1795_Jean_Paul_049_247.txt

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Der Pfarrer hatte sich nämlich, sobald er die Verlobung vernommen, auf den Weg in die Stadt gemacht, um Mordtaten und Duelle seines Sohnes zu hintertreiben. Da unter dem Ankleiden nicht augenblicklich seine ganze Reiseuniform um ihn lag, so warf er seiner Familie leichte Rötelzeichnungen von den blutigen Auftritten und Blutgerüsten hin, auf die er sich, sagt' er, Rechnung mache, da er wahrscheinlich wegen des Anziehens zu spät ankomme. Der eingeschrumpfte Stiefel, den Appel am Feuer ein wenig abgetrocknet hatte, war nicht an das Bein zu bringenEimann keuchtezerrete – "es ist möglich," sagt' er, "dass sie jetzt schon einander zu leib gehen"; endlich liess er die arme kraftlos zurückfallen und setzte sich ruhig und aufrecht fest und wartete schweigend auf Anfeuern und Anfragen. Da nichts kam, sagt' er ergrimmt: "Welcher Satan nun in meinem haus mir den Stiefel so hat einlaufen lassen (in einen ledernen Zopf, durch ein Nadelöhr wollt' ich den Fuss treiben, aber darein nicht), der hat den Mord meines Kindes auf seiner Seele. – Ist denn kein Unglückkind da, das mir nur die Ferse mit ein wenig Schmierseife poliert?"- Unter dem Einfahren sah er Appeln noch eifrig an seinem Halbhemd platten: "Genug, Appel, recht gut!"- sagt' er – "ich knöpfe mich wahrlich nicht auf." – Sie glitt auf der Platte, dem Schrittschuh ihrer Hand, leicht dahin. "Tochter, das Hemd! wünscht dein Vater. Das Leben deines eignen Bruders wird von dir hasardiertes ist so viel, als gibst du ihm noch einen Gnadenstoss." Sie fuhr auf ihrem Handschlitten nur noch einmal behend über das Ganze und reichte ihms dann gern.

Unterweges entwarf sich der Kaplan einen haltbaren Geschäftgang bei der Sache. Er wollt' ihm erstlich nichts von der Verlobung eröffnendann wollt' er ihm nur den Busstext über den Maientaler Zweikampf lesendann ihm die Urfehde oder den Eid, zu ruhen, abgewinnenund erst zuletzt mit dem Bericht hervorbrechen. Unter dem Überdenken des Geschäftganges und der Gefahr lief er sich in eine immer heissere Angst hinein. So wie er sich und einen Patienten, der ein leichtes Ohrenbrausen hatte, einmal durch langes Folgern so weit hinauftrieb, dass sie beide in der nächsten Minute auf Schlagfluss und halbseitige Lähmung aufsahen: so benahm er sich durch eine malerische Behandlung der einzelnen Umstände eines gedenklichen Zweikampfs zuletzt so sehr alle Zweifel über einen schon vorgegangnen, dass er mit der festen Meinung unter dem Stadttor ankam, der Regierrat liege entweder in Ketten oder auf der Bahre. "Gott sei Dank, dass ich dich ohne Wunden sehe und ohne Ketten!" entfuhr ihm beim Eintritte; und er hätte beinahe seinen ganzen Geschäftgang verdorben, oder doch umgekehrt. Flamin bezog es auf das erste Duell: Eimann konnte desto leichter der Prozessordnung und Aderlasstafel seiner Massregeln nachkommen und sich sozusagen mit dem Duelle duellieren. Der schweigende Sohn setzt' ihm nichts entgegen alsWeissbier. Unter der Anschaffung hatte der Pfarrer an allen Stökken den Knopf gezogen, um zu sehen, ob es keine Stockdegen wären. Ein Pistolenfeuerzeug blieb ihm von weitem verdächtig. Eine nahe Doppelflinte an der Wand entzog ihm mit dem auf ihn gerichtetenSchafte viel von seinem Mut. Flamin entschuldigte seine Sprachlosigkeit mit der juristischen Überfüllung und Überfracht seines Kopfs und zeigte auf den Stoss Kriminalakten vor ihm. Als er ihm einen Erzählauszug daraus geben musste und als natürlich die Schlachtwörter Kerker, Blutschuld, Richtschwert wie ein zischender Kugelregen um Eimanns Ohren schweiften: so streckte sich die Angst, die er durch die schnellere Dusche des Weissbiers reizte, so gewaltig in ihm aus, dass die Doppelflinte in die kammer gehangen werden musste: "Ich habe", sagt' er, "nichts davon, wenn sie losbrennt und zerspringt und mir das Flintenschloss ins Gesicht sprengt, oder wenn der Schaft mich gar umbringt!" Jetzt fing er gerührt und trunken zugleich zu weinen und zu ermahnen an: dass ein Mensch an die fünfte Bitte im Vaterunser denken müssedass ein Landgeistlicher mit schlechtem Erfolge seinem geistlichen Schafstall Versöhnung predige, wenn er seinen Sohn in der Stadt habe, der unter der Predigt sich schiessetund dass Flamin nie sagen solle, er sei sein Sohn gewesen, wenn er in einem Duelle entweder umkomme oder umbringe. – Bei nichts fuhr in Flamin der Sturmwind seines Zorns so leicht aus der Höhle als bei einer kläglichen stimme und bei langen Religionedikten: "Um Gottes willen," schrie Flamin, "lassen Sie es nun genug seinGott soll mich strafen, in alle Ewigkeit will ich verloren sein, ich schwör's Ihnen, rühr' ich ihn nur noch an." Dieser entfahrne Eid war herrlicher Lederzucker und weiches Gefrornes für den heissen Hofkaplan, der aus Vergessen seines Geschäftganges jetzt in der Meinung stand, die Verlobung sei dem Regierrate schon ganz gut bekannt: "Meinst du nicht, Sohn," (sagt' er froh) "dass ein solcher Schwur einen besorgten Vater wie Spatregen erfrischt und letzt, zumal da ich mich seit ihrer Verlobung mit ihm gar nichts Bessers zu versehen hatte als Mord und Totschlag? Hab' ich recht oder nicht?" – Flamin hob durch eine einzige Frage die Decke von diesem mörderischen gewaffneten Gespenste seines Herzens abund nun hörte er seinen Vater nicht mehr; bleich, voll Krämpfe sass er still dadie Lehne des