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ausserhalb dem Teater der Beängstigung ruhete ein seliger Abend auf den rot übersonnten Fluren unter freudigen, flatternden, singenden, trunknen Wesen.

Emanuel schaute still in die Sonne, die tiefer in die Erde drang; er krallte nicht am Deckbette wie andre, sondern hob seine arme empor wie zu einem Fluge oder zu einer Umarmung. Viktor nahm seine geliebten hände, aber sie hingen ohne Druck in seine nieder. Und als die Sonne wie eine lodernde Welt am Gerichtstage untersank in einer aufschiessenden letzten Lohe: so blieb der Stille mit kalten Augen an der leeren Stelle der Sonne und merkte den Untergang nicht; und Viktor sah plötzlich wechselnde Blitze der Todessense gelb über das unverrückte Antlitz gehen. – Da gab er zerrüttet dem Julius die Flöte und sagte gebrochen: "Spiele das Lied der Entzückung, jetzt stirbt er." –

Und Julius presste mit strömenden verfinsterten Augen den schluchzenden Atem in die Flöte und erhob seine Seufzer zu himmlischen Tönen, um die entrinnende Seele unter ihrer Auswurzelung mit dem Nachklange der ersten Welt, mit dem Vorklange der zweiten Welt zu verhüllen und zu betäuben. –

Und als unter dem lied ein seliges Lächeln über einen unbekannten Traum das erkaltende Gesicht verklärteund als bloss eine Zuckung der Hand die Hand des trostlosen Freundes drückte, und bloss die Zuckung mit dem Augenlid winkte und weiter hinab die blassen Lippen öffnete und vergingund als die Abendröte die bleiche Gestalt bedeckte – – siehe da trat der Tod, kalt gegen die Erde und unsern Jammer, eisern, aufgerichtet und stumm, durch den schönen Abend unter die Lindenblüte hin zur überdeckten Seele im beruhigten Leichnam und reichte die verhüllte Seele mit unermesslichem Arm von der Erde durch unbekannte Welten hindurch in deine ewige warme väterliche Hand, die uns geschaffen hatin das Elysium, für das du uns gebildet hastunter die Verwandten unsers Herzensin das Land der Ruhe, der Tugend und des Lichts....

Julius stockte aus Schmerz, und Viktor sagte: "Spiele das Lied der Entzückung fort, er ist erst gestorben." – Unter den Tönen drückte Viktor dem Geliebten die Augen zu und sagte mit einem Herzen über der Erde: "Nun schliesset euch zuder Geist ist über der Erde, dem ihr das Licht gegebendu blasse geheiligte Gestalt, du geheiligtes Herz, der Engel in dir ist ausgezogen, und du fällst in die Erde zurück." – Und hier umschlang er noch einmal die leere kalte Hülle und drückte das Herz, das ja nicht mehr schlug, ihn nicht mehr kannte, an sein heisses an; denn die Flötentöne rissen seine bleichen Wunden zu weit auseinander. – O es ist gut, dass bei dem Menschen, wenn er im grimmigen Weh zu festem Eis erstarrt, keine Töne sind: die weichen Töne leckten aus der durchbohrten Brust alles traurige Blut, und der Mensch würde an seinen Qualen sterben, weil er vermöchte, seine Qualen auszudrücken....

Hier falle mein Vorhang vor alle diese Szenen des Todes, vor Emanuels Grab und vor Horions Schmerz! – Ich und du, mein Leser, wollen nun aus dem fremden Sterbezimmer gehen, um in nähere zu schauen, wo wir selber erliegen, oder wo unsere Teuersten erlagen. Wir wollen in jenen Zimmern unser Totenbette erblicken, aber unser Auge falle nicht nieder; – die Flamme der Liebe und der Tugend lodert aufwärts über die Verwesungen wir sehen um das Totenbette eine Bahre als Ruhebank, auf die alle Lasten abgelegt sind und das auseinandergedrückte Herz auchwir sehen um das Totenbette eine grosse unbekannte Gestalt, die vom Ebenbilde Gottes den ErdenRahmen bricht. – Aber wenn das Herz gross wird neben unserem Ruheort, so wird es weich neben dem fremden. – Wenn du, mein Leser, und wenn ich jetzt mit dieser bewegten Seele in die Zimmer blicken, wo wir die ewigen Wunden der Erde empfingen, so werden uns die blassen Gestalten, die darin ihre Totenaugen noch einmal gegen uns aufheben, zu sehr erschüttern und verwunden. – Ach, das dürft ihr auch, ihr geliebten Stummenwas haben wir euch denn noch zu geben als eine Träne, die uns schmerzet, als einen Seufzer, der uns beklemmt? Ach wenn der Trauerflor auf unserm Angesicht so bald zerreisset wie der Leichenschleier auf euremwenn der Grabmarmor mit eurem Namen sich auf eurer Leiche umkehren muss, um eine neue mit ihrem neuen Namen zu bedecken – o! wenn wir alle die ewige Liebe, das ewige Erinnern so leicht vergessen, das wir euch in eurer letzten Stunde versprochen haben; – ach so ist ja in diesen brausenden Tagen des Lebens eine stille Stunde wie diese heilig und schön, wo wir uns gleichsam an die eingefallnen Gräber mit den Ohren niederlegen und tief aus der Erde, obwohl jeden Tag dunkler, die Stimmen, die wir kennen, rufen hören: "Vergesset uns nichtvergiss mich nicht, mein Sohnmein Freundmeine Geliebte, vergiss mich nicht!"

Nein, wir wollen euch auch nicht vergessen. Und wenn es uns immerhin zu wehe tut: so rufe doch jeder von uns in dieser Minute die teuersten Gestalten aus ihren Ruhestätten vor sich und schaue die verwesten Züge, die wieder geöffneten Augen voll Liebe, die so lange geschlossen waren, und das teure aufgedeckte Angesicht recht lange an, bis ihm die alten Erinnerungen an die schönen Tage ihrer Liebe das Herz zerbrechen, und er nicht mehr weinen kann.

39. Hundposttag

Grosse Entdeckung