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ohne einen solchen Ersatz einen ebenso grossen Verlust erleide. Denn er fühlte, dass das fürchterliche Wort "Schurke" als eine ewige Felsenwand zwischen ihre auseinandergeteilten Seelen nun getreten sei. – Er stellte sich zwar vor und recht gern, was den vergangnen Freund lossprach, besonders die Verhetzung durch Mattieu und Flamins Zuhorchen, als er Klotilden ewige Liebe zuschwor; ja er verfiel sogar darauf, dass der Evangelist den armen Flamin vielleicht besondere (die vom Apoteker vorgeschlagnen) Beweggründe einer Liebe, durch deren Gegenstand die Gunst des Fürsten festzumachen war, weit im Hintergrunde sehen lassenaber sein Gefühl sagte ihm unaufhörlich: "Er hätte doch nicht glauben sollen! – Ach hättest du mich doch" (sagte er gerührt bei der Erblickung der Stadt) "mit Kugeln oder mit andern Schmähungen durchbohrt, damit ich dir hätte leicht vergeben können! – Aber gerade mit diesem fortfressenden Giftlaute!" – Er hat recht; die Beleidigung der Ehre wird darum nicht kleiner, weil sie der andere aus voller Überzeugung des Rechts begeht. Denn die Überzeugung ist eben die Beleidigung; und die Ehre eines Freundes ist etwas so Grosses, dass die Zweifel an ihr fast nur durch eigenes Geständnis entstehen dürfen. Aber so werden aus kleinen Verhehlungen leicht Trennungen, wie aus Nebeln im März Gewitter im Julius. Nur eine vollendete edle Seele vermag es, den geprüften Freund nicht mehr zu prüfenzu glauben, wenn die Feinde des Freundes leugnenzu erröten wie über einen unreinen Gedanken, wenn ein stummer verfliegender Argwohn das holde Bild beschmutztund wenn endlich die Zweifel nicht mehr zu bezwingen sind, diese noch lange aus den Handlungen fortzuweisen, um lieber in eine kameralistische Unvorsichtigkeit zu fallen als in die schwere Sünde gegen den heiligen Geist im Menschen. Dieses feste Vertrauen ist leichter zu verdienen als zu haben.

Im lärmenden Hammer- und Mühlenwerk der Stadt war ihm wie in einer öden Waldung. An zarte Seelen verwöhnt, kamen ihm die städtischen alle so stachlicht und ungeschliffen vor; denn die Liebe hatte wie die Tragödie seine Leidenschaften gereinigt, indem sie solche erregte. Alles hing so verfallen, so verraset zum Einbrechen herüber, indes die reinen Spiegelwände in Maiental fest und glänzend aufstiegen. Denn die Liebe ist das einzige, was das Herz des Menschen bis an den Rand vollgiesset, wiewohl mit einem bald einsinkenden Nektar-Schaume; sie allein fasset ein Gedicht von etlichen tausend Minuten ab ohne den klirrenden R-Buchstaben, wie der Dominikaner Cardone über sie ein ebenso grosses Gedicht unter dem Namen: L'R sbandita ohne ein einziges R verfertigtedaher ist sie wie die Krebse in den Monaten ohne R am schönsten.

Das erste, was er in Flachsenfingen zu machen hatte, war ein Brief an Klotilde. Denn da nun der Evangelist Mattieu aller Wahrscheinlichkeit nach in alle Welt ausgehen und das Evangelium vom SchussZweikampf der beiden Freunde allen Völkern predigen wird: so war nichts anders für den heiligen Ruf seiner Geliebten zu tun, als sie in eine Braut zu verwandeln durch eine öffentlich erklärte Verlobung. Flamins neues Ereifern konnte gegen Klotildens Rechtfertigung in keine Betrachtung kommen. Der Ausruf "Du bist mein Bruder", den die Konvulsionen der Angst Klotilden entrissen hatten, war natürlich für Flamin unbegreiflich und ohne wirkung geblieben; für den lauernden Matz aber war er ein herrlicher Kernspruch und ein dictum probans seines Lehrgebäudes von ihrer Verschwisterung geworden. – Im Briefe also ging Viktor seine Freundin um die stumme Erlaubnis zu seinem Werben an; er überliess es ihr schweigend, die uneigennützigsten Beweggründe seiner Bitte zu erraten. –

Er erschien jetzt auf dem Kriegschauplatz der Seelen, von dem man selten eine genaue Karte erwischt, am hof; – seinem mit Paradiesen angefüllten Herzen kamen sogar die Zimmer vor wie Glaskästen einer ausgebälgten Voliere, die man mit Streuglanz, Konchylien und Blumen übersäet, und die lebendigen Stücke der Zimmer wie getrocknetes, mit Arsenik oder Holz ausgestopftes Gevögel; durch die Schlangen war Draht geführt, wie durch die Schwänze der grossen Tiere, und die Baumläufer am Tron standen auf Draht. – – So sehr wurde er bloss durch das Pfingstfest der Gegenfüssler von uns, die wir bei kälterm Blute das Erhabene und Edle eines Hofs leicht bemerken. – Das Neueste, was er da hörte, war, dass der Fürst in Gesellschaft der Fürstin zum Gesundbrunnen in St. Lüne abreise, um die gichtbrüchigen Füsse, wie jene die Augen, heil zu baden. Viktor war wirklich nicht ganz tolerant, da er bei sich dachte: "Wenn ihrs nicht besser haben wollt, so geht meinetwegen zum T-." Das Paulinum war für ihn ein Schlachtaus und jedes Vorzimmer eine Marterkammer; der Fürst behandelte ihn nicht höfisch-höflich, sondern kalt, welches ihm desto weher tat, da es bewies, er habe ihn geliebtdie Fürstin stolzerbloss Mattieu, der mit Leuten am liebsten sprach, die ihn tödlich hassten, hatte ein Gesicht voll Sonnenschein. Von diesem und von seiner Schwester und einigen Ungenannten hatte' er leichtes Schlangengift der Persiflage über seinen Zweikampf einzunehmen und zu verwinden, das wohl der Magen wie anderes Schlangengift verdaut, das aber, in Wunden gesprützt, das Lebensblut auflöset. – Gerät denn nicht sogar mein Korrespondent in Eifer und schickt mir seinen Eifer durch meinen capsarius105, den Spitzhund, zu und sagt: "Es bleibe doch einer einmal kalt, der warm ist, nämlich verliebt, und den noch nicht der Tod kalt gemacht, er verbleib' es, sag' ich, vor dem