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der Freude mit neuen Schauspielern empor.... Zwei Rosen waren in den Himmel gepflanzt, die rote, die Sonne, die über der zweiten Halbkugel ihre Blüten auftat, und die weisse, der Mond, der in unsere niederhing; aber Sonnengold und Lunasilber und Abendschlacken wurden noch von einem rauchenden Zauberdufte eingesogen, und man konnte noch nicht die Schatten vom silbernen grund des Mondlichts absondern, und niederflatternde Blüten wurden noch mit Nachtschmetterlingen vermengt.

Die Glücklichen gingen durch die Kastanienallee hinab zu den jüngern Glücklichen, zu den Kindern, die, kühner durch die Gegenwart ihrer Mütter, zwanzig Freiheitbäume in veränderlichen Gruppen umzingelten und umkreiseten und nur auf tiefere Schatten warteten, um schneller zu tanzen. Der Engländer wurde von Klotilde wie ein Freund ihrer zwei Freunde empfangen. Das Brautpaar, dem die Wiese als Erbschaft gehörte, hatte die eigne Musik gegen diese vertauscht, und das Bundfest desselben rückte in seiner Feier unserem Helden den heitern Tag näher, wo er, er auch seine Klotilde Braut nennen durfte; aber er hatte nicht den Mut, sein errötendes Gesicht gegen diese zu wenden, weil er dachte, sie denke dasselbe und sei auch rot. Nur ein Liebender kann mit der Begeisterung eines Brautpaars sympatisieren; und nie stiegen schönere Wünsche für eines auf als für dieses in zwei Seelen voll Liebe. Eine vierjährige Schwester der Braut drückte sich an Klotilden anjene war die kleine Luna dieser Venus bei ihren Spaziergängenund diese entlud gern ihre Liebe in die kleine Hand, die der ihrigen den Vorzug vor einem Mittänzer liess.

Der Mond gab jetzt durch den Widerschein der Sonne, womit er dieses Kinderparadies versilberte, der Freude hellere Farben, und unter dem vertieften Schatten der Maienbäume wuchs der kindliche Mut. Alles war beglücktalles fesselnlosalles friedlichkein giftiges Auge warf Blitzekeine einzige Härte störte das metrische Lebenin melodischer Fortschreitung klangen die Minuten im Silbertone vorüber und verfingen und hielten sich in dem ausschlagenden Rosendickicht der Abendröte auf. – Der laue flatternde Äter des Frühlings sog an den Blüten sich voll Düfte und trug sie wie Honig in die Brust des Menschen. – Und als die Pulse voller schlugen, spielten stumme kühlende Blitze um die Nebel des Horizonts, und der Mond zog Lebenluft101 aus den Blättern, um auf ihr den abgezognen Geist ihrer Kelche gesünder zuzuführen.

Viktor und der Engländer und Emanuel und Klotilde nebst einigen von ihren Freundinnen standen unten wie gebende Götter der Freude neben den Kindern und wurden durch den Genuss der fremden Labung trunken. Unser Freund hatte eine zu heilige Liebe, um sie (zumal so vielen Fremden und dem Engländer) zu zeigen, und legte dem unbändigen tanzenden Herzen Zügel an. In der edlen Liebe ist das Opferund wäre sie es selberso angenehm wie der Genuss; aber noch leichter wird es neben einem Emanuel, derdas ist das schimmernde Ordenkreuz der höhern Menschengerade in der Freude seine Augen zu dem höhern Leben aufhebt und zur Wahrheit. Diesesmal verdoppelte noch dazu das Gefühl seiner steigenden Gesundheit sein Schmachten nach dem geweissagten Verscheiden. Sein verherrlichtes Angesicht, seine überirdischen Wünsche und sein stilles Ergeben waren gleichsam der zweite höhere Mondenschein, der in den dunklern fiel; und er störte das wachsende Elysium gar nicht, da er z.B. sagte: "Der Sterbliche hält sich hier für ewig, weil das Menschengeschlecht ewig ist; aber der fortgestossene Tropfe wird mit dem unversiegenden Strome verwechselt; und keimten nicht immer neue Menschen nach, so würde jeder die Flüchtigkeit seiner Lebenterzie tiefer empfinden"- oder da er sagte: "Wenn der Mensch nicht unsterblich wird, so wird es auch kein höheres Wesen, und die Schlüsse sind dieselben; dann brennte der stehende Gott aus dem kämpfenden und erlöschenden Sein einsam heraus, gleich der Sonne, die, wenn es keinen Erdendunstkreis gäbe, aus einem schwarzen Himmel lodern und die gewölbte Nacht durchschneiden, aber nicht erhellen würde" – oder da er sagte: "Der gang des Menschengeschlechts zur heiligen Stadt Gottes gleicht dem Gange einiger Pilgrime, die nach Jerusalem wallfahrten und allemal nach drei Schritten vorwärts wieder einen rückwärts tun."- Oder endlich da er auf seines Viktors Bemerkung, dass die Besserung nur die groben Fehler, nicht die feinen Gewissenbisse aufhebe, und dass ein Heiliger so viel Klagen von seinem Gewissen erhalte als der Schlimme, da er darauf sagte: "Unsere Entfernung von der Tugend findet man, wie die von der Sonne, durch genauere Berechnungen bloss grösser; aber die Sonne fliesset doch, aller veränderlichen Rechnungen ungeachtet, immer mit derselben Wärme in unser Angesicht." –

Plötzlich lief der Engländer zu den Spielern und foderteum die Sprünge und Läufer seiner Ideen in Musik gesetzt zu sehen von ihnen das beste Adagio und eilte in das "Florgezelt" oben hinauf, das der Lord Horion aus eisernen Bögen und einem darüber gespannten schwarzen Doppelflor erbauen liess, um für seine damals erkrankenden Augen den Sonnenschein in Mondschein umzusetzen. Da jedes Herz bei der ersten Berührung vom Adagio in selige Tränen zergehen musste: so zerlegte die Wonne, die sich zu verhüllen suchte, den ruhenden Kreis, und alle flossen auseinander, um (jeder unter seiner eignen Überlaubung) ungesehen zu lächeln und ungehört zu seufzenwie Kurgäste eines Gesundbrunnen zerteilte, begegnete, entfernte man sich in zufälligen Richtungen.

Der schöne Blinde ruhte oben nicht weit von der Nachtigall gleichsam an der Quelle der harmonischen Ströme, und Klotilde blickt' ihn trauernd an, sooft sie an ihm vorüberging,