Nebel über ihm, und das verborgne arbeiten im hohen Gewölke des Schicksals hatte noch nicht das Zusammenfliessen in Tränen entschieden oder das Zerteilen in Blau.
Endlich ging er nach St. Lüne... Wahrlich nur wehmütigbeglückt! O! konnte' er auf den Lüner Fusssteig blicken oder auf das Pfarrhaus, das die Bühnen der begrabnen Freundschaft bedeckte, ohne das Auge überfliessend abzuwenden, ohne daran zu denken, wie viel eitler das Lieben als das Leben der Menschen sei, wie das Schicksal gerade die wärmsten Herzen zur Zerstörung der besten anwende (so wie man nur Brennspiegel zum Einäschern der Edelsteine gebraucht), und wie manche stille Brust nichts ist als der gesunkne Sarg eines erblassten geliebten Bildes? – Es ist ein namenloses Gefühl, einen Freund lieben zu wollen aus Erinnerung und ihn fliehen zu müssen aus Ehre: Viktor wünschte, er dürfte seinem betörten Liebling vergeben; aber vergeblich: das arsenikalische Wort, das mich in seinem Namen schmerzt, blieb trotz aller, aller versüssenden Säfte, mit denen er es einwickelte, doch unaufgelöset und fressend und tödlich in seiner Seele liegen. Guter Flamin! ein Fremder könnte dich lieben, ich z.B., aber dein Jugendfreund nicht mehr!
Viktor schritt zögernd vor dem Bilder- und Musiksaal seiner nachgespielten und nachgetönten Kindheit vorbei, vor dem Pfarrhaus, desgleichen vor der scheuernden Apollonia, die er gern tiefer grüsste, als sein Stand zuliess, und vor dem alten Mops, der sich in keinen Familienzwist einmengte, sondern ihn freimütig mit dem Schwanz invitierte. – Nicht sein Stolz hielt ihn ab, die (vorgeblichen) Eltern seines Widersachers zu besuchen, sondern die Ängstlichkeit tats, die ihn besorgen liess, die guten Menschen würden sich vielleicht vor ihm im verlegenen Kampfe zwischen Höflichkeit, zwischen alter Liebe und neuem Groll abquälen. Aber er beschloss, durch einen Brief an die edelmütige Pfarrfrau seine Liebe zu befriedigen und ihre Empfindlichkeit.
Dann trat er vor seine Geliebte! – Ich hab' es vorvorgestern unter dem Lesen der deutsch-französischen geschichte, wo bekanntlich auch der gekrönte Name Klotilde regiert, an den verdoppelten Schlägen meines Herzens gemerkt, wie mir erst sein würde, wenn ich diese Klotilde, die ich seit drei Vierteljahren gelobt habe, vollends gar sähe; denn dass Knef so wie der Hund keine Spitzbuben sind, und dass die ganze Historie nicht bloss vorgefallen ist, sondern auch noch vorfällt, erseh' ich aus hundert Zügen, die wohl keine Phantasie erfinden kann. Würde der Biograph der Heldin ansichtig: dann entstände nichts als ein neues Heft und ein neuer – Held, welcher ich wäre....
Sie war krank; jener Abend war wie ein Stossvogel auf ihr Herz gefahren und hatte die blutigen Krallen noch nicht herausgezogen. Ihre Seele schien nur der Engel zu sein, der die entseelte Hülle eines Frommen hütet. Der Kammerherr begegnete dem Hofmedikus, als ob er von keinem Duellieren wisse. Was sonst Mütter tun, tat der Vater: er vergab jedem, der von stand war und der die Tochter wollte. Der Antrag, den ihm Viktor endlich machte, frappierte ihn nur, weil er bisher gedacht hatte, dieser verschieb' ihn bloss wegen der Ungewissheit über Klotildens Erbschaft und Verwandtschaft. Seine Antwort bestand in unendlichem Vergnügen, in unendlicher Ehre etc. und andern Unendlichkeiten; denn bei ihm war alles eine; daher auch Platner mit Recht behauptet, der Mensch könne im grund bloss das Endliche nicht denken. Le Baut hätte die Tochter hergegeben, wenn er auch nicht gewollt hätte; er konnte ins Gesicht nichts abschlagen, nicht einmal eine Tochter. Auch konnte keiner kommen und um Klotilden ansuchen, der nicht in irgendeines seiner Projekte (seine vier Gehirnkammern lagen bis an die Decke davon voll) hineingepasset hätte. Natürlicherweise war ihm also ein Schwiegersohn jetzt am meisten erwünscht, da ihm etwa die Tochter gar mit Tod abgehen könnte, ohne dass er sie noch zu einem Springstab und Hebebaum seines Leibes gebraucht hätte – und da ihm zweitens das DuellGerede das Herz anfrass; nicht als ob er nicht durch gesunde wurmförmige Bewegungen die härtesten Dinge verdauet hätte, sondern weil er, wie gebildete Menschen ohne Ehre, bei kleinen Beleidigungen gern mit Lärmkanonen und Feuertrommeln erschien, um sich das Recht zu erschleichen, bei vollständigen, aber ergiebigen und mit Silberadern durchzognen Entehrungen mausestill dazuliegen. Das einzige, was der Kammerherr nicht gern sah, was er aber sogleich dadurch hob, dass er dem Hofmedikus das Wort (über die Tochter) gab, das war, dass er vorher das nämliche Wort (ingeheim) unserem Matz gegeben hatte. Da ihm der bald wiederkommende Lord mehr schaden und helfen konnte als der Minister: so brach er gern das alte Wort, um das neueste zu halten; denn nicht bloss den letzten Willen, sondern auch jeden kann der Mensch ändern, wie er will, und wenn er ein Mann von Wort ist, so wird er gern ganz entgegengesetzte Versprechungen tun, um sich zum Halten zu nötigen. Wenn das lügende Betragen des Kammerherrn nach solchen Entschuldigungen noch eine braucht: so hat er die für sich, dass er gewiss hoffte, Klotilde werde, wenn er sein Ja gegeben, Nein antworten und statt seiner wagen und – büssen. Wenigstens schützte er diese Hoffnung bei seiner zornigen Gemahlin vor und verwies sie auf Klotildens ehemaliges Nein, das unserem Viktor so schwere Stunden aufgelegt, und auf ihre Unveränderlichkeit. Ich wünschte, man hätte nachher sein Gesicht in der Verfassung versteinern oder in Gips abgiessen können, in die