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beseelten tanzenden Bilder in Reih und Glied gezwungen werden. Und dann geht doch seine Not erst recht an; denn nun muss erwenn wir ihm auch zugeben, dass die Bilder sich selber sehen, die Gedanken sich selber denken, dass jede Vorstellung alle andere und sogar das Ich, wie eine Monade das All, dunkel nachspiegle, und dass sonach jede idee eine ganze Seele seinun muss er (sagen wir) erst einen Generalissimus herschaffen, der dieses unermessliche flüchtige Ideenheer kommandiere und stelle, einen Setzer, der das Ideen-Buch nach einem unbekannten Manuskripte setze und, wenn Träume, Fieber, Leidenschaften alle Schriftkästen ineinandergeschüttet haben, alle Buchstaben wieder alphabetisch lege. Diese regelnde Einheit und Kraftohne welche die Symmetrie des Mikrokosmus so wenig wie des Makrokosmus, der vorgestellten Welt so wenig wie der wirklichen zu erklären stehtnennen wir eben einen Geist. Freilich ist durch diese unbekannte Kraft weder die Entstehung noch die Folge der Ideen vermittelt und erklärt; aber bei der bekannten der Materie, bei der Bewegkraft, ist es nicht bloss unbegreiflich, sondern gar unmöglich; und Leibniz kann leichter die Bewegung aus dunkeln Vorstellungen erklären, als der Materialist Vorstellungen aus Bewegungen. Dort ist die Bewegung nur Schein und existiert nur im zweiten betrachtenden Wesen, aber hier wäre die Vorstellung Schein und existierte im zweitenvorstellenden Wesen.

Ich habe oft mit Weltleuten, die gut beobachten und elend schliessen, mich gezankt, weil sie bei der kleinsten Abhängigkeit der Seele vom Körper – z.B. im Alter, Trunke etc. – die eine zum blossen Repetierwerk des andern machten; ja ich habe sogar gesagt, kein Tanzmeister sei so dumm, dass er so schlösse: "Weil ich in bleiernen Schuhen plump, in hölzernen flinker und in seidnen am besten tanze: so sehe' ich wohl, dass die Schuhe mich mit besonderen Springfedern aufschnellen; und da ich kaum mit bleiernen Schuhen aufkann, so brächt' ichs barfuss nicht zu einem einzigen Pas." Die Seele ist der Tanzmeister, der Körper der Schuh.

Wir fassen keine Einwirkung weder von Körpern auf Körper noch von Monaden auf Monaden; mitin eine von Organen auf das Ich noch minder. Dieses wissen wir, dass die Kohäsion und Gütergemeinschaft zwischen Leib und Seele immer einerlei oder höchstens in den zeiten grösser ist, wo sie andere kleiner vermuten; denn der grösste Tiefsinn, die heiligsten Empfindungen, der höchste Aufschwung der Phantasie bedürfen gerade das wächserne Flugwerk des Körpers am meisten, wie auch seine darauf kommende Ermattung es verbürgt; je unkörperlicher der Gegenstand der Ideen ist, desto mehr körperliche Hand- und Spanndienste sind zu dessen Festaltung vonnöten, und höchstens in die zeiten der dummen Sinnlichkeit, der geistigen Abspannung, des dunkeln Blödsinns müsste man die zeiten der Loskettung vom Körper fallen lassen. Sogar die moralische Kraft, womit wir aufschiessende üppige Triebe des Leibes niedertreten, arbeitet mit körperlichem Brech- und Handwerkzeug; und die Seele bietet hier bloss das Gehirn gegen den Magen auf. – Dazu kommt, dass die Grenzen und die Hindernisse einer solchen Losfesselung und Ankettung ebensowenig anzugeben wären als die Ursachen derselben. Noch weniger können, wie einige meinen, im Traume die Bande der Seele schlaffer und länger werden. Der Schlaf ist die Ruhe der Nerven, nicht des ganzen Körpers. Die unwillkürlichen Muskeln, der Magen, das Herz arbeiten darin fort, nicht viel weniger als im wachenden Liegen. Nur die Nerven und das Gehirn, d.h. das Denken und Empfinden stocken. Daher erquickt der Schlummer reitende und fahrende Menschen, die also mit nichts als den Nerven ruhen. Daher werden Nervenschwache, die jede Ruhe abmattet, vom traumlosen Schlaf erfrischt. Beiläufig: ohne die Teorie der Desorganisation, die negative und positive Nerven-Elektrizität annimmt, sind die Meteore des Schlafes unerklärlich – z.B. unerklärlich ist dann, warum gerade Opium, Wein, Manipulieren, Tierheit, Kindheit, Pletora, nahrhafte Kost, Gerüche auf der einen Seite Schlaf befördern; und doch Tortur, Ermattung, Alter, Mässigkeit, Gehirndruck, Winter, Blutverlust, Furcht, Gram, Phlegma, Fett, geistige Abspannung ihn auf der andern auch erregen. – – Höchstens im tiefen Schlafe, wo der Nervenkörper ruht, könnte man die Seele vom Irdischen losgekettet denken; im Traum hingegen eher enger angeschlossen, weil der Traum so gut wie das tiefe Denken, das wie er die fünf Sinnenpforten abschliesst, ja kein Schlafen ist. Daher zehren Träume die Nerven aus, zu deren inneren Überspannungen jene noch äussere Eindrücke gesellen. Daher verleiht der Morgen dem Gehirn und dem Traum gleiche Belebung. Daher geht dem schlafende Tiereausgenommen dem weichlichen zahmen Hunddas ungesunde Träumen ab. Daher gibt schon Aristoteles ungewöhnliche Träume für Vorläufer des Krankenwärters aus. Daher hab' ich jetzt geträumt genug und der Leser geschlafen genug. –

37. Hundposttag

Der Amoroso am hofPräliminarrezesse der

HochzeitRettung des höflichen Krümmens

Am Morgen nach jener grossen Nacht nahm Viktor von dieser geweihten Graberde seiner schönsten Tage mit unverhüllten Tränen Abschied. Er sah sich oft um nach diesen Ruinen seines Palmyra, bis nichts davon übrig stand als der Bergrücken als Brandmauer. "Wenn du nach vier Wochen wieder hieher gehest," dachte er, "so ist es nur, um dem Todesengel zuzusehen, wie er deinen Emanuel auf den Altar und unter das Opfermesser legt." Er sagte sichs, wie teuer er dieses Laubhüttenfest durch den Tod eines Freundes bezahle; und wie dieser