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nächtlichen Nahrung gaben; und er sah sehnend in das ungestirnte Blau und berechnete den langen Weg bis zur zwölften Nachtstunde, wo aus dem Himmel die Sterne und der Tod mit seinem dunkeln unermesslichen Mantel, in dem er uns durch sein kaltes Reich trägt, vordringen würden. Sein Herz lag in einer süssen Mittagruhe, die zum teil vom körperlichen Ermatten und vom schönen Tag herkam. Eine innere Windstille, die nirgends so gross und so magisch ist als in Seelen, an denen Wirbelorkane hin und her gerissen haben, überdeckte sein ganzes Wesen mit einer sehnsüchtigen Wonne, die in andern Augen als seinen in Tränentropfen zerflossen wäre.

O Ruhe, du sanftes Wort! – Herbstflor aus Eden! Mondschein des Geistes! Ruhe der Seele, wann hältst du unser Haupt, dass es still liege, und unser Herz, dass es nicht klopfe? Ach eh' jenes bleich und dieses starr ist, so kommst du oft und gehst du oft, und nur unten bei dem Schlafe und bei dem tod bleibest du, indes oben die Stürme die Menschen mit den grössten Flügeln gleich Paradiesvögeln am meisten umherwerfen!

Emanuels Ruhe, womit er die Gastrolle des Lebens bis aufs letzte Merkwort ausspielte, womit er alles einpacktezurechtstellteanbefahlverabschiedete, trieb im gequälten Freunde Tränen und Stürme zusammen. Sein Herz war zwar vom Schicksal über einem steinichten Weg wund geschleift, aber die Entzündungen desselben kühlte jetzt der Gedanke des Todes sanft ab; doch konnte' er esbeim grössten Unglauben an Emanuels Tod nicht aushalten, es zu hören, wie ihm Emanuel den blinden Julius, dem man diesen Tod verbarg, von weitem mit den leisen Worten übergab: "Hab' ihn lieb wie ich, versorge, beschirme den Armen, bis du ihn dem Lord Horion übergeben kannst." Seine bebenden hände konnten kaum ein Paket an diesen Lord annehmen, das ihm der Freund mit zärtlichen Augen und mit den Worten reichte: "Wenn diese Siegel geöffnet werden, so haben meine Eide aufgehört, und du erfährst alles." Denn sein zartes Gewissen verstattete ihm nur den Inhalt, nicht das Dasein von Geheimnissen zu verbergen. – Es wird uns nicht wundern, da Viktors Adern eine Wunde um die andere empfingen, dass er, um nicht durch Wallungen ihr Bluten zu vermehren, den Flötenspieler bat, heute nicht zu spielen; Musik hätte an diesem Tag über sein zerflossenes Herz zu viele Gewalt gehabt.

Den Morgen verbrachten sie in Abschiedbesuchen bei alten Steigen, Lauben und Anhöhen; aber Emanuel machte hier nicht die grelle, tobende Gewaltrolle des fünften Akts; er schlug auf einer Erde, wo der Tod graset, keinen unphilosophischen Lärmen darüber auf, dass er die Blumen und die Saaten nicht mähen und das grüne Obst nicht gelben werde sehen; sondern mit einem höhern Entzücken, das sich jenseits des ErdenLenzes noch schönere versprach, machte er sich von jeder Blume los, ging er durch jedes Laub-Gewinde und Schatten-Nachtstück hindurch, zog er seine gleichsam in der Erde liegende verklärte Gestalt aus jedem Spiegelteiche, und eine liebevollere Aufmerksamkeit auf die natur zeigte an, dass er heute nachts dem näher zu kommen hoffte, der sie geschaffen. Er versuchte und Viktor vermied von allem diesen zu reden. "Nur nicht zum letzten Male!" sagte dieser. "Nicht?" (sagte Emanuel) – "Geschieht nicht alles nur einmal und zum letzten Male? – Scheidet uns nicht der Herbst und die Zeit so gut wie der Tod von allem? – Trennt sich nicht alles von uns, wenn wir uns auch nicht von ihm trennen? – Die Zeit ist nichts als ein Tod mit sanftern dünnern Sicheln; jede Minute ist der Herbst der vergangenen, und die zweite Welt wird der Frühling einer dritten sein. – – Ach wenn ich einmal wieder aus der Blumenfläche einer zweiten weiche, und wenn ich am himmlischen Sterbetag das Zwielicht von der Erinnerung zweier Leben sehe – – o in der Zukunft ruht eine Anlage zur unendlichen Wonne so gut wie zur Qual; warum schauert der Mensch nur vor dieser?" – Viktor bestritt die künftige Erinnerung. "Ohne Erinnerung" (sagte Emanuel) "gibts kein Leben, nur Dasein, keine Jahre, nur Terzienkein Ich, nur Vorstellungen desselbenEin Wesen zerfährt in so viel Millionen Wesen, als es Gedanken hatErinnerung ist bloss Bewusstsein der gegenwärtigen Existenz." – Auch der Dichter philosophiert, wenigstens für Dichtung und gegen Philosophie. – Viktor dachte: "Du Guter! mir, nicht dir macht' ich diese Einwürfe."

Es war gegen Mittag: der Himmel war rein, aber schwül; die Blumen meldeten das Zusammenziehen der Blitze durch ihr Verschliessen an; alle Auen waren Rauchaltäre, und Düfte gingen als Propheten der Gewitterwolken voraus. Mit der physischen Gewittermaterie häufte sich in Viktor die moralische aner dachte daran, dass oft ein heisser Tag den Schwindsüchtigen das Leben nehme; – er verwechselte zuweilen die Bitterkeit des Abschieds mit der Wahrscheinlichkeit desselben; denn der von der Luftperspektive der Furcht betrogne Mensch findet ein Schreckenbild desto näher, je grösser es ist; – er weinte, wenn er bloss daran dachte, dass er weinen könnte; aber gleichwohl würde die Vernunft die Oberhand über die Gefühle behalten haben, hätte nicht beide folgender Zufall betäubt.

In Maiental wohnte ein Wahnsinniger, den man bloss das tolle Totengebein hiess. Aus drei Gründen wurde' er so genannt: erstlich weil er ein Knochenpräparat von Magerheit war; zweitens