, nicht gar alles kosten, nicht gar die Liebe ihres Vaters und ihren Standich will nicht auf ihre in der Unwissenheit meiner Verhältnisse geschenkte Liebe dringen. – Nein, ich will gern meine Seele von der teuersten ablösen unter tausend Wunden meiner Brust und mich dann einsam hinlegen und zu Tod bluten." – Jetzt wurde' ihm dieser Vorsatz leicht; denn nach dem tod eines Freundes nehmen wir ein neues schweres Unglück gern auf unsere Brust, es soll sie eindrücken, denn wir wollen sterben.

Doch hatte das Schicksal in seinen zwei Armen noch zwei Geliebte gelassen: seinen Julius und seine Mutter. In jenem liebt' er so viele schöne Beziehungen; sogar das war eine, die es macht, dass man allzeit den liebt, mit dem man verwechselt wurde; und er wollte Vaterstelle bei jenem vertreten wie der Lord bei ihm, um diesem edlen mann nicht sowohl zu danken als nachzueifern. Und noch heisser umfing er mit seiner Seele die vortreffliche Pfarrerin, der schon bisher sein Herz in der sanften Wärme eines Sohnes entgegengeschlagen hatte. Ach wie wohl hätte es der kindlichen Brust, von welcher der bisherige Vater weggestossen war, in ihrem Sehnen getan, ans mütterliche Herz gedrückt zu werden und von der Mutter die Worte zu hören: "Guter Sohn, warum kömmst du so unglücklich und so spät zu mir?" Aber er durfte nicht, weil er sonst den Schwur, die Abkunft Flamins unter der Decke des Geheimnisses zu lassen, gebrochen hätte.

Er sperrte sich vier Tage mit dem Blinden ins