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mein Leben!" – Flamin schrie laut: "Du zuerst!" – Viktor schoss, hob den Arm weit empor, um in die Luft zu schiessen, und der zersplitterte Gipfel wurde von seiner Kugel heruntergestürzt. – Klotilde wachte aufEmanuel flog herwarf sich an seines Schülers Herzseiner seit Jahren zum ersten Male von leidenschaft auseinandergerissenen Brust quoll das sieche Blut ausFlamin schleuderte stolz seine Pistole weg und sagte zu Mattieu: "Komm! es ist der Mühe nicht wert" und ging mit ihm davon.

Als Klotilde Emanuels Blut auf ihres Geliebten Kleidern sah, hielt sie ihn für getroffen und legte ihr Tuch auf das Blut und sagte: "Ach das haben Sie nicht um mich verdient." – Emanuel atmete wieder durch sein Blut hindurch, niemand konnte weiter sprechen, niemand überlegen, jeder fürchtete sich, zu trösten, die tödlich zermalmten Herzen schieden mit verbissenem Weh auseinander; bloss Viktor, den das grässliche Wort "Schurke" bei jeder Erinnerung wie ein Dolch durchstiess, sagte noch zur Schwester: "Ich lieb' ihn nicht mehr, aber er ist unglücklicher als wir, ach er hat alles verloren und nichts behalten als einen Teufel."

Nämlich Mattieu. Dieser hatte heute die stimme Emanuels, die mit Julius gesprochen und die Dahore für des Vaters seine gehalten, und nachher die stimme der Nachtigall, der Viktor nachgegangen, nachgemacht, um den Regierungrat durch seine eigne Ohren und Augen von Viktors Liebe gegen Klotilden zu überführen.

Viktor führte den schwachen Lehrer in die indische Hütte. Er fühlte jetzt nach so vielen auflösenden Tagen seine Nerven durch dieses Ungewitter gekühlt und gestählt; der Seelenschmerz und die Aufopferung hatten sein Blut, wie engere versperrende Wege die Ströme, schneller und heftiger gemacht, und die Liebe zu Klotilden war männlicher und kühner durch den Gedanken geworden, dass er sie nun ganz verdiene. Nichts gibts ausser Grossmut und Sanftmut Schöneres als das Bündnis derselben.

Emanuel war nichts weiter als matt und setzte sich, da der Abend schwül auf allen brütete, mit Viktor auf die Grasbank seines Hauses, um mit der zuckenden Brust aufrecht zu bleiben, und eine sanfte Freude glänzte in seinen Mienen über jeden gefallnen Bluttropfen, weil jeder ein rotes Siegel auf seine Hoffnung zu sterben war. Aber als Viktor das müde Haupt des guten Mannes an seinen Busen nahm und ihn darauf entschlummern liess: so wurde ihm im stillen Abend wieder weh, und sein Herz schmerzte ihn erst. Er dachte sich es einsam, wie sich drüben heisse Schwerter durch die schuldlose blutende Seele zischend ziehen würdener fühlte, wie nun das zweisilbige, zweischneidige Zornwort Flamins durch das ganze Band ihrer Freundschaft geschnittener stellte sich das neben ihm blühende Teater der schönen Tage verödet vor und das Vorüberwehen der Freuden, die uns nur wie Schmetterlinge in weiten Kreisen umspielen, indes der Nervenwurm des Grams sich tief in unsere Nerven einbeisset. Endlich lehnt' er sich weinend an den schlummernden Vater und drückte ihn leise und sagte: "Ach ohne Freundschaft und Liebe könnt' ich die Erde nicht ertragen." – Und endlich wurde auch seine zersetzte und versiegte Seele vom schweren Körper in den dicken Schlaf gedrückt und hinabgezogen.

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Leser! der letzte Augenblick in Maiental ist der grössteerhebe deine Seele durch Schauder und steige auf Gräber wie auf hohe Gebirge, um hinüberzusehen in die andere Welt!

Um Mitternacht, wo die Phantasie die verhüllten Toten aus den Särgen zieht und sie aufgerichtet in die Nacht um sich stellt und aus der zweiten Welt unbekannte Gestalten zu uns verschlägtso wie unkenntliche Leichname aus Amerika an die Küsten der alten Welt antrieben und ihr die neue verkündigten –, in der Geisterstunde schlug Viktor die Augen auf, aber unaussprechlich heiter. Ein vergessener Traum hatte die heutige Vergangenheit mit allem ihrem Getöse und Gewölke weit hinabgesenkt; – der lichte Mond stand oben in der blauen Verfinsterung wie die silberne Spalte und quellenhelle Mündung, aus der der Lichtstrom der andern Welt in unsere bricht und in äterischem Dufte niedersinkt. – "Wie ist alles so still und so licht!" sagte Viktor. "Ist diese dämmernde Gegend nicht aus meinem Traume übrig geblieben, ist das nicht die magische Vorstadt der überirdischen Stadt Gottes?" – Eine vorübereilende stimme sagte: "Tod! ich bin schon begraben."

Emanuel öffnete darüber die Augen, warf sie durch das Laubwerk in den über das Dörfchen erhöhten Kirchhof und sagte mit einer Zuckung seines ganzen Wesens: "Horion, wach auf, Giulia hat die Ewigkeit verlassen und steht auf ihrem grab."- Viktor blickte fieberhaft hinauf; und in einem schneidenden Eisschauer wurden alle warmen Gedanken und Nerven des Lebens hart und starr, da er oben am grab eine weisse verschleierte Gestalt ruhen sah. Emanuel riss sich und seinen Schüler auf und sagte: "Wir wollen hinauf auf das Teater der Geister: vielleicht ergreift die Tote meine Seele und nimmt sie mit."... Fürchterlich schwiegen die Gegenden um ihren Weg... die Menschen fahren aus dem Fussboden wie stumme Knechte, wie Maschinen zur Bedienung, und fallen wieder hinunter, wenn sie abgeleeret sind.... Das Menschengeschlecht zieht wie ein fliegender Sommer durch den Sonnenschein, und das betauete Gewebe hängt sich flatternd an zwei Welten an, und in der Nacht vergehts.... So dachten beide Menschen auf der Wallfahrt zur Toten, sie wunderten sich über ihre eigne schwere Verkörperung und über das Geräusch ihrer Tritte. – Emanuel knüpfte seinen