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bring ihr auf deiner Flöte die Töne meines geliebten Liedes: 'Das Grab ist tief und stille.' – Sing es leise nach, Klotilde, und besuch mich auch. – Ach arme Giulia, richte deine Seele auf und erliege jetzt nicht, da du deinen Julius dir an deinem grab denkest! – Wenn du da das Totenopfer bringst, so wird zwar mein Geist schon höher stehen; ich werde ein Jahr jenseits der Erde gelebet haben, ich werde die Erde schon vergessen habenaber doch, aber o Gott, wenn du die Töne über meinem grab ins Elysium dringen liessest, dann würde' ich niedersinken und heisse Tränen vergiessen und die arme ausbreiten und rufen: ja! hier in der Ewigkeit lieb' ich ihn noches geh' ihm wohl auf der Erde, sein weiches Herz ruhe weich und lange auf dem Leben drunten. – Nein, nicht lange! Komm herauf, Sterblicher, zu den Unsterblichen, damit dein Auge genese und die Freundin erblicke, die für dich gestorben ist!

Giulia."

"Ich will gehen," – sagte Julius stockend, aber mit Zuckungen im Gesicht – "wenn auch die Sonne nicht hinab ist: mein Vater soll mich bis zum Untergange trösten, damit mein Herz nicht so heftig an die Brust anschlägt, wenn ich am grab stehe und das Totenopfer bringe."- – Lass mich nichts sagen, Leser, von der Beklemmung, womit ich weitergehenoch von dieser zu weichen Giulia, die wie eine Morgensonnenuhr vor dem Mittage im Schatten und Kühlen war, die wie eine Taube die Flügel dem Regen und Weinen auseinanderfaltetenoch von ihren Seelen-Schwestern, die im zweiten Lebens-Jahrzehend das Gerippe des Todes ganz mit Blumen überhängen, dass sie seine Glieder nicht sehen können, und die ihren weissen Arm bloss auf einen Myrtenzweig der Liebe stützen wie auf einen Aderlassstock und ruhig dem Verbluten seiner zerschnittenen Adern zuschauen! –

Ich hätte nicht einmal dieses gesagt, wenn nicht Viktor es gedacht hätte, dessen Herz ein unendlicher Gram und eine unendliche Liebe tödlich auseinanderzogen; denn ach wie weit war nicht seine unersetzliche Klotilde schon auf dem Wege, ihrer Freundin nachzukommen und das ungeliebte Herz in der Erde zu verbergen, wie man im Froste Nelken niederlegt!

Die Sonne stieg tieferder Mond stieg höherViktor sah Klotilden wie eine Heilige, wie einen äterisch verkörperten Engel in einer gegen Abend geöffneten Nische ruhen-das kleine, gestern genannte Mädchen spielte auf ihrem Schoss mit einer neuen Puppeihm war, als sehe' er sie gegen Himmel schwebenund als sie ihre grossen Augenlider aus den Tränen für die geschiedne Freundin, deren Geheimnis sie längst erraten und verborgen hatte, gegen den aufhob, der sie heute durch seinen Abschied vermehrte; und als sie auch sein Angesicht in Rührung zerschmolzen sah: so erdrückten die gleichen Trauergedanken in beiden sogar die ersten Laute des Empfangs, und beide wandten ihr Gesicht ab, weil sie über die Trennung weinten. – – "Haben Sie" (sagte Klotilde, wenigstens mit einer gefassten stimme) "eben mit Julius gesprochen?" – Viktor antwortete nicht, aber seine Augen sagten Ja, indem sie bloss heftiger strömten und sie unverwandt anschaueten. Sie schlug sie tief nieder, mit einem kleinen Erröten für Giulia. Das kleine Kind hielt die über die grossen Tropfen herüberfallenden Augenlider für schläfrig und zog der Puppe das schmale, mit Heu gepolsterte Kopfkissen weg, breitete es Klotilden hin und sagte unschuldig: "Da leg dich drauf und schlaf ein!" Es schauerte ihren Freund, da sie antwortete: "Heute nicht, Liebe, auf Kissen mit Heu schlafen nur die Toten." Es schauerte ihn, da er auf ihrem bewegten Herzen eine schneeweisse Federnelke, in deren Mitte ein grosser dunkelroter Punkt wie ein blutiger Tropfen ist, erzittern sah. Die fürchterliche Nelke schien ihm die Lilie zu sein, die der Aberglaube sonst im Chorstuhle des Priesters antraf, dessen Sterben prophezeiet werden sollte.

Sie heftete schmerzlich ihren blick auf die tiefe Sonne und den o Gottesacker, hinter dem diese in den Maitagen wie ein Mensch unterging. "Verlassen Sie diese Aussicht, Teuerste," (sagt' er, wiewohl ohne Hoffnung des Gehorsams) – "eine zarte Hülle wird von einer zarten Seele am leichtesten zerstört. – Ihre Tränen tun Ihnen zu wehe." Aber sie erwiderte: "Schon lange nicht mehrnur in frühern Jahren brannten mir davon die Augenhöhlen, und der Kopf wurde betäubt." – Plötzlich als der Gedanke an die bewölkte Perspektive ihrer verweinten Tage ihm das Herz aus dem Busen wand, erstarb das Sonnenlicht auf ihren WangenTränenströme brachen gewaltsam aus ihren Augener wandte sich umdrüben auf dem Gottesacker sank der Verhüllte auf dem Hügel der Verhüllten niederdie Sonne war schon unter die Erde, aber die Flöte hatte noch keine stimme, der Schmerz hatte nur Seufzer und keine Töne.... Endlich richtete der schöne Blinde sich unter zuckenden Schmerzen empor zum Totenopfer, und die Flötenklagen stiegen von dem festen grab auf in das Abendrotdrei Herzen zergingen wie die Töne, wie das vierte eingesunkne. Aber Klotilde riss sich gewaltsam aus dem stummen Jammer auf und sang zu dem Totenopfer leise das himmlische Lied, um das die Verstorbne sie gebeten hatte und das ich mit unaussprechlicher Rührung gebe:

Das Grab ist tief und stille

Und schauderhaft sein Rand;

Es deckt mit schwarzer Hülle

Ein unbekanntes Land.

Das Lied