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hineinschauen. Bloss Worte, von Tugend und Empfindung beflügelt, sind die Bienen, die den Samenstaub der Liebe in solchen Fällen von einer Seele in die andre tragen. Eine solche bessere Liebe aber wird vom kleinsten unmoralischen Zusatz vernichtet; wie könnte sie sich zusammensetzen und heraufläutern in einem besudelten Herzen, das der Hochverrat gegen einen Freund erfüllte? Viktor wollte schon um halb zehn Uhr ins Schloss, aber die Kammerherrin hatte die Augenbraunen und den Seidenpudel noch nicht ausgekämmt. – Seebass brachte ein Billet an Flamin: "Ich sehe Sie, mein Teuerster, heute nicht. Mich binden drei Grazien an; und die dritte haben Sie selber geschickt. Sagen Sie Ihrem britischen Freunde, er soll mich lieben, da ich Sie liebe. Ohne Sympatie kann wohl die Chirurgie bestehen, aber nicht die Freundschaft.

Ihr

Mattieu."

Ein närrisches Billet! Als Viktor hörte, dass Agate die dritte Grazie sei: so war ihm ein grosses Loch in den Vorhang des Teaters geschnitten, auf welchem Mattieu Flamins Freund und Agatensersten Liebhaber machte. Nichts ist fataler als ein Nest, worin lauter Brüder oder lauter Schwestern sitzen; gemischt zu einer bunten Reihe muss das Nest sein, Brüder und Schwestern nämlich schichtweise gepackt, so dass ein ehrlicher Pastor fido kommen und nach dem Bruder fragen kann, wenn er bloss nach der Schwester aus ist; und so muss auch die Liebhaberin eines Bruders durchaus und noch nötiger eine Schwester haben, deren Freundin sie ist, und die der Henkel und Schaft am Bruder wird. Unsre türkische Anständigkeit verlangte also, dass Mattieu mit seinem Operngucker nach Flamin zielte, um Agaten zu sehen; und dass Klotilde diese besuchte, da Flamin als Mann ohne Ahnen, aber von Ehre durchaus seine bürgerlichen Besuche dem kammerherrlichen haus nicht aufdrang. Klotilde kam oft; und war dadurch in einem mir bis jetzt unaufgelösten Widerspruch mit ihrem weiblich-erhabnen Charakter.

Flamin tauchte Mattieus Bild in einen ganz andern Färbekessel als der Mutter ihren: ein lüderliches Genie war er und nichts Schlimmers. Er machte alles in der Welt nach, und ihn konnte man nicht nachmachener konnte alle Spieler der Flachsenfinger truppe nachspielen und travestieren und die Logen dazuer verstand mehr Wissenschaften als der ganze Hof, ja mehr Sprachen, bis sogar auf die Stimmen der Nachtigall und des Hahns, welche er so täuschend nachmachte, dass Petrarca11 und Petrus davongelaufen wärener konnte bei den Weibern tun, was er wollte, und jede Hofdame entschuldigte sich mit der anderndenn es gehörte einmal zum Ton in Flachsenfingen, seine Treue einmal auf die probe gesetzt zu haben. – Man sagt, die Liebe gegen ihn wurde wie ein Strumpf bei der Wade zu stricken angefangen, es ist aber grundfalsches ist daher bei so einer ununterbrochnen Mässigkeit in Hoflustbarkeiten kein Wunder, dass er stärker und gesünder war als der ganze ausgebrannte abgedampfte Hofnur stechend war er zu sehr und zu philosophisch und fast zu schelmisch.

Ich, Viktor und der Leser haben noch immer nur eine unbestimmte verwischte Kreidenzeichnung von Mattieu im Kopf. Meinem Helden gefiel er ein wenig, wie jeder exzentrische Mensch einem exzentrischen; es war sein Fehler, dass er der Kraft zu leicht die ihrigen, sogar moralische, verzieh. – Mit verdoppelter Neugierde trat er seinen Weg ins Schloss oder vielmehr in dessen grossen Garten an, der an jenes seinen Halbzirkel von grünen Schönheiten anschliesst. Er lief im Hafen eines Laubenganges ein und freuete sich, wie der durchlöcherte Schatten der Lauben, um deren Eisen-Gerippe sich weiche Zweige wie sanftes Haar um Haarnadeln wickelten, blendend über seinen Körper glitt. Neben seinem Laubengange strich ein anderer gleich. Er ging versäeten schwarzen Papierschnitzeln als Wegweisern nach. Das Geflüster des Morgenwindes warf von einem Zweige ein Blättchen feines Papier herab, das er nahm, um es zu lesen. Er war noch über der ersten Zeile: "Der Mensch hat drittalb Minuten, eine, um einmal zu lächeln...", als er an einen fast waagrechten Zopf anstiess' der eine schwarze Herkules-Keule war, verglichen mit meinem oder des Lesers geflochtenen Haar-Röhrchen. Den Zopf stülpte ein niedergekrempter Kopf empor, der in einem horchenden Zielen aus einer Lauben-Nische eine weibliche Silhouette ausschnitt, deren Urbild im Nebenlaubengang mit Agaten sprach. Auf Viktors Geräusche kehrte die person, der man das Halbgesicht durch die Nische entwendete, sich verwundert herum und erblickte den Inhaber des Zyklopen-Zopfes mit der Silhouettenschere und den Helden der Hundposttage. Der Inhaber drückte, ohne weiter ein Wort zu sagen, seine Künstler-Hand durch das Gesträuch und langte ihr ihren Schattenriss oder Schattenschnitt hinaus. Agate nahm ihn lächelnd; aber die Ungenannte schien jenen Ernst, der sich auf weiblichen Gesichtern in nichts von der Verachtung unterscheidet als in der Zweideutigkeit, gegen den Form- und Gesichterschneider anzunehmen, weil er den Verdacht des Horchens durch seine Schere zu sehr erweckte. Viktor konnte von der Ungenannten noch nichts als die Länge wahrnehmen, die, obgleich ein wenig vorgebogen gehalten, doch über das Gewöhnliche ging. Der Gesichterschneider drehte sich mit zwei blitzenden schwarzen Augen gegen Viktor herum, empfing ihn recht artig, wusste dessen Namen, sagte seinen eignen – – Mattieuund hatte beim achten Schritt schon vier gute Einfälle gehabt. Der fünfte war, dass er meinen Helden ungebeten dem Paar in der Seitenlaube vorstellte.

Das Laubsprachgitter hörte auf, eine weibliche Gestalt trat hervor, und Viktor war darüber so betroffen, dass er, der wenig von