weil er die fixe idee herumtrug, der Tod setze ihm nach und woll' ihn an der linken Hand, die er deswegen verdeckte, ergreifen und wegziehen; drittens weil er vorgab, er sehe' es denen, die bald sterben würden, am gesicht an, über welches sich alsdann schon die Einschnitte und Abszesse der Verwesung ausbreiteten. In Moritz' Erfahrungseelenkunde109 ist ein ähnlicher Mensch beschrieben, der auch imstande sein soll, die Vorposten des Todes und seine zerreibende Hand auf Gesichtern vorauszusehen, die andern glatt und rot vorkommen, indes er sie mit dem Höllenstein der Verwesung ausgestrichen erblicket. – Dieses Totengebein war es, das in der Nacht des vierten Pfingsttages, als Klotilde auf dem Kirchhof war, ausrief: "Tod! ich bin schon begraben." – Viktor und Emanuel gingen unter dem Geläute der zwölften Stunde nach haus und vor einem Hügel vorüber, woran das Totengebein beklemmt sass; es bohrte sich die linke Hand, wornach der Tod griff, tief unter die Achsel: "Brrr!" (sagt' es schüttelnd zu Emanuel) "Er hat dich, aber nicht mich! Lauter Moder hängt an dir 'runter! Die Augen sind weg! Brr!"
Die Worte der Wahnsinnigen sind dem Menschen, der an der Pforte der unsichtbaren Welt horcht, merkwürdiger als die des Weisen, so wie er aufmerksamer den Schlafenden als den Wachenden, den Kranken als den Gesunden zuhört. Viktors Blut erstarrte unter dem eiskalten Griff in sein warmes Leben. Das tolle Gebein rannte fort, die linke Hand mit der rechten verbauend. Viktor nahm seines Freundes linke, blickte zur warmen Sonne auf und suchte sich zu verbergen und zu erwärmen und konnte nichts sagen. Unten am tiefblauen Himmel rauchten kleine Nebel auf, die Keime eines Abendgewitters; und in der schwülen Luft flog nichts als Gewürm.
Emanuel war stiller und fast ängstlich, aber es war nicht die Bangigkeit der Furcht, sondern jene Bangigkeit der Erwartung, mit der wir allemal auf die Falten und Bewegungen des Vorhangs grosser Szenen blikken. Die stechende Sonne erhielt das Paar zu haus. Dem vom schwülen Dunstkreis gedrückten Emanuel wurde fast der letzte Nachmittag zu lange. Aber sein Freund sah in diesem Dunstgewölbe immer ein moderndes Angesicht hängen, das sich in das geliebte frische einzuarbeiten schien, und immer hört' er das tolle Totengebein in seine Ohren sagen: "Seine Augen sind 'raus!"
In der schwülen Stille, wo die Sonne die Miniergänge des Donners grub und lud, und wo die zwei Freunde vor den Ohren des blinden Julius nur mit Blicken von der heutigen Zukunft reden durften, stand gegen 4 Uhr ein fächelnder Abendwind auf, der alle hängende Flügel und Häupter erfrischte. Emanuel liess diese kühlen Wogen herein, die einwiegend und beruhigend über die gebückten Blumen am Fenster liefen und an den schwankenden Falten der Vorhänge niederflossen und verirrt durch das duftende Laubwerk des Zimmers plätscherten. Da kam eine unendliche Stille, eine auflösende Wonne, ein unaussprechliches Sehnen in Emanuels Herz. Seine Kindheitfreuden – die Züge seiner Mutter – die Bilder indischer Gefilde – alle geliebte verstäubte Gestalten – der ganze gleitende Widerschein des Jugendmorgens floss vor ihm glimmend vorüber – eine wehmütige sehnsucht nach seinem Vaterland, nach seinen gestorbnen Menschen dehnte seinen Busen mit süssen Beklemmungen aus. Dieses immergrüne Palmenlaub der Jugenderinnerung legte er als kühlendes Kraut um seine und Horions Stirne, und den ganzen ersten Kreis seines Daseins trug er aus dem indischen Eden in dieses enge Gehäuse vor seine zwei letzten Geliebten herüber. Aber da er so die Asche der Freuden – Phönixe auf dem Altar der Abendsonne aufhäufte – da er so am Ausgange über alle hintereinander liegende elysische Felder seines Lebens hinübersah – da vor ihm die ganze Erde und das Leben, mit Morgentau und Morgenrot überzogen, sich in den dämmernden Spielplatz des Menschen verwandelten: so war er seiner Rührung und seines zerschmolznen Herzens nicht mehr mächtig, sondern im seligen Zittern, im bebenden Dank gegen den Ewigen bat er den Blinden, die Flöte zu nehmen und ihm das Lied der Entzückung, das er sich allemal am Morgen des neuen Jahrs und seines Geburttages spielen liess, als Echo des austönenden Lebens nachzusenden.
Julius nahm die Flöte. Horion ging hinaus unter einen laut rauschenden Baum und sah in die tiefere Abendsonne. Emanuel stellte sich am wehenden Fenster dem Purpurstrom des Abendlichtes entgegen, und das Lied der Entzückung fing an und floss in Strömen in sein Herz und um die eingesunkne Sonne.
Und da die Sphären-Laute von der Sonne auszuwallen schienen, die in der Abendröte wie ein Schwan, in Melodien aufgelöset, in Goldrauch und in Freudentau vor Gott aus Entzücken starb und da vor Emanuel alle Blumen, womit die ewige Güte unser Herz bedeckt, und alle Wonnegefilde, durch die ihre sanfte Hand den ungewissen Menschen führt, wie Engel vorüberflogen – und da er die künftigen Himmel näherrücken sah, in die der Weg des Lebens geht – und da er sah diese unendlichen arme alle wunde Herzen decken, über alle Jahrtausende reichen, alle Welten tragen und ihn, ihn kleinen Erdensohn doch auch: o da konnte er unmöglich das volle Herz mehr halten, es brach ihm vor Dank, und aus seinen Augen fielen wieder die ersten – Tränen nach langen langen Jahren. Diese heilige Tropfen verwischte er nicht; in ihnen zerlief die Abendröte in ein loderndes Meer; die Flöte verhallete; Viktor fand die schimmernden Augen noch; Emanuel sagte: "O sieh, ich weine vor Freude über meinen Schöpfer" – – Dann gab es unter den erhobnen