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und dachte: "arme verschattete Seele, die Seufzer der Musik dehnen dein sehnsüchtiges Herz aus, und du siehst nie, wen du liebst und wer dich liebt." – Emanuel ging einsam den langen Weg zu seinem Berge mit der Trauerbirke hinauf und zurück. – Viktor irrte den ganzen Garten hindurch: er kam vor verhüllten Obelisken, Säulen und Würfeln vorüber, die den Platz steinerner Faunen besser besetzten; – er trat in die dunkle, nur von der Abendröte schattierte Abendlaube, wo er gestern zu glücklich war für einen Sterblichen und zu weich für einen Unsterblichen; – er drängte sich durch einen Ring von büsche, aus denen ein strahlendes Springwasser vorragte, und schloss geblendet die Augen zu, als er darin in künstlich belaubten Pfeilerspiegeln einen mit Mondsilber gesättigten Wasserbogen in zurückweichenden Erbleichungen millionenmal aufgewölbt und aus weissen Regenbögen in Mondsicheln und endlich in Schatten zurückgeführt erblickte. – –

O wie oft hatte' er nicht in seinen Kinderträumen, in seinen Landschaftgemälden, die er sich von den Tagen des Paradieses entwarf, diese Nacht gesehen und kaum gewünscht, weil er sie auf der rauhen Erde nie zu erleben hoffte; und jetzt stand diese EdenNacht mit allen um sie hängenden Blüten und Sternen ausgeschaffen vor ihm! – Und wer von uns hat nicht in irgendeiner zauberisch beleuchteten Stelle seiner Phantasie und seiner Hoffnung ein ebenso grosses Nachtstück einer künftigen Lenznacht aufgestellt, wo er wie in dieser mit allen Freunden auf einmal (nicht immer allein) glücklich istwo wie in dieser die Nacht nur als ein Schleier durchsichtig über den Tag geworfen istwo der rote Gürtel, den die Sonne beim Einsteigen ins Meer abgelegt, bis an den Morgen auf dem Rand der Erde schimmernd liegen bleibtwo die langen Seelentöne der Nachtigall laut durch das auseinanderrinnende Adagio ziehen und sich aus dem Echo erhebenwo wir lauter befreundeten Seelen begegnen und sie trunken anblicken und durch das Lächeln fragen: o du bist doch auch so glücklich wie ich? und wo das fremde Lächeln es bejaheteine Nacht, o Gott, wo du unser Herz voll und doch ruhig gemacht, wo wir weder zweifeln noch zürnen noch fürchten, wo alle deine Kinder an deiner Brust in deinen Armen ruhen und die hände ihrer Geschwister halten und nur mit halb geschlossenen Augen schlummern, um sich anzulächeln? – – Ach da der Seufzer, womit ich dieses schreibe und ihr es leset, uns daran erinnert, wie selten solche Frühlingnächte auf unsere Erde fallen: so verübelt es mir nicht, dass ich das schwelgerische Gemälde dieser Nacht nur langsam vollführe, damit ich einmal in meinen alten Tagen mich an der gemalten Stunde der jetzigen Begeisterung erquicke und etwa sagen könne: ach du wusstest es damals wohl, dass du niemals eine solche Nacht erleben würdest, darum warst du so weitläuftig. Und was anders als versteinerte Blüten eines Klima, das auf dieser Erde nicht ist, graben wir aus unserer Phantasie aus, so wie man in unserm Norden versteinerte Palmbäume aus der Erde holt.....

Viktor ging zum stillen Julius an der Nachtigallenhecke und legte ihm Nachtviolen in die Hand und küsste ihn auf das verhangne Auge, das nicht sehen, aber doch weinen konnte vor Freudeund die benachbarte Nachtigall hielt nicht innen unter dem Kuss. Er kam den Garten hinauf, als Emanuel herunterkam; neben dem Morgenspringbrunnen sahen sie einander an, und Emanuels Angesicht leuchtete im Widerschein der Wellen, als wenn er vor dem Engel des Todes stände und zerflösse, um zu sterben, und er sagte: "Der Unendliche drückt uns heute an sichwarum kann ich nicht weinen, da ich so glücklich bin?" – Und als sie wieder auseinander waren, rief er seinen Viktor zurück und sagte: "Schau, wie blühendrot der Abend gegen Morgen zieht wie ein Sterbender, als wenn ihn die Töne fortrücktenschau, die Sterne hängen wie Blüten aus der Ewigkeit in unsere Erde hereinschau die grosse Tiefewie viel Frühlinge grünen heute auf so viel tausend darin ziehenden Erden." –

Die Mädchen hatten sich nach kurzen Gängen bald auf die Grasbänke der Terrassen paarweise oder in der Zahl der Grazien niedergesetzt. Klotilde, die allein gewandelt war, tat es endlich auch und setzte sich zu einer einsamen Freundin auf der vierten Terrasse, neben den bunten Sonnen-Regenbogen aus Blumen, hinter welchem der Mond-Regenbogen aus wasser blinkte. Diese Freundin rief den kommenden Viktor zum Schiedrichter eines tugendhaften Zwistes herbei: "Wir haben gestritten," sagte die Freundin, "was süsser für gute Menschen sei, wenn sie vergeben, oder wenn ihnen vergeben wird. Ich behaupte durchaus, vergeben ist süsser." – "Und mir kommt es vor," (sagte Klotilde mit einer gerührten stimme, die alle liebreiche Gedanken ihres schonenden Herzens, alle ihre dankenden Erinnerungen an ihre letzte Entzweiung mit Viktor und an sein schönes Vergeben entdeckte) "es sei schöner, Vergebung zu erhalten, weil die Liebe gegen die verzeihende Seele durch die eigne Demut reiner und durch die fremde Güte grösser wird." Etwas Lieblicheres wurde wohl unserm Viktor nie gesagt. Seine Rührung und sein Dank machten ihm das Entscheiden schwer; aber Klotilde half seinen Träumen durch die Wendung ein oder ab: "Ich habe meine gute Charlotte schon an vorgestern erinnert, aber sie bleibt dabei." Sie meinte den Beicht und Abendmahltag, wo die schönen Herzen alle von einander Vergebung baten und bekamen. Viktor antwortete endlich zugleich wahr und beziehend und fein: "Sie setzen