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: so breitete er seine hände verzückt gegen den Himmel, der blau war über dem Berge, und gegen den Mond, der heiter neben dem Gewitter ruhte, und rief brechend mit seligen Tränen: "Habe Dank, Ewiger, für mein erstes Leben, für alle meine Freuden, für diese schöne Erde." –

Um Maiental zogen Julius' Flötentöne, und er sah auf die Erde nieder.

"Und bleibe du gesegnet, du gute Erde, du gutes Mutterland, blühet, ihr Gefilde Hindostans, lebe wohl, du schimmerndes Maiental mit deinen Blumen und mit deinen Menschenund ihr Brüder alle, kommt mir nach einem langen Lächeln selig nach. Jetzt, o Ewiger, nimm mich hinauf und tröste die zwei Bleibenden."

Die Todesengel standen auf allen Wolken und zogen ihre blitzenden Schwerter aus den Nächtenein Donner schlug hinter dem andern, wie wenn aufgeworfen würde eine Gefängnistür des Erdenlebens nach der andern.

Der schreckliche Lichtpunkt hatte sich verkrochen aus der Mitte der Luft in den Pulverturm.

Die Todesstunde war schon vorüber und doch das Leben noch nicht.

Emanuel zitterte sehnend und bange, weil er noch kein Sterben fühltebewegte die hände, als wenn er sie jemand geben wolltestarrte in die Blitze, als wenn er sie auf sich ziehen wollte....

"Tod! fasse mich," rief er ausser sich – "ihr gestorbnen Freunde! o Vater! o Mutter! brecht ab mein Herz, nehmet michich kann, ich kann nicht mehr leben." – –

Da fuhr ins Gewitter eine lodernde rasselnde Weltkugel hinauf, und der Pulverturm zerschoss wie eine auseinandergesprengte Hölle. –

Der Knall warf den flammenden Emanuel erblasst in sein Blumengrab; der ganze donnernde Osten zitterte; der Mond und der Regenbogen wurden zugehüllt....

Die selige Nachmitternacht

Viktor regte, sinnlos darniedergeworfen, endlich den Arm und tastete damit an das kalte Angesicht, aus dem heute das tolle Totengebein diese Nacht gelesen hatte und das aus dem grab ragte, gegen Himmel gekehrt. Er warf sich darüber und drückte seins an das bleiche. Eh' noch seine Tränen durch den harten Schmerz sich durchgerissen hatten: trugen die Wolken ihre Sturmfässer und ihre Leichenfackeln zurück, und durchsichtige Schaumflocken überflossen weichend den Mond und senkten sich endlich über das ganze Tal und über das stille Paar in tausend warmen Tropfen nieder, die den Menschen so leicht an seine erinnern. Der von einem der drei Engländer aufgesprengte Pulverturm hatte das Seetreffen der brennenden Wolken zertrennt.

Das zerstückte Gewitter hatte sich in kleinen Wolken herumgezogen und stand über der Mitternachtröte in Nordosten, als die kalte Betäubung die beiden Menschen noch zusammenheftete; endlich kam von oben herab eine heisse Hand zwischen ihre Angesichter, und eine furchtsame stimme fragte: "Schlafet ihr?"

"O Julius," (sagte Horion) "komm ins Grab, dein Emanuel ist gestorben"....

Ich mag die grausamen Minuten nicht zählen, die zwei Unglückliche liegen liessen mit dem Stachelgürtel des Jammers an einen Erblassten gebunden. Aber schönere kamen, die vorher jedes Wölkchen aus dem Himmel drückten und den angelaufnen Mond abwischten und dann die heissen Augen öffneten vor der gereinigten abgekühlten Silbernacht.

"Ach er ist wohl nur ohnmächtig?" sagte Viktor sehr spät. Sie richteten sich seufzend auf. Sie zogen müde den Geliebten aus dem grab. Sie wollten ihn in seine wohnung hinuntertragen, um da die Sonnenwende dieser schönen Seele wie der Johannissonne wieder zu erzwingen. Mit den dünnen Kräften, die ihnen der Gram noch übrig gelassen, und mit dem wenigen Licht, das noch in zwei nasse Augen kam, rangen sie sich mit dem zerknickten Engel, indes zwei arbeitende Schatten neben ihnen fürchterlich einen dritten im Schimmer trugen, vom Berge in die Wiesen herunter. Hier ging Viktor allein ins Dorf, um vielleicht einen tröstlichern als einen Leichenwagen zu besorgen. Der Blinde hielt sich an einen Birkenbaum, Emanuel schlief wie die andern Blumen, und auf ihnen, vor dem mond... Aber Julius hörte plötzlich den Toten reden und ihn durch das Gras streifen; und er rannte, von Entsetzen verfolget, davon....

Genius der Träume! der du durch den neblichten Schlaf der Sterblichen trittst und vor der einsamen, in einen Leichnam gesperrten Seele die glücklichen Inseln der Kindheit heraufziehest, o der du darin unsern verwesten Freunden wieder Wangenblüte gibst und unserm armen wahnsinnigen Herzen vergangne Himmel zeigst und Eden-Widerschein und rinnende Auen auf Wolken! – Magischer Genius! tritt in diese heilige Nacht vor einen Menschen, der nicht schläft, und wende deinen überflorten Spiegel auf mein offnes Auge, damit ich darin die elysische Lichtwelt, die mit unserm Erdschatten kämpfet, in der doppelten Verfinsterung als eine blasse Luna sehe110 und male! –

Die entzückte stimme des Toten rief: "Sei gegrüsset, du stilles Elysium! o du schimmerndes Land der Ruhe! nimm den neuen Schatten auf- ach wie glimmst du sanftwie wehest du sanft wie ruhest du sanft"....

Emanuels Augen waren aufgegangen; aber in seinem Gehirn brannte der elysische Wahnsinn, er sei gestorben und erwache in der zweiten Welt. O du Überseliger! dich umfing ja auch ein blinkendes Edenach dieses Schimmern, dieses Wehen, dieses Duften, dieses Ruhen war zu schön für eine Erde. Der Mond überwebte mir Silberfäden wie mit fliegendem Sommergespinste das Nacht-Grünvon Blatt zu Blatt, von Bäumen zu Bäumen reichte die Funkendekke des überstrahlten