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Freude ganz im Übermass zu gönnen, nämlich sein Sehnen. Er trat aus dem Flor, aber der nächtliche Mondschein wich nicht von der Flur; er schaute auf in den blauen Himmel, der uns mit einer langen Flamme betastet, aber die verhüllten Sterne der Winternacht schickten herausquellende kleine Strahlen an die verdunkelte Seele; er sagte sich zwar: "Der Eisberg, auf dem bisher meine Vernunft halbe Bergpredigten abgelegt, ist unter der Freudenglut zu einem Maulwurfhügel eingelaufen", aber er setzte hinzu: "Heute frag' ich nach nichts."

Er kam zu Emanuel mit nassen Augen. Dieser sagte ihm, dass sich das erste Glied der gestrigen Blumenkette, nämlich der Brite mit seinen Leuten, schon in der Nacht abgelöset habe. Aber je länger er Emanuel ansah und an morgen dachtedenn morgen lehnt auch er vor tages die Gartentüre dieses Paradieses leise hinter sich zu, und heute nachmittags nimmt er von der Äbtissin und abends von der Geliebten Abschied, um diese nicht im Ablesen der bekannten Engels-Epistel zu hemmen –, desto drückender waren seine Augen gespannt, und er ging lieber mit einem sich selber vollblutenden Herzen hinaus ins Freie und führte den Blinden mit, der nichts erriet, nichts erblickte und vor dem man ohnehin wie vor einem kind gern sein Innerstes entkleidete.

Aber diesesmal war Julius in derselben Erweichung, weil er den ganzen Morgen den Engel in seiner dämmernden Seele spielen und fliegen sehen. Die sehnsucht nach dem Engel brütete sein ruhendes Herz zum Pochen an, und er sagte mit einem ungewöhnlichen Schmerz: "Wenn ich nur sehen könnte, nur etwas, nur meinen Vater oder dich!" Die überstäubten Erinnerungen an seine Kindheit wurden aufgeschüttelt; und aus dieser in Wolken stehenden Zeit trat besonders ein Tag heraus vor ihn, morgenhell, blau und voll Gesang, und trug drei Gestalten auf seinem Nebelboden, Julius' eigne und die der zwei Kinder, von denen er sich vor ihrer Einschiffung nach Deutschland geschieden hattees entflossen ihm Tropfen, ohne dass er es merkte, da er gerade diesem Viktor, der das Folgende getan hatte, das Küssen und Umhängen und Nachrufen des einen Kindes malte, das ihn am meisten liebte und immer trug. "Und ich denke," fuhr er fort, "jeder, den ich gern höre, habe das Gesicht dieses guten Kindes und auch du. Oft wenn ich einsam diese Gestalt in meinem Dunkeln anschaue und warme Tropfen auf den Lippen spüre und in eine schmachtende schlummernde Wonne falle: mein' ich, es quelle Blut aus meinen Lippen, und mein Herz siedetaber mein Vater sagt, wenn dann meine Augen plötzlich aufgetan würden und ich sähe meinen Engel an oder das gute Kind oder einen schönen Menschen, dann würde ich sterben müssen vor Liebe." – – "O Julius, Julius," (rief sein Viktor) "wie edel ist dein Herz! Das gute Kind, das du so liebst, wird bald mein Vater an dich legen, es wird dich so küssen, so lieben, so drücken wie ich jetzt." –

Er führte ihn zum Essen zurück; er selber aber blieb bis nachmittags unter dem Himmel, und sein Herz legte stille Trauer an unter Bäumen voll Bienen, neben Gesträuchen voll ätzenden Vögeln, auf allen bisherigen Spaziergängen und Sonnenwegen dieses sterbenden Festesund es standen alle Kinderstunden aus dem Winterschlafe des Gedächtnisses auf und berührten sein Herz, aber es zerfloss. – – O wenn uns weit entlegne Minuten mit ihrem Glockenspiel antönen, so fallen grosse Tropfen aus der weichen Seele, wie das nähere Herüberklingen ferner Glocken Regen bedeutet. Ich verdenke dir nichts, Viktordu bist doch nur weich, aber nicht weichlichso gut dir dein Biograph deine Erweichung nachzuschreiben und dein Leser sie nachzufühlen vermag, ohne die festen Muskeln des Herzens abzuspannen, ebensogut vermagst du es auch, und nur ein Mann, der bittere Tränen erpressen kann, wird süsse verhöhnen und keine selber vergiessen.

Endlich ging Viktor zur letzten Freude, in den Garten des Endes, um mit sanften Tränen in der Abtei von allen Freundinnen abzuscheiden. Ein sonderbarer Vorfall verschob es ein wenig: denn indem er von Emanuel wegging, stiess ihm Julius auf, der aus dem Garten kam und ihm sagte: "wenn er zu Emanuel wolle, er sei im Garten." – Sie erhoben einen freundschaftlichen Streit, weil jeder ihn gerade jetzt gesprochen haben wollte. Viktor ging mit ihm zu Emanuel zurück, und hier erzählte Julius seinem Lehrer jedes Wort des vorgeblichen Gartengesprächs mit ihm: "z.B. über Viktor, über Klotilde, über seinen heutigen Abschied, über die bisherigen frohen Tage."

Während der Erzählung wurde Emanuels Angesicht glänzend, als wenn Mondschimmer davon niederflösseund anstatt dem geliebten kind die Unmöglichkeit seiner Erscheinung im Garten vorzustellen, räumte er ihm die Erscheinung ein und sagte entzückt: "Ich werde sterben! – Es war mein abgeschiedener Vaterseine stimme klingt wie meineer verhiess mir in seinem Sterben, aus der zweiten Welt in diese zu kommen, eh' ich von hinnen ginge. – Ach ihr Geliebten drüben über den Gräbern, ihr denkt also noch an mich – o! du guter Vater, dringe jetzt mit deinem tödlichen Glanze vor mich heran und löse mich an deinem mund auf!" –

Er wurde noch mehr darin befestigt, weil Julius dazu erzählte, die Gestalt habe sich von ihm den Brief des Engels reichen lassen, ihn aber nach einem kleinen