Erdenschule gesendet worden, um stille sein zu lernen – aber der eucharistische Religionkrieg des alten und neuen Adams hörte bloss durch eine Entzückung auf, nämlich durch die Entschliessung, sobald ihm sein Vater die Hand- und Beinschellen des Hofes abnehme, mehr zu kurieren als der Stadt- und Landphysikus und alles umsonst und meistens bei Armen. – –
Nur auf ein Wort, Leser! Tugend kann nicht der Glückseligkeit würdig machen, sondern nur würdiger, weil schon das Dasein uns wie bei den nicht-moralischen Tieren ein Recht an Freude gibt – weil Tugend und Freude inkommensurable Grössen sind und man nicht weiss, wird ein seliges Jahrhundert durch ein tugendhaftes Jahrzehend oder dieses durch jenes verdient – weil die Jahre der Freude vor den Jahren der Tugend laufen, so dass der Tugendhafte statt der Zukunft erst die Vergangenheit, statt des himmels erst die Erde zu verdienen hätte.
Der Nachmittag lief wie eine lichte Quelle über bunte Kleinigkeiten wie über Goldsand hinüber, über kleine Freuden und über grosse Hoffnungen, über zarte Aufmerksamkeiten und über den Blumenstaub wohlwollender Feinheiten, der das beste Heftpulver der Herzen ist. Viktor fühlte, dass eine Geliebte, die viel Verstand hat, der Liebe einen eignen pikanten Geschmack mitteile; sie selber fühlte, dass das Herz, das man mit weichen bekleideten Händen und nicht mit rohen Griffen abgepflückt, sich besser erhalte, so wie sich Borsdorfer Äpfel länger halten, die man nur mit Handschuhen abgenommen. Obgleich nach meinen Tabellen die Liebe gerade am Tage nach dem ersten Kusse am höchsten, nämlich auf 112° Fahrenheit oder 10° de l'Isle steht: so war doch mit Viktors Liebe zugleich seine Ehrfurcht gestiegen – o die Liebe erhebt, worin die Gunstbezeugungen nicht kühner, sondern blöder machen! –
Unser Freund fühlte, wie glücklich in der Freude das Ansichhalten mache, und wie sehr der schäumende Freuden-Pokal durch einige Messerspitzen hineingeworfnes Temperierpulver sich aufhelle und veredle. Nach einem Nachmittag, wo die ganzen Stunden reizend waren, ohne dass man einzelne ausserordentliche Minuten hätte herausheben können – wie die Fasanenfedern nicht einzeln, sondern in ganzen büsche glänzen –, nach diesem Nachmittag zog alles in den Garten, aber Emanuel zuerst. Der Indier vertrug wie Grasmücken keine Zimmer und schwieg darin oder las nur, und zwar bloss – was mich nicht wundert – die Trauerspiele Shakespeares....
Unter dem grossen Abendhimmel, den keine Wolke einschränkte, taten sich die Seelen wie Nachtviolen auf. Emanuel war der Cicerone und Galerieinspektor dieses malerischen Gartens. Er führte seinen Freund und die andern zu seinem kleinen Blumengärtchen, das am höchsten im Park lag. Der Park lief nämlich den Berg hinab mit fünf gleichsam aus diesem schubladenweise herausgezognen Absätzen und Stockwerken. Diese fünf Ebenen, diese eingehauenen grünenden Stufen, hielten ebensoviel verschiedene Gärten, Baumund Staudengärten etc., empor – daher wurde durch jeden neuen Standpunkt, wie durch einen Umwandel-Spiegel, aus dem alten Garten ein neuer zusammengerückt. Den abschüssigen Park fassten auf beiden Seiten zwei Schlangengänge hoher, wankender, brennender Blumen wie zwei hinunterwehende Treppengeländer ein, und hinter jeder BlumenSchlangenlinie ringelte sich oben vom Berge silbernes Geäder mit hellem, dünnen, auf- und niederspringenden Gewässer herab100, das in der Abendsonne eine in aufrechten Windungen daliegende Goldschlange oder Ichor-Schlagader wurde. Auf der obersten letzten Terrasse standen einander die Abend- und die Morgenlaube als die Pole des Gartens gegenüber, und der Abendspringbrunnen glimmte über jener und der Morgenspringbrunnen über dieser empor, und beide sahen zu einander wie Mond und Sonne herüber.
Und gerade an dem Abendbrunnen hatte Emanuel seinen Zwischengarten. Denn er liebte als Indier physische Blumen wie poetische, und ihm war im Dezember ein Blumenbuch eine gewiegte Blumenau, und ein Nelkenblätterkatalog war für ihn die Hülse und Chrysalide des Sommers. Er führte seine Geliebten auf der blumigen Region des berges durch die unschuldigen Blumen hindurch, die wie gute Mädchen weder Sonne noch Erdreich zum eignen Leben dem fremden nehmen – vor der Goldquaste der Tulpe vorbei – vor den Miniaturfarben des Vergissmeinnicht – vor den bunten Glocken, die auch wie die lauten in den Giesslöchern der Erde gegossen werden – vor den Ohrrosen des Augusts, nämlich den Rosen – vor dem Kato, der nicht der lustige Engländer, sondern eine ungeflammte Aurikel ist, die bei Herrn Klefeker in Hamburg zu haben – vor der geliebten Agate, die an die andere in St. Lüne erinnerte und die eine schöne Schlüsselblume ist....
Endlich kamen sie an die Abendlaube und an Emanuels Blumen, nämlich an schneeweisse Hyazinten, in deren Verschattung der durchstrahlte Abendspringbrunnen eine bleiche Röte tuschte. O wie schön, wie schön wehte da die Wärme der Abendsonne herüber und die Kühle des Abendwindes! – Aber warum sinket, Klotilde, dein Auge und dein Haupt hier so traurig gegen die Blumen zu? ist es, weil die Wassersäule erlischt, weil die Sonne untergeht? – Nein, sondern weil die weissen Hyazinten in der Blumistensprache Julia heissen – o weil der Gottesacker herübersieht, dessen hohe wankende Grasblumen mit ihren Wurzeln über zwei geliebten Augen stehen, über den Augen der blassen Hyazinte Giulia, die das heutige fest nicht erlebt. – – Aber Klotilde verbarg sich, um nichts zu stören.
Das ausfunkelnde Gold der Wassersäule und die zurückschlagende Abendlohe an allen Fenstern zogen die Augen zur Sonne, die unter ihre Bühne sank. – Aber ein rollendes Feuerrad des Allegro, womit die Harmonisten auf der Wiese die weichende Sonne begleiteten, nahm die Augen zu den Ohren herab, und unten auf der eingehüllten Wiese stieg ein neues Teater