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Lispeln wieder zurückgegeben. Das Siegel war unbeschädigt. Emanuels freudiger Entusiasmus über diese Telegraphen des Todes setzte unzufriedene Schlüsse aus seiner bisherigen Gesundheit voraus. Viktor lehnte sich nie gegen die erhabnen Irrtümer seines Lehrers auf; so stellte er z.B. niemals die Gründe, die er hatte und die ich im nächsten Schalttage anzeigen will, dem unschuldigen Wahn entgegen: "aus dem Traume und aus der Unabhängigkeit des Ich vom Körper könne man auf die künftige nach dem tod schliessenim Traume stäube sich der innere Demant ab und sauge Licht aus einer schönern Sonne ein."Viktor erschrak darüber, aber aus andern Gründen: Julius nahm beide an den Ort der Unterredung mit, der in der verfinsterten Allee neben der Blütenhöhle war. Niemand war da, nichts erschien, Blätter lispelten, aber keine Geister, es war der Ort der Seligkeit, aber der irdischen. –

Viktor ging in den andern, in die Abtei. Klotilde war nicht droben, sondern im verschlungnen Labyrint des Parks, wahrscheinlich um dem Inhaber vom Engels-Briefe, Julius, die gelegenheit des Vorlesens zu erleichtern. Er nahm, als die Sonne gerade den Fensterscheiben gegenüber brannte, von der guten Äbtissin mit jener feinen gerührten Höflichkeit Abschied, auf die sich in ihrem stand der höchste Entusiasmus einschränkt. Die feine Äbtissin sagte ihm: "der Besuch sei so kurz, dass er unverzeihlich wäre, wenn nicht Viktor es dadurch gutmachte, dass er ihren zweiten Frühling-Gast (Klotilden) überredete, den ihrigen zu verlängern; denn auch diese verlasse sie bald." – Er schied mit einer gerührten achtung von ihr: denn sein weiches Herz wusste ebensogut hinter der Spitzenmaske der Feinheit und Welt als hinter der Leder-Kruste der Roheit das fremde weiche auszufühlen.

Als er freilich in den Garten eilte: stiegen die Tränen seines Herzens höher und wärmerund ihm war, als müsste er den im Angesichte der Sonne aufgehenden Mond umschliessen, da er dachte: "Ach wenn deine bleiche Flocke heute lichter droben hängt, wenn du allein niederschauest, bin ich geschieden von meiner Schäferwelt oder scheide noch."- Und unten ruhte neben der Nachtigallenhecke sein Julius, der helle Tränenströme vergossdenn dieser ganze Abend wimmelt von immer grösseren Meerwundern des Zufallser eilt zu ihm herab, der Brief des Sogenannten Engels ist geöffnet in seiner Hand, Viktor sagt leise: "Julius, warum weinest du so?" – "O Gott," sagte dieser gebrochen, "führe mich unter eine Laube!" – Er leitete ihn zur überflorten. Julius sagte darin: "Recht, hier brennt die Sonne nicht!" und schlug den rechten Arm um Viktor und gab ihm den Brief und legte den Arm herum bis an sein Herz und sagte: "Du guter Mensch! sage mir, wenn die Sonne nieder ist, und lies mir noch einmal den Brief des Engels vor!"

Viktor fing an: "Klotilde!" – "An wen ist er?" sagt' er. – "An mich!" (sagte Julius) "und Klotilde hat mir ihn schon vorgelesen; aber ich konnte sie wegen ihrem Weinen nicht verstehen, und ich war auch zu betrübt. – Ich werde vor Kummer sterben, du gute Giulia, warum hast du mir es nicht vor deinem tod gesagt? – Die Tote hat ihn geschrieben, lies nur!" – Er las:

"Klotilde!

Ich hülle meine errötenden Wangen in den Leichenschleier. Mein Geheimnis ruht in meinem Herzen verborgen und wird mit ihm unter den Leichenstein gelegt. Aber nach einem Jahre wird es aus dem zerfallenen Herzen dringen – o dann bleib' es ewig in deinem, Klotilde! – und ewig in deinem, Julius! – Julius, war nicht oft eine schweigende Gestalt um dich, die sich deinen Engel nannte? Legte sie nicht einmal, als die Totenglocke ein blühendes Mädchen einläutete, eine weisse Hyazinte in deine Hand und sagte: 'Engel pflücken solche weisse Blumen'? Nahm nicht einmal eine stumme Gestalt deine Hand und trocknete sich damit ihre Tränen ab und konnte' es nicht sagen, warum sie weine? Sagte nicht einmal eine leise stimme: 'Lebe wohl, ich werde dir nicht mehr erscheinen, ich gehe in den Himmel zurück'? Diese Gestalt war ich, o Julius; denn ich habe dich geliebt und bis in den Tod. Siehe! hier steh' ich am Ufer der zweiten Welt, aber ich schaue nicht hinüber in ihre unendlichen Gefilde, sondern ich kehre mein Angesicht noch sinkend nach dir zurück, nach dir, und mein Auge bricht an deinem Bilde. – jetzt hab' ich dir alles gesagt. – Nun komm, stillender Tod, drücke langsam die weisse Hyazinte nieder und teile bald das Herz Liebe sehe. – Ach wirst denn du eine Tote in deine Seele nehmen? Wirst du weinen, wenn du dieses lesen hörest? Ach wenn mein zugedeckter, eingesunkner Staub dich nicht mehr berühren kann, wird mein entfernter Geist von deinem geliebt werden? – Aber ich beschwöre dich, o Unvergesslicher, geh an dem Tage, wo dir dieses Tränenblatt vorgelesen wird, da gehe, wenn die Sonne untergeht, hinauf zu meinem grab und bringe dem bleichen Angesicht darunter, das der alte Hügel schon entzweidrückt, und dem zerronnenen Herzen, das für nichts mehr schlagen kann, da bringe der Armen, die dich so sehr geliebt und die deinetwegen sich unter die Erde gehüllet, dein Totenopfer