1795_Jean_Paul_049_252.txt

meinem Schlafkleide unter die Blumenund deck es morgen zugib aber nicht, du Guter, meinem kleinen Blumenstück solche harte Namen wie andre Menschenmorgen, sag' ich; heute geh sogleich heim zu deinem Julius, wenn ich...." (gestorben bin, wollt' er sagen, konnte' aber die weiche Umschreibung vor Rührung nicht finden.)

Ach das gebrochne Auge riss Horion mit einem Seufzer heraus aus der kalten offnen Grotte seines Geliebten, und er konnte nicht hinabsehn zu dem Blumenflor darin. Er schluchzete laut und sah aus Tränen zergangen in Emanuels Angesicht, um zu sehen, ob er lebe oder sterbe. Zwei Johanniswürmchen durchkreuzten einander in glimmendem Bogen über dem grab, sie senkten sich daneben hin und löschten aus, denn ihr Licht vergeht mit ihrer Bewegung.

In Viktors Wunden griff jetzt der Donner mit seinem ersten Schlagden östlichen Horizont deckte ein zerfliessender Blitz, und die Flamme lief über die Alpengebirgedie Gewitterstange auf dem Pulverturm schimmerte, seine Gewitterstürmer erklangen, die Irrwische spielten um den Turm, und mitten in der Luft rückte ein schwebender Lichtpunkt fürchterlich auf ihn zu.

In Maiental wurde elf Uhr ausgerufenum zwölf Uhr glaubte Emanuel dahin zu sein. – Endlich fiel Emanuel, selber vom fremden Kummer übermannt, an seinen Freund und sagte: "Was hast du mir noch zu sagen, mein Geliebter, mein unaussprechlich teurer Freund? – Meine Stunden sind dahinunser Lebewohl kommtsage deines und störe dann mein Sterben nicht. – Sei still, wenn der Tod den Berg heraufsteigt, und jammere nicht nach, wenn er mich erhebt. – Was hast du mir noch zu sagen, mein ewig Geliebter?" – "Nichts mehr, du Engel des himmels! ich kann auch nicht", sagte der verblutete Mensch und legte das gedrückte Haupt mit Tränenströmen auf Emanuels Schulter.

"Nun so brich dein Herz von meinem ab und lebe wohlsei glücklich, sei gut, sei grossich habe dich sehr geliebt, ich werde dich noch einmal lieben und dann unendlichGuter! Treuer! Sterblicher wie ich! Unsterblicher wie ich!"

Die Gewitterstürmer läuteten heftigerder schwebende Licht- punkt trat an den Pulverturmalle eingehüllten Wolken-Vulkane tobten nebeneinander und warfen ihre Flammen zusammen, und die Donner gingen wie Sturmglocken zwischen ihnendie beiden Menschen lagen aneinander dicht, stumm, keuchend, drückend, zitternd vor dem letzten Wort.

"O sprich noch einmal, mein Horion, und nimm Abschied von deinem Freundsage nur zu mir: Ruhe wohl! und lasse den Sterbenden."

Horion sagte: "Ruhe wohl!" und liess ihn. Seine Tränen hörten auf, und seine Seufzer verstummten. Der Donner schwieg fürchterlich. Die natur ordnete stumm ihr Chaos im Gewitter. Kein Blitz schimmerte durch das Trauergerüste am Himmel. Bloss das Totengeläute der Gewitterstürmer sprach noch fort, und der Lichtpunkt rückte noch fort.

Unter der weiten Stille lag der Schlaf, die Träume und eines Freundes trostloses Herz.

In dieser Ewigkeit-Stille trat Emanuel ohne eine fremde Hand an die hohe Pforte, die schwarz hinaufsteigt über die Zeit.

Die Stille ist die Sprache der Geisterwelt, der Sternenhimmel ihr Sprachgitteraber hinter dem Sternengitter erschien jetzt kein Geist, und Gott nicht.

Es kam die Minute, wo der Mensch seinen Körper ansieht und dann sein Ich und dann schaudert. – Das Ich steht allein neben seinem Schattenein Schaumglobus von Wesen zittert, knistert und wird niedriger, und man hört die Bläschen verschwinden und ist eines.

Emanuel schaute hinein in die Ewigkeit, sie sah wie eine lange Nacht aus.

Er sah um sich, ob er keinen Schatten werfeein Schatten wirft keinen Schatten.

Ach ein Stummer legt den Menschen in die Wiege, ein Stummer drückt ihn ins Grab. – Wenn er eine Freude hat, sieht es aus, als lachte ein Schlafenderwenn er jammert und weint, sieht es wie das Weinen im Schlafe. – Wir blicken alle zum Himmel auf und bitten um Trost; aber droben im unendlichen Blau ist keine stimme für unser Herznichts erscheint, nichts tröstet uns, nichts antwortet uns. –

Und so sterben wir....

– O Allgütiger! wir sterben froher; allein der arme Emanuel kämpfte in der stillen Finsternis mit grimmigen Gedanken, die er so lange nicht gesehen hatte und die nach seinem erbleichenden Angesicht krallten. Aber diese Larven rennen davon, wenn ein freundliches Bruderangesicht vor dich tritt und dich umarmt. – Horion richtete sich auf und erwärmte den Gebeugten durch einen stummen Abschied wieder. Ein Sturmwind stürzte sich aus dem klaren Westen in die stumme arbeitende Hölle und jagte alle Blitze und alle Donner heraus. Siehe da flog aus dem zurückgewehten Gewölke der lichte Mond wie ein Engel des Friedens in das unbesudelte Blaue herausda unterschied sich im Lichte Emanuel von seinem Schattenda beschien der Mond einen Regenbogen aus blassen Farbenkörnern, der in Südosten (der Pforte nach Ostindien) durch die dunklen Flutsäulen drang und sich über die Alpen bogda sah Emanuel die vorige Himmelleiter wieder über die Erdennacht gelehntda kam die Entzückung ohne Mass, und er rief mit ausgebreiteten Armen: "Ach dort in Morgen, in Morgen, über die Strasse nach dem Vaterland, da schimmert der Triumphbogen, da öffnet sich die Ehrenpforte, da ziehen die Sterbenden hindurch"...

Und da es jetzt zwölf Uhr schlug