aus der ersten Ausgabe weggeben, was scherzt, und ich fahre demnach fort:
Wir Leser wollen wie Viktor uns vom Kammerherrn beurlauben, der mit seinen halbaufrechten Augenbraunen – bei der Nasenwurzel neigen sie einander sich in Gestalt des matematischen Wurzelzeichens zu – mit wahrer verbindlicher Höflichkeit sich von uns trennt. Ich weiss, wenn wir fort sind, lässt er uns Gerechtigkeit widerfahren und macht zuviel aus uns; denn er verleumdet nie, weder aus Bosheit noch Leichtsinn, und wen er verleumdet, den hat er die ernstafte Absicht zu stürzen, weil er lieber unglücklich als schwarz macht. – Als ich ihn sich so bücken sah gegen uns: verfertigte ich in Gedanken eine halbe Satire auf ihn, wovon das Wahre und Ernstafte das sein mag: dass die Menschen wirklich dazu erschaffen sind, sich so krumm zu machen, wie der spiritus asper ist. Ich baue eben nicht darauf viel, dass Geometer geschrieben haben, wenn die Götter eine Gestalt annähmen, so müsst' es die vollkommenste, die eines Zirkels sein; ich könnte zwar daraus folgern, ein krummer rücken sei wenigstens eine Annäherung zur Göttergestalt, weils ein Bogen aus einem Zirkel sei – aber ich mag nicht; denn das Physische ist Kinderei dabei und nur insofern von Belang, als es das innere Krümmen und Kriechen der Seele teils anzeigt, teils (z.B. durch Verengerung der Brust) befördert. Sogar am hof würde man das äussere Krümmen erlassen, wenn man gewiss wissen könnte, dass das edlere, innere der Denkart da wäre, ohne das Zeichen; denn da nach Kant Unterwürfigkeit und Niederschlagung unsers Eigendünkels die Foderung der reinern und der christlichen Moral ist: so muss einer, der gar keine moralischen Vorzüge hat, mit dem Selberbewusstsein davon noch tiefer nieder als zur Demut, die schon der Tugendhafte hat, er muss zu dem sinken, was ich ein edles Kriechen nenne. Ich gestehe, ich verachte die Übung nicht, die darin die kleinen Regeln der Lebensart gewähren, die ja ohnehin nichts sein soll als die Tugend in Kleinigkeiten, die Regeln nämlich, dass man sich bückt, wenn man widerspricht – wenn man lobt – wenn man eine Beleidigung erfährt – wenn man eine antut – wenn man den andern bückt – wenn man gerade eben des Teufels werden möchte. Aber gut ist es, dass eine solche Tugend der Krümmung ihre eigenen Exerzierplätze hat und nicht vom Zufall abhängt. Am hof würde ein Mensch mit geradem leib und geist als höfisch-tot ausgeschossen werden, wie ein Krebs mit einem geraden Schwanze' den nur ein krepierter führet. Wenn sonst die Einsiedler niedrige Zellen erwählten, um nicht aufrecht zu stehen: so braucht der Weltmann dies nicht; ihn drücken die hohen Speisesäle, die Lusttempel, die Tanzsäle desto tiefer nieder, je höher sie sind. – Es wäre schlimm, wenn diese so wichtige Tugend der Niederbückung erst eine besondere geistige oder körperliche Stärke, die sich ja niemand geben kann, voraussetzte; aber gerade umgekehrt will sie nur Schwäche haben, welches bei Pferden nicht so ist, die den Schwanz nicht mehr niederbringen, wenn dessen Sehnen abgeschnitten sind. Wenn die Pharisäer Blei in den Mützen führten, um sich das Bücken zu erleichtern:107 so tut das Blei, das man auf die Welt bringt und das im kopf liegt, vielleicht noch grössere Dienste. Daher ist es eine schöne Einrichtung, dass aus grossen Seelen, denen wie langen Staturen das Bücken sauer fällt, zum Glück (aber zu ihrer Strafe) nichts wird, anstatt dass mittelmässige, die sich nichts daraus machen, gedeihen und eine schöne Krone treiben; so sah ich oft beim Brotbakken, dass jeder mässige Laib im Backofen sich schön erhob und wölbte, der grosse aber blieb platt und miserabel sitzen. – Wir wären aber bedauernswürdig, wenn eine Tugend, die den Wert des bürgerlichen Menschen ausmacht, die Tugend, nicht bloss wie Kinder zu werden, sondern wie Fötus, die sich im Mutterleibe zusammenstülpen, wenn diese nur an dem höchsten Orte gediehe, wie man fast denken sollte, da der Hofmann nach dem Falle auf seinem Landgute schon wieder aufrecht geht – anstatt dass die Schlange vor dem Falle und unter dem Verführen nicht kroch. – Allein in allen bürgerlichen Verhältnissen sind Erziehanstalten zu Krümmlingen vorhanden; überall streckt sich in der Luft bald ein geistlicher, bald ein weltlicher Arm mit Händen aus, die uns ordentlich einkrempen, und noch höher sind die allerlängsten angebracht, die über ganze Völker reichen. Der Gelehrte selber bückt sich am Schreibepult unter der Geburt der Zueignungen und Hofschriften und Urtel. Durch das blosse graue Alter reift sowohl der Körper zum verknöcherten Bücklinge als die Seele. Und die niedrige Geistlichkeit arbeitet sich, weil sie immer niederwärts ins Grab sieht, in die gekrümmte Stellung hinein. – Ich schliesse mit dem Troste, dass Bücken Aufgeblasenheit nicht ausschliesse, sondern ein; da eben der Zirkel, dessen Ausschnitt man wird, unzählig um die geschwollne Kugelfläche läuft.....
Ich würde wahrhaftig dieses Extrablatt eines überschrieben haben – so dass es also der Leser hätte überspringen können –, wenn ich nicht gewollt hätte, dass er es läse, um sich zu zerstreuen und die trüben Stunden meines Viktors leichter mit ihm auszudauern. Denn jeder Glockenschlag ist der aus einer Totenglocke gehende Totenmarsch seiner schönern gescheiterten Stunden.
Noch am Abend, da er in Flachsenfingen eintrat, kamen ihm ebenso fatale als wahrscheinliche Geschichten zu Ohren: Matz hatte dem Apoteker viel erzählt; aber dasmal pflicht' ich seinen Sagen bei