beide, glaube' ich, unmögliche Fälle: kein Mensch hat ganz unrecht und keiner ganz recht; und wer vergibt, dem wird zugleich vergeben, und umgekehrt – so teilen zwei Menschen, die sich versöhnen, immer die Freude der Verzeihung und die Freude der reinern und grösseren Liebe miteinander." –
Viktor ging, um eine Rührung zu verbergen, durch die er eine fremde zu sehr erhöhte. Aber auf seinen nahen und fernen Wegen zwischen Tönen und Blüten hielten in ihm Gefühle an, die seine Liebe verdoppelten und verherrlichten: er fühlte, dass der stärkste Ausdruck der Liebe nicht so fest und innig in die Seele greife als der feinste. Allein als er vor der Sonnenuhr vorüberging, die mit einem Massstabe aus Schatten uns andern Schatten ihre engen glücklichen Inseln zuzählte, und als ihm der Mond auf der Waage mit seiner innenstehenden Schattenzunge die letzten Minuten dieser frohen Stunde vorwog, weil er nach Mitternacht hin zeigte, gleichsam als wenn er schriebe: es ist sogleich vorüber: so trat der Engländer allein langsam und niederblickend aus dem Florgewebe und ging unter die Töne, um sie wegzuführen mit dem ganzen Himmel um sie. Viktor, der im stillen Meer der tiefsten Freude nicht mehr nach Gegenden steuerte, sondern zufrieden darauf taumelte und ruhte und in der Zukunft nichts begehrte als die Gegenwart, wandelte jetzt nur auf den langen Terrassen hin und her, anstatt den Garten auf- und abzusteigen – er stand gerade auf der obersten, auf der Blumenterrasse, an dem Morgenspringbrunnen, und sah den dämmernden Weg hinüber zum blinkenden Abendbrunnen, und der Schnee des Mondes lag tiefer und weisser gefallen die glückselige Ebene hinab, und dieses blühende Zukkerfeld kam seinem träumenden Herzen wie eine in diese Erde hineinreichende Landspitze der Insel der Seligen vor, und er sah ja lauter selige Menschen auf diesem Zaubergefilde gehen, ruhen, tanzen, hier einsam, dort in Paaren, dort in Gruppen, und unschuldige Menschen, stille Kinder, sanfte tugendhafte Mädchen, und er schaute zum gestirnten Himmel auf, und sein Auge voll Tränen sagte zum Allgütigen: o gib auch meinem guten Vater und meinem guten Flamin eine solche Nacht – – als er plötzlich die Töne wie abgewehet vernahm und den Briten mit den Kindern ziehen sah, und das Schwanenlied eines Maestoso wurde vorausgetragen vor der entfliehenden Jugend....
Viktor ging oben mit den wegschwimmenden Tönen, und die Sterne schienen mitzuschwimmen und die Gegend mitzugehen – auf einmal stockt er am Ende der Blumenterrasse vor den Ebenbildern Giulias, den weissen Hyazinten, vor der Freundin Giulias, vor – Klotilde.... Augenblick! der nur in der Ewigkeit wiederholt wird, schimmere nicht zu stark, damit ich es ertragen kann, bewege mein Herz nicht zu sehr, damit es dich beschreiben kann! – Ach beweg' es nur wie die zwei Herzen, denen du erschienst; du begegnest uns allen nicht mehr.... Und Klotilde und Viktor standen unschuldig vor Gott, und Gott sagte: weint und liebt wie in der zweiten Welt bei mir! – Und sie schaueten sich sprachlos an in der Verklärung der Nacht, in der Verklärung der Liebe, in der Verklärung der Rührung, und Wonnezähren deckten die Augen zu und hinter den erleuchteten Tränen stiegen um sie verklärte Welten aus der dunkeln Erde auf und der Abendspringbrunnen legte sich glimmend wie eine Milchstrasse über sie herüber und der Sternenhimmel schlug funkelnd über sie zusammen und das entweichende Vertönen spülte die aufgehobnen Seelen vom Erdenufer los.... Siehe! da trieb ein kleines Wehen die entfliegenden Laute heisser und näher an ihr Herz, und sie nahmen ihre Tränen von den Augen; und als sie umherschaueten in der Gegenwart: so bewegte das melodische Wehen alle Blüten im Garten, und die grosse Nacht, die mit Riesengliedern im Mondschein auf der Erde schlief, regte vor Wonne ihre Kränze aus abgeschatteten Gipfeln und die zwei Menschen lächelten zitternd zugleich und schlugen miteinander die Augen nieder und hoben sie miteinander auf und wusstens nicht. Und Viktor konnte endlich sagen: "O! möge das edelste Herz, das ich kenne, so unaussprechlich selig sein wie ich und noch seliger! So viel hab' ich nicht verdient." – Und Koltilde sagte in einem sanften Tone: "Ich bin den ganzen Abend meistens allein geblieben, bloss um vor Freude zu weinen, aber er ist zu schön für mich und die Zukunft." ... Die umkehrenden Gespielinnen kamen den Garten herauf, und beide mussten auseinander scheiden; und als Viktor noch mit erstickten Lauten sagte: "Ruhe wohl, du edle Seele – solche Freudentränen müssen immer in deinen Augen stehen, solches melodische Getöne müsse immer um deine Tage rinnen – Ruhe wohl, du himmlische Seele"; und als ein blick voll neuer Liebe und ein Auge voll neuer Tränen ihm dankte; und als er sich tief, tief bückte vor der Heiligen, Stillen, Bescheidnen und aus Ehrfurcht nicht einmal ihre Hand küsste: so umarmte in der Unsichtbarkeit ihr Genius seinen Genius vor Entzücken, dass ihre zwei Kinder so glücklich waren und so tugendhaft. – –
O wie wohl tat jetzt seiner überschütteten Seele sein geliebter Dahore, dem er unter den lauten Kastanien nachkam, und an den er mit allen seinen Tränen der Wonne, mit allen seinen Liebkosungen des trunknen Herzens fallen durfte: "Mein Emanuel, ruhe sanft! Ich bleibe heute Nacht unter diesem guten warmen Himmel um uns her." – "bleibe nur, Guter," (sagte Emanuel) "eine solche