es durch die Nachricht von Klotildens Ja geriet. Was konnte die Schwiegermutter, die Kammerherrin, die immer die Waffenträgerin und Liguistin des Evangelisten war, weiter dabei machen als ein freundliches Gesicht und die Bemerkung: niemand ist schwerer zu regieren als ein Ehemann, den jeder regiert.
Die Formalien der Verlobung selber warteten auf die Zurückkehr des Lords und auf andere Verhältnisse. – Lasset mich nichts sagen von der durch so viele Leiden veredelten Liebe dieses Paars. Wenn mit der Liebe sich gar die Menschenliebe noch vermählt (welches mancher gar nicht verstehen wird); – wenn im Atem der Liebe alle andere Reize des Herzens schöner werden, alle feine Gefühle noch feiner, jede Flamme für das Erhabne noch höher, wie in der Feuer- und Lebenluft jeder Funke ein Blitz und jedes Johanniswürmchen eine Flamme wird; – wenn beide Menschen einander selten mit den Augen, und oft mit den Gedanken begegnen; – wenn Viktor ein Herz fast zu behalten scheuet, dem er soviel kostet, soviel dunkle Tage, soviel Sorgen und fast einen Bruder; – und wenn Klotilde eben dieses zarte Scheuen errät und ihn für ihre Leiden belohnt: dann ist es unmöglich, vielen Menschen den Umriss einer solchen Äterflamme, geschweige die Farben derselben zu geben; für wenige ist es unnötig.
Gegen eine geliebte person fängt in jedem neuen Verhältnis, worein sie kommt, die Liebe wieder von vornen und mit neuen Flammen an, z.B. wenn wir sie in einem andern haus – oder unter neuen Personen finden – oder als Reisende – oder als Hauswirtin – oder als Blumengärtnerin – oder als Tänzerin – oder (das wirkt am meisten) als Verlobte. Das war Viktors Fall; denn von der Stunde an, wo der Wunsch der Neigung sich zu einem Gebot der Pflicht erhebt, und wo die teuere Seele sich und alle ihre Hoffnungen und den Zügel ihrer ganzen Zukunft in die geliebten hände liefert, muss es in jedem guten Männerherzen rufen: "Nun hat sie niemand auf der Erde mehr als dich – nun sei sie dir heilig, o! nun schone und bewahre und belohne die liebe Seele, die an dich glaubt!" – Viktor wurde von diesem Verhältnis noch durch den Nebenumstand unaussprechlich gerührt, dass eben diese Klotilde, diese feste stolze Ball- und Himmelkönigin, die mit so vielen Kräften und so unabhängig über die männlichen Schlingen und unter den männlichen Lorbeerkränzen wegging, nun durch die Verlobung ihre Independenzakte mit sanftem Lächeln in Viktors hände gibt und jetzt nichts mehr wünscht, als zu lieben und geliebt zu werden; für dieses holde Beugen einer so grossen Gestalt wusste Viktor kein Opfer, keine Wunde, keine Gabe, die ihm gross genug geschienen hätte, es zu bezahlen. – So muss man lieben; und jedes neue Recht und Opfer, das den gemeinen Menschen erkältet, macht den guten wärmer und zarter.
Obgleich Viktor durch die Rechte seiner neuen Verwandtschaft ein mehr einheimisches und bequemes Leben unter seinen Schwiegereltern fand: so tat es ihm doch wehe, dass er täglich die unvergesslichen Pfarrleute in ihrem Garten sehen musste, und doch durch das eiserne Stabgeländer des vorigen Duells und der jetzigen Verlobung von ihren Herzen abgelöset blieb. Daher musst' er auch die Briten und ihren fortwährenden Klub entbehren. Le Baut fand es aber vorsichtig: "denn man wisse von sicherer Hand, es seien Jakobiner und verkappte Franzosen." –
Aber Klotildens Seele konnte den erratenen tiefen Schmerz ihrer Freundin, der Pfarrerin' nicht länger tragen; sie bestellte sie durch ein Blättchen zu einem Spaziergange. An der Warte trafen sich beide; und Viktor sah mit innerster Rührung, wie Klotilde sogleich die Hand seiner ältesten Freundin nahm und sie auf dem ganzen Weg nicht mehr aus ihrer gab.
Klotilde kam wieder mit einem froh erhelleten Angesicht und mit Augen, die sehr geweinet hatten, und mit himmlischen Zügen, in denen eine unnennbare, nicht sowohl heissere als weichere Liebe glänzte. Erst spät war sie ihrer Rührungen mächtig genug, um Viktor etwas von der Unterredung mitzuteilen: denn ich glaube zu erraten, dass es nicht alles war. Die Pfarrerin – erzählte Klotilde – empfing sie mit einer Miene voll drückender Schmerzen, aber weder mit Kälte noch Verdacht. Beide konnten anfangs gar nichts als weinen und sprachen nicht; Klotilde war noch mehr erweicht, und ihre Tränen flossen noch fort, als sie anfing, ihre Verlobung zu erzählen. Sie legte die Hand ihrer Freundin auf ihr Herz und sagte: "jetzt wird unsere Freundschaft hart geprüft. Ich glaube an die Ihrige fort – glauben Sie an meine. – O bleibe, teure Freundin, nur diesesmal fest! Schwere Geheimnisse, über die ich kein Recht und wenig Aufschluss habe, bringen uns alle diesen grausamen Missverständnissen so nahe. Nur diesesmal vertrauen Sie fest, dass ich und Sie so wenig unser Verhältnis gegeneinander ändern wie unsern Charakter." – Hier sah die Pfarrerin sie mit einem grossen Blicke, in dem noch die alte Liebe für Viktor nachglimmte, an und umarmte sie denn auf einmal mit trocknen Augen und mit diesen Worten: "Ja, ich vertraue auf Sie, tun Sie, was Sie wollen, und blieb' ich zuletzt die einzige Seele." – Der letzte Zusatz hätte zu einer andern Zeit Klotilden beleidigt; ach jetzt konnte' er es nicht; o sie war froh, dass sie etwas zu verzeihen hatte.
Nach der Erzählung sagte sie ihrem Freunde, sie unternehme vielleicht, falls die Unsichtbarkeit und das Schweigen des Lords noch länger dauere, lieber