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Nacht zieht durch keinen Frühling mehr.... Hörst du," (fuhr er fort, als die in die Unermesslichkeit entrückten Töne gleichsam wie Abendsterne des untergegangnen Glanzes, wie Herbststimmen des wegziehenden Sommergesangs in die sehnsüchtige Seele hineinriefen) "hörst du das schöne Vertönen? Siehe, ebenso töne am längsten Tage meine Seele aus, ebenso liege dein Herz an meinem, und so sage wie heute: ruhe wohl!"...

Dem letzten Geliebten entsunken, schwankte Viktor im gemischten Zwielicht der wehmütigen Begeisterung zurück durch die vom Mondlicht durchbrochne, gleichsam von Strahlen tropfende Allee, um in der Blütenhöhle, wo er zuerst Klotilde hier gefunden, das träumende Haupt an ein Kopfkissen von Blütenkelchen anzulehnen... Und als er langsam und allein und mit elysischen Erinnerungen und Hoffnungen durch den in die Allee gewachsenen Laubengang zwischen den einwiegenden Bächen hinwankte: so schwammen noch niedrige Wogen des weggetragnen Getönes in die Phantasie mehr als in die Ohren, und nur die Nachtigall regierte laut über die beseelte Nacht. Da sank unnennbar beglückt und wonneschwer der letzte Mensch dieser Nacht von den fünf Stufen seines himmlischen Bettes durch die ZweigVergitterung in das dunkle Blüten-Dickicht hinein. – – Betauete Sprossen fielen kühlend an seine entzündete Stirne, er legte die zwei arme ausgestreckt auf zwei Armlehnen von Zwergbäumen und schloss entzückt die heissen Augenlider zu, und das Forttönen der Nachtigall und der fünf Quellen um ihn wehten ihn einige Strecken weit in den dämmernden Wahnsinn des Traumes hinüberaber die in Freuden-jubel hinausschreiende Nachtigall schlug durch seinen Traum, und als er die Augen, in halbe Träume verschlagen, auftat, schoss der Blitz des Mondes durch das weisse Gesträuch – – dennoch, von den vorigen Szenen befriedigt, lächelte er nur halb ausser sich und überhüllte das Auge wieder und liess sich ganz in den harmonischen Schlummer hinunter... nur einige gebrochne Laute sang er noch in sich... nur einigemal regte er noch die liegenden arme zu Umfassungen... und nur im Ersterben des Schlummers und der Wonne stammelte er einmal noch dunkel: Geliebte! ...

Und so schön, grosser Allgütiger, lass uns andere Menschen in der letzten Nacht entschlafen wie Viktor in dieser, und lass es auch unser letztes Wort sein: Geliebte! –

Vierter und letzter Pfingsttag

(36. Hundposttag)

Hyazintedie stimme vom Vater EmanuelsBrief

vom EngelFlöte auf dem Grabzweite

NachtigallAbschiedGeistererscheinung

Eben ist der Anhang zum vierten Freudentage eingelaufen. Ich komme nach dem Seufzer, womit man gewöhnlich am Tage nach den Festtagen sagt, dass man sie begrabe, wieder vor das blühende Bette meines Freundes und öffne den grünenden Vorhang; gegen neun Uhr erst zog ihn eine nah an seinen Händen schlagende Grasmücke mühsam aus einem tiefen Traummeer. Aber die Schattenfiguren, die der Hohlspiegel des Traums in der Luft aufgerichtet hatte, waren alle vergessen; nur die Tränen, die sie ihm ausgepresset, standen noch in seinen Augen, und er entsann sich nicht mehr, warum er sie vergossen hatte. Es war heute Quatember, der wie andere Wetter- und Mondveränderungen unser Traum-Echo lauter und vielsilbiger macht. – In einer sonderbaren Erweichung schlug er die Augen auf vor der weissen Dämmerung des Apfelblüten-Überhangs, vor dem Wirrwarr des grünen Gespinstessein Hand jagte die Grasmücke durch das Gebüsches war schwül um diesen Schatten, die Baumgipfel waren stumm und alle Blumen geradeBienen bogen sich von Sandkörnchen herab in die Quellen um ihn und schlurften wasservon den Weiden tropften weisse Flocken, und alle Riechfläschchen der Blüten und die Rauchgefässe der Blumen übergossen seine Schlafstätte mit einem süssen schwülen Dunst...

Er führt seine rechte Hand ans nasse Auge und erblickt darin mit Erstaunen eine weisse Hyazinte, die ihm jemand heute musste hineingelegt haben... Er verfiel auf Klotilde; und sie war es auch gewesen. Vor einer halben Stunde trat sie an dieses Blumen-Betteliess sogleich das Gesträuch leise wieder zusammenschlagenzog es aber doch wieder auseinander, weil sie die Tränen des vergessenen Traums über das Angesicht des glühenden Schläfers rinnen sahihre ganze Seele wurde nun ein weicher segnender blick der Liebe, und sie konnte sich nicht entalten, das Denkmal ihres Morgenbesuchs, die Blume, in die Hand zu legenund eilte dann leise in ihr Zimmer zurück.

Er trat eilig in den leuchtenden Tag, um die Geberin einzuholen, deren Morgengabe er leider aus Besorgnis der Zerstörung so wenig wie sie ans Herz anpressen durfte. O wie tat es ihm wehe, als er im Freien vor dem herrnhutischen Gottesacker der heimgegangnen Himmelnacht, vor dem ruhenden Garten, stand und als er auf die kahlen ausgemähten eingetretenen Tanztennen und auf die verstummte Nachtigallenstaude blickte und auf die Berge, woran die Kinder weideten, vom gestrigen Schmucke entkleidet! Da erschien der vergessene Traum wieder und sagte: weine noch einmal, denn das Rosenfest deines Lebens beschliesset sich heute, und der letzte von den vier Flüssen des Paradieses trocknet in wenig Stunden gänzlich aus! – "O ihr schönen Tage," sagte Viktor, "ihr verdient es, dass ich euch verlasse mit einer Erweichung ohne Mass und mit Tränen ohne Zahl!" – Er floh aus dem zu harten Taglicht in die Zelle aus Flor, damit sie den hellen Vorgrund des Tages zu einem dämmernden Hintergrund ummalte, mit dem gestrigen Mondschein überdeckt; und unter diesem Leichenschleier der erblichenen Nacht setzte er sich vor, dem verarmenden Herzen heute seine letzte