als von Agaten Klotilde. Sonst schätzen Mädchen an Mädchen nur das Herz; die zerstiebenden Reize eines fremden Gesichts haben so wenig Wert in ihren Augen, dass sie ihrer kaum erwähnen mögen. Jünglingen wirft man richtig vor, dass sie gern schöne Jünglinge zu ihren Freunden auslesen; bei Mädchen hingegen wollen ihre Lobredner viel daraus machen, dass sie die weibliche Schönheit als einen zu lockern und niedrigen Mörtel und Leim der Freundschaft gänzlich verschmähen, und dass daher einer schönen Frau das Herz der allerhässlichsten teurer sei als das Gesicht der schönsten auf den fünf Erdgürteln und Erdschärpen. Agate war anders: sie lief schon am Morgen ins Schloss, um die Freundin anzukleiden.
Flamin macht' es noch ärger: er konnte' es nicht erwarten, dass die Wirklichkeit selber Klotildens Madonnenbild in Viktors Gehirnkammern aufhing; er kam ihr mit der Federzeichnung eines Malers zuvor, die wenigstens nicht – kalt ist; denn Maler schreiben im ästetischen und im kalligraphischen Sinne selten gut. Der Maler hatte, bloss um Klotilden zu sehen und zu zeichnen, fast alle Sonntagmorgen auf einem Berg von Maiental gelegen, wo er die glänzende Landschaft um das Stift auf seine Blätter trug, und den schönen Kopf, der aus dem achten Fenster heraussah, in sein Herz. Sogar Flamin, der sonst die prosaischen Buchdruckerstöcke über die lebenden Ölgemälde der Dichtkunst stellte, fand an der folgenden Madonna oder Klotilde des Malers Geschmack:
"Wenn mein Ich ein einziger Gedanke ist und brennt, und wenn ich, von Flammen umweht, die Hand in Farben tauche, um mich darin abzukühlen – wenn dann die hohe Schönheit9, die ewig in mir strahlet, ihr Spiegelbild auf die Wellen, die Himmel und Erde zitternd malen, herunterfallen lässt und den klaren Strom entflammt, wenn alsdann ein dem Himmel entsunknes Pallasbild auf dem Strome ruht, eine Lilienhülle und eines aufgeflognen Engels weggelegte Flügeldecke – eine Gestalt, deren unbefleckte Seele kein Leib, sondern der Schnee umwallet, der um den Tron Gottes liegt, und aus dem die Engel ihre flüchtigen Reisekörper10 bauen – und wenn die zärteste Bekleidung zu grob und hart und ein hölzerner Rahmen um diesen geistigen Hauch auf dem Antlitz wird, um diesen zitternden Blumensammet von Fleisch, um diese Haut aus weissen Rosen, von roten durchglommen – wenn dieser Widerschein meiner leuchtenden Seele auf die Farbenfläche fällt; so wendet sich jeder um und denkt: Klotilde ruht am Ufer und schlummert.... Und hier ist meine Kunst aus; denn ach, wenn sie erwacht, und wenn erst die Seele diese Reize wie Schwingen bewegt – wenn die verschlossene Lippenknospe zum Lächeln aufbricht, und der Busen einen halben Seufzer einatmet und blöde nicht ausatmet – wenn die Seufzer, in Gesänge verhüllet, aus diesen Lippen, die wie zwei Seelen einander überschweben, aber nicht berühren, wie Bienen aus Rosen ziehen – wenn sich das Auge zwischen Glanz und Tränen bewegt – wenn dann endlich die Göttin der himmlischen Liebe zu ihrer Tochter tritt und elektrisch ihr stilles Herz berührt und sagt: liebe auch! und wenn nun alle Reize erbeben und aufblühen, zögern und schmachten, hoffen und zagen, und sich das träumende Herz tiefer in seine Blüten verschliesset und zitternd sich hinter eine Träne vor dem Glücklichen versteckt, der es errät und verdient.... dann verstummt die glückliche, der glückliche und der Maler." – –
Viktor sah den Glücklichen neben sich, der sein Freund war, mit feuchten Augen an und sagte: "Das warst du wert!" – Aber nun stachen ihn zwanzig Spornräder, Agaten nachzufolgen ins Schloss, die Federzeichnung des Malers – die Kleiderordnung die Verwandtschaft – die Begierde, die jeder Mensch hat, die Huldin und Infantin seines Freundes zu sehen – die Begierde, die nicht jeder hat, aber er, jemand zum ersten Male (lieber als zum achten Male) zu sprechen – am meisten der gestrige Abend. Flamins Feuer hatte Viktors Brust gestern ganz voll Zunder gebrannt, durch welchen lauter Funken lieben – er hätt' ihm alles gleichgültig vorstellen sollen, weil der Kampf gegen die Liebe sich vom Kampfe für sie in nichts unterscheidet als in der Rangordnung. Aber der Leser glaube ja nicht, jetzt werde (wie in einem entmannten und entmannenden Roman) in der Biographie der Teufel losgehen und der Held ins Schloss marschieren und da vor Klotilden hinfallen und kniefällig flehen: "Sei die Heldin!" und sich mit ihr herumzanken aus Liebe und mit dem vorigen Pastor fido aus Hass und werde wirklich nichts anders machen als den ästetischen selbstsüchtigen empfindsamen – Schuft. Wenn ich letztes wünschte, so könnt' ich mich nur damit entschuldigen, dass ich dann etwa zu einigen biographischen Mordtaten und Duellen käme; ich hoffe aber, ich werde schon ohne Nachteil der Moral und ehrlich es zu einem und dem andern Mord- und Totschlag in diesen Blättern treiben – wenigstens im letzten Bande, wo jeder ästetische Schnitter seine Leute ausholzet und die Hälfte in die Oubliette oder Familiengruft des Dintenfasses wirft.
Viktor hatte zu viel Jahre und Bekanntschaften, um so ohne Respekt-Tage und Doppel-Uso – auf dem platz – noch vor dem Abendessen – cito citissime – was hast du, was kannst du – verliebt zu werden. Sein Sehnerve zerfaserte sich täglich in feinere zärtere Spitzen und berührte alle Punkte einer neuen Gestalt, aber die wunden Fühlfäden krümmten sich leichter zurück; in jedem Monate machte ein ungesehenes Gesicht, wie neue Musik, einen stärkern und kürzern Eindruck. Er konnte sich nur in die Liebe hinein – reden, nicht