meiner Erinnerung nicht aus der irdischen Abhängigkeit von meinem Körper; denn diese Abhängigkeit haben alle geistige Kräfte mit ihr gemein, und es müsste dann aus dieser Abhängigkeit auch der Untergang der andern folgen; und was bliebe denn noch zur Unsterblichkeit übrig?" – Emanuel sagte: der Gedanke der Wiedererkennung, so viel er auch Sinnliches voraussetze, sei so süss und hinreissend, dass, wenn sich die Menschen gewiss davon machen könnten, keiner eine Stunde hier würde zögern wollen, besonders wenn man den himmels-Gedanken ausmalte, alle grosse und edle Menschen auf einmal zu finden. "Ich habe mir oft" (sagt' er) "die künftige Erinnerung nach Ähnlichkeit der jetzigen ausgebildet und musste immer vor Entzückung aufhören, wenn ich mir dachte, wie in jener Erinnerung die Erde zu einer dunkeln MorgenAue und unser Leben zu einem weit entrückten, mit Mondschein erhellten Tag eingehen werde. – O wenn wir schon vor dem Bilde einiger Kinderjahre zerfliessen, wie sanft wird uns einmal das Bild aller Kinderjahre anblicken." – Viktor wehrte diese tödlichen Entzückungen ab, und nachdem er zum Übergange gesagt: "Eine Verbindung muss in jedem Fall diese Erde mit der zweiten haben", kam er auf etwas anders, das ihm in dieser Nacht so aufgefallen war .................
Ich verhüll' es heute noch, was Viktor fragte und was Emanuel entdeckte; die neue Perspektive würde unser Auge zu lange vom grossen Kranken abziehen.
Der Blinde hielt ängstlich die heisse Hand desselben in einem fort, um den geliebten Vater nicht zu verlieren; und wenn ihm Emanuel lange sanften Trost über seinen Tod, gleichsam kühle Blätter um die entzündeten Schläfe herumgelegt hatte: so sagte er nichts als innigst flehend: "Ach Vater, wenn ich dich nur gesehen hätte, nur einmal!" –
Emanuel schien gefasst zu sein; aber er täuschte sich; seine jetzige Gleichgültigkeit gegen die Erde war im grund schneidender als die nächtliche, die bloss ein anderer, mit den Zaubertränken der Phantasie vermischter Genuss des Lebens war. In seine Reue über seinen dichterischen Selbermord schien sich fast Freude über die Folgen zu mengen. Daher sagte er mit einem rührend-gewissen Blicke: "heute gegen Abend werde' er gewiss gehen und seine zwei letzten und besten Freunde nicht mehr mit diesen Verzögerungen des Abschiedes quälen. – Der Genius der Welten werde ihm seine letzten Fehler vergeben und auf die hiesige Entfernung von ihm, die ihm zu lange wurde, dort keine zweite folgen lassen."
Je länger er sprach, desto mehr rückte das alte Blüten-Eden wieder in seine matte Seele ein. – Jetzt tat er eine sonderbare herzzerschneidende Bitte an seine Freunde. Da bekanntlich das Gehör den Sterbenden am längsten bleibt, indes schon alle andere Sinnen sich gegen die Erde zugeschlossen haben: so sagte Emanuel zu Viktor: "Sobald du siehest, dass es sich mit mir ändern will, so gib deinem Julius die Flöte, und du! spiele mir dann das alte Lied der Entzükkung, damit ich an den Tönen sterbe, wie ich schon oft wünschte, und spiele es auch noch einige Minuten nach dem Ende fort."
Er dachte nun darüber nach, wie schön um seine letzten Gedanken Töne ziehen würden, wie Vogelgesang um die untergehende Sonne; und in seinem erloschenen geist flogen wieder die alten Funken auf: "Ach ich werde selig von hinnen ziehen. O meine Seele konnte in dieser Nacht schon diesem Erdboden einen überirdischen Schmuck anlegen und ihn für Eden halten: ach erst wenn der Boden schöner und die Seele grösser ist..."
Er wurde wieder ohnmächtig, aber der Puls schlug noch leise. – Und hier in diesem Hinbrüten war es, wo er von der Erde als letzte Gabe den schauderhaftsüssen Traum empfing, in welchen der Körper die Gefühle seiner Kränklichkeit mischte und den er nach seiner Wiederbelebung mit einem neuen Nachträumen erzählte. Es ist der letzte sanfte Dreiklang unsers Körpers mit unserer weichenden Seele, dass er ihr noch in seiner Auflösung (wie wir von Ohnmächtigen, von Scheintoten unter dem wasser etc. wissen) süsse Spiele und Träume zuführt. –
Traum Emanuels, dass alle Seelen eine Wonne
vernichte
Er ruhte verklärt in einem durchsichtigen farbichtdunkeln Tulpenkelch, der ihn hin- und herwiegte, weil ein sanftes Erdbeben die Tulpenlaube auf der gebognen Stütze zu taumeln zwang. Die Blume stand in einem magnetischen Meer, das den Seligen immer stärker zog; endlich drückte er, hinausgesogen, sie nieder und sank als eine Tauperle aus dem umgebognen Kelche heraus...
Welch eine Farben-Welt! Ein Flockengewimmel von Ätergestalten wie seine stand schwebend über einer weiten Insel, um welche ein rundes Geländer von grossen Blumen aufgeblättert spielte – mitten über den Himmel der Insel flogen Abendsonnen hinter Abendsonnen – tiefer neben ihnen liefen weisse mond nahe am Horizont kreiseten Sterne – und sooft eine Sonne oder ein Mond hinunterflog, schaueten sie himmlisch wie Engelaugen durch die grossen Blumen am Ufer hindurch. Die Sonnen wurden von den Monden durch Regenbogen geschieden, und alle Sterne liefen zwischen zwei Regenbogen und stickten silbern die bunte Ringkugel des himmels. Übereinander stiegen hinauf bunte Wolken, in denen ein Kern von Gold, von Silber, von Edelsteinen brannte – von Schmetterlingflügeln waren Staubwolken abgestreift, die wie fliegende Farben den Boden überhüllten, und aus dem Gewölke blitzten reissende Lichtflüsse, die sich alle ineinander verschlangen...
Und in diesem Farben-Getümmel ging eine süsse stimme umher und sagte überall