den Wiesenblumen an und warfen Funken aus den Blüten. – Und das Menschenherz wurde von den Wonneströmen fortgezogen und schwamm brennend in seinen eignen Tränen. –
Wie eine Verklärte schaute Klotilde in die Sonne, und ihr Angesicht wurde erhaben zugleich von der Sonne und von ihrer Seele. Und ihr Freund störte die schöne Seele nicht; aber er nahm das weisse Tuch aus ihrer Hand und trocknete die aus der Laube tropfenden Farbenkörner, mit Blumenstaub umzogen, sanft hinweg, und sie gab ihm freiwillig ihre Hand. Als sie ihre Augen voll Tränen auf ihn wandte: liess er die Tränen stehen; aber sie nahm sie selber hinweg und schaute ihn mit einer Liebe an, über welche bald die alten zogen, und sagte mit einem Lächeln, das selig weiterfloss: "Mein ganzes Herz ist unaussprechlich gerührt; vergeben Sie ihm, teuerster Freund, heute alles, worin es bisher dem Ihrigen nicht ähnlich war!"...
– Siehe da wurde die warme Wolke in den Garten gleichsam wie ein ganzer Paradiesesfluss niedergeschüttet, und auf den Strömen flossen spielende Engel herab.... und als die Wonne nicht mehr weinen und die Liebe nicht mehr stammeln konnte, und als die Vögel jauchzeten und die Nachtigall durch den Regen schmetterte, und als der Himmel freudig-weinend mit Wolkenarmen an die Erde fiel: ja, dann zitterten zwei begeisterte Seelen zusammen und ruheten ohne Atem aneinander mit den zuckenden Lippen und Wange an Wange gepresset im glühenden zitternden Schauer – dann quollen endlich, wie Lebensblut aus dem geschwollnen Herzen, grosse Wonnetränen aus den liebenden Augen in die geliebten über. – Das Herz mass die Ewigkeit seines himmels mit grossen wonneschweren Schlägen – die ganze Sichtbarkeit, die Sonne selber war dahingesunken, und nur zwei Seelen schlugen aneinander einsam in der ausgeleerten dämmernden Unermesslichkeit, geblendet vom Tränenschimmer und vom Sonnenglanz, übertäubt vom Himmelbrausen und vom Echo der Philomele und erhalten von Gott im Ersterben aus Wonne.
Klotilde bog sich ab, um die Augen abzutrocknen; und ihr stummer Liebling sank um und kniete vor ihr und drückte sein Angesicht auf ihre Hand und stammelte: "O du Herz aus meinem Herzen, o du ewig, ewig Geliebte – ach könnt' ich für dich bluten, für dich untergehen –" Plötzlich stand er, wie von einer unermesslichen Begeisterung gehoben, auf und sagte leiser, sie anschauend: "Klotilde! dich, Gott und die Tugend lieb' ich ewig."
Sie drückte seine Hand und sagte leise: "O wie konnten die Menschen und das Schicksal ein solches Herz verwunden? Aber meines, Viktor," (sagte sie noch leiser) "wird ihm nie mehr unrecht tun." – – Sie traten aus der Laube – der Himmel hatte sich wie ihr Herz erschöpft in Freudentränen und war bloss heiter – die Sonne war zugleich mit der grossen Minute untergegangen. Viktor ging langsam, als wenn er vor einem weiten Elysium vorbeiginge, das empfangne Eden auf seinem Herzen tragend, heim in Dahores stille wohnung. Dahore sank, sitzend eingeschlummert, sanft hinüber und herüber, und Viktor, ob er gleich gern sein Herz an einer zweiten ähnlichen Brust auspochen lassen wollte, versagte sich es doch – und lehnte sich langsam an den wankenden Lehrer. Er hielt recht lange das schlummernde Haupt an seiner brausenden Brust. Sein Freudengewitter kühlte sich ab zum heitern Himmel, und die erquickten Freudenblumen schlossen die Duft-Kelche der Erinnerung auf. Dahore schlug die arme um seinen Liebling, und dann erst wurde er wach: denn es hatte ihm geträumt, er umarme ihn, und als er aufwachte, war er froh, dass es ihm nicht bloss geträumt hatte.
Genug! – Und ihr, ihr Menschen, die ich liebe, ruht aus an der Erinnerung oder an der Hoffnung, wenn ihr wie ich diese kleinen Blätter aus den Händen legt!
Dritter Pfingsttag
oder 35. Hundposttag
oder Burgunder-Kapitel
Der Engländer – Wiesenball – selige Nacht – die
Blütenhöhle
Bei den Menschen wie bei den Geizigen schlägt es immer nur Viertel zur frohen Stunde, aber gleich einer schlechten Uhr schlägt es die Schäferstunde unserer Hoffnung nie aus. Aber in Rücksicht der Pfingsttage ist das grundfalsch – sie sind prächtig, und wie man sonst die Ausgiessung des Heiligen Geistes in alten Kirchen durch das Herunterwerfen der Blumen vorstellte: so bilden wir sie in Maiental durch das Auswerfen figürlicher ab. Ich habe daher gar eine Flasche Burgunder aufgesiegelt und neben die Dintenflasche gestellt, um erstlich durch mein grösseres Feuer in diesem Kapitel die natur- und Kunstrichter auf meine Seite zu bringen, die leichter den Stab über Autoren als eine Lanze mit Autoren brechen – und um zweitens überhaupt den Wein zu trinken, welches schon an sich Endzwecks und Teleologie genug ist. Ein wahres Schlaraffenland und Himmelreich hätten wir, wenn auch der Leser bei solchen Kapiteln etwas Spirituöses zu sich nähme. Betrinkt sich der Autor allein, so geht der halbe Eindruck zum Henker; und es ist ein Unglück, dass die Rezensenten nichts zu leben und zu trinken haben; sie könnten sonst mir als einem Stern zur Brechung durch ihren Dunstkreis dienen und mich höher und breiter zeigen, als ich stände.
Viktor war kaum ins nasse Gras des Morgens gelaufen, als er den Engländer mit dem kopf unter den Giesskannen des Wasserrades aufjagte. Er vergab diesem Kato dem Ältern gern alle seine Sonderbarkeiten und das Idiotikon seiner tollen natur und seinen Kometen-gang; denn er war in seinem achtzehnten Jahr selber ein solcher Schwanzstern gewesen und sah diesen für eine auf