sich in der Vorrede mit einem leichten Tadel, den er doch selber kaum glaubt, belegt, dass alsdann die Kritiker diesen Tadel sogleich akzeptieren und verdoppeln, wie die Römer einen Selbermörder, dem die Tat verunglückte, nachher ordentlich hinrichteten. Schlägt der gewitzigte Autor die Sache in ein anderes Fach und belegt sich vornen mit einigem Lob – und nicht mit scheinbarem –: so wird dieses gar nicht akzeptiert, geschweige verdoppelt. Da mag der Teufel Vorredner sein! –
Inzwischen scheint er auch nur Rezensent zu sein und weniger ein schlauer als ein grober Gast. Viele und wirklich auffallende Unhöflichkeiten vergeb' ich aber meinem künftigen Rezensenten gern, indes ich einem gallischen oder britischen nichts verziehe, weil er weiss, wie man mit Leuten umgeht. – Ich spiele ihm selber in der Antikritik nicht sonderlich höflich mit und ziehe nicht, wie der Landmann vor höhern Blitzen, die Mütze vor seinen ab. Die Richter sagen nach der Spezial-Rezension ohnehin zum Inkulpaten Du. Ein gelinder (kritischer) Winter ist ungesund für den, den er betrifft. übrigens lauer' ich bloss darauf, dass ich berühmt werde und Lorbeerblätter aufhabe: dann werde' ich so gut wie andre Zeitgenossen, die jetzt Lorbeerbäume aufgesetzt, nicht leiden, dass man mich tadelt; und wenige werden sichs unterfangen, so wie auch auf Gemälde, die mit Lorbeeröl bestrichen worden, keine Fliegen fallen.
Fünftens und letztens. Es ist bekannt, dass die verstorbene Schriftstellerin Ehrmann den Advokaten Ehrmann, als er eines ihrer Werke in der Strassburger Zeitung mit vielen Beifall aufgenommen und angezeigt, der Rezension wegen geheiratet hat. Will es der Redakteur eines Journals heimlich so karten, dass eine Mitarbeiterin desselben meine zweite Auflage des Hesperus (oder Venussterns) mit dem Beifalle aufnimmt und bekannt macht, den die erste ihrer Reize wegen allgemein erhält; und will er mir nur einen Wink über das Geschlecht meines Rezensenten zuspielen – wobei aber darauf gesehen werden muss, dass die kritische person sich noch im besten blühenden Alter eines Rezensenten überhaupt befinde, worin man das Feuer des Abend- oder Venussternes noch leicht empfinden und mitteilen und günstig rezensieren kann, um so mehr, da schon in der Physik nur grünes Holz ein Leiter der elektrischen Flamme ist, dürres aber ein Nichtleiter –, will der Redakteur alles dieses besorgen und abtun: so macht sich der Verfasser dieser Antikritik mit seiner Namenunterschrift anheischig, der Mitarbeiterin sogleich nach Empfang der Rezension aufzuwarten und solche mit den gewöhnlichen Zeremonien zu heiraten.
Hof im Voigtland, den 8. Jun. 1797.
Jean Paul Fr. Richter.
Neunter Schalttag
Viktors Aufsatz über das Verhältnis des Ich zu den
Organen
Viktor war ebensosehr dem ausschliessenden Geschmack in der Philosophie als in der Dichtkunst feind. In allen Systemen – selber der Ketzer des Epiphanius und Walchs – drückt sich die Gestalt der Wahrheit, wie im Tierreich die menschliche, wiewohl in immer kühnern Zügen ab. Kein Mensch kann eigentlichen Unsinn glauben, obwohl ihn sagen. sonderbar ist es, dass gerade die konsequenten Systeme, ohne das Atomen-Klinamen des Gefühls, am weitesten auseinanderlaufen. Die Systeme werfen, wie die Leidenschaften, nur im Fokalabstande den hellsten Lichtpunkt auf den Gegenstand; – wie jämmerlich läuft z.B. die grosse Teorie von der Selberbeherrschung aus dem Christentum in den Stoizismus – dann in den Mystizismus – dann in den Monachismus über, und der Strom sickert endlich ausgedehnt im Fohismus ein, wie der Rhein im Sand! – Die kantische Teorie hat mit allen folgerechten Systemen diese Versandung, und mit den unkonsequenten jenes Gefühls-Klinamen104 gemein, das die vertrocknenden arme wieder zu einer labenden Quelle zusammenführt. Die zwei hände der reinen Vernunft, die einander in der Antinomie zerkratzten und schlugen, legt die praktische friedlich zusammen und drückt sie gefaltet ans Herz und sagt: hier ist ein Gott, ein Ich und eine Unsterblichkeit! – –
Viktor befruchtete seine Seele vorher durch die grosse natur oder durch Dichter, und dann erst erwartete er das Aufgehen eines Systems. Er fand (nicht erfand) die Wahrheit durch Aufflug, Umherschauen und Überschauen, nicht durch Eindringen, mikroskopisches Besichtigen und syllogistisches Herumkriechen von einer Silbe des buches der natur zur andern, wodurch man zwar dessen Wörter, aber nicht den Sinn derselben bekömmt. Jenes Kriechen und Betasten gehört, sagt' er, nicht zum Finden, sondern zum Prüfen und Bestätigen der Wahrheit; wozu er sich allezeit von Bayle Schulstunden geben liess: denn niemand lehrt die Wahrheit weniger finden und besser prüfen als Scharfsinn oder Bayle, der ihr Münzwardein, aber nicht ihr Bergmann ist.
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Der Aufsatz
schrieb' ich ihn in Göttingen: so könnt' ich ihn in Paragraphen und gründlicher machen, weil mich die Flachsenfinger nicht störten. Indessen muss er doch hier geschrieben werden, damit ich an mir selber einen Schirmherrn und Anwalt gegen die Hofjunker habe, die meinen Geist in meinen Körper verwandeln wollen.
Das Gehirn und die Nerven sind der wahre Leib unsers Ich; die übrige Einfassung ist nur der Leib jenes Leibes, die nährende und schirmende Borke jenes zarten Marks. – Und da alle Veränderungen der Welt uns nur als Veränderungen jenes Markes erscheinen: so ist die Mark- und Bleikugel mit ihren Streifen die eigentliche Weltkugel der Seele. Der umgekehrte Nervenbaum entspriesset aus dem geschwollnen Fötus-Gehirn wie aus einem Kerne, dem es auch ähnlich sieht, und steigt mit Sinnen-Ästen als Rükkenmarkstamm empor bis zum zergliederten Gipfel des Pferdeschweifs. Dieses markige Gewächs ist auf den Adernbaum wie eine zehrende parasitische Pflanze geimpft.