Berge aus Duft, voll Eisfelder aus Licht! Und sein sanfter Morgenwind schlich sich aus dem mit Wolkenflor verhangnen Morgentor und spielte mit Himmel und Erde, mit dem gelben Blümchen und mit der breiten Wolke darüber, mit der Augenwimper unter einer Träne und mit durchwühlten Kornfluren! – Wie wird das Auge so gross, wenn gejagte Nachtstücke der Wolkenschatten den hellen Sonnenschein der Erde durchschneiden, wie wird das Herz so gross, wenn der Morgenwind die geflügelten Schatten bald über Berge schleudert, bald in Glanzteiche, bald in gebückte Saaten! – Aber rund auf die Wälder hatten sich stille Eisberge aus Wolken gelagert. – – Ach dieses mit Tag und Nacht gefleckte Gefilde, dieser Wall aus Nebelgletschern stellte ja Viktors Herz in den alten Traum zurück, wo er Klotilde auf einem Eisberg mit ausgebreiteten Armen sah! – Ach auf dieser über den südlichen Berg reichenden Felsenspitze konnte er die Insel der Vereinigung dunkel mit ihren Gipfeln und mit ihrem weissen Tempel liegen sehen, und das trinkende Herz taumelte voll vom gemischten Trank aus sehnsucht und Wehmut und Liebe. –
Dann sagt' er es ihr gern, dass er an jenem Morgen sie hier gesehen habe, wo er dem Blinden das Blättchen an Emanuel gegeben, und dass er sich doch ihren Besuch versaget – – gib ihm nur, Klotilde, den grossen warmen blick voll Dank für sein Schonen deines Bruders, für sein edles Lieben und für sein Überschleiern dieses Liebens! Sie sah ihn an, und als ihr Auge warm von einer Träne wurde, neigte sich der Himmel auf einem Sonnenwölkchen zu ihnen nieder und berührte die verwandten Menschen mit heissen herunterflatternden Tropfen. – O du gute Erde, du gute natur! Du sympatisierst öfter (und allemal) mit guten Menschen als oft gute Menschen selber! – Vor ihn trat der Traum, wo Klotildens Tränen den Fussboden in ein hebendes Wölkchen zerteilten....
Aber der heranziehende Abend und die kleinen herunterrollenden zerrissenen Perlenschnüre von Regentropfen riefen die schönen Menschen in die Zimmer zurück. Die Mädchen, die mit dem Blinden nicht einmal den Berg ganz erklettert hatten, kehrten schon um und gingen voraus. Emanuel entfernte sich auf seinen Trauerberg, um dort seine Blumen dem Regen aufzudecken. Als unsere zwei liebenden Menschen unten im rauchenden Tale ankamen: wie himmlisch wurde der Abend und die Erde! – Am grossen Abendhimmel über ihnen bewegten sich Tulpenbeete von rotem Gewölke, zwischen denen blaue Streifen wie dunkle Bäche liefen. – Hinter ihnen standen unter der Sonne Berge wie Vesuve in Flammen und die Waldung wie ein feuriger Busch, und das über die Blumen laufende Steppenfeuer ergriff die Wolkenschatten. – Und alle Lerchen hingen mit ihren Ripienstimmen der natur nahe am roten Deckenstücke des Abends, und jeder tiefere Sonnenstrahl hielt eine summende Wesenkette von Mücken. – Und in der Schäferei am Berge liefen rufend hundert Mütter an hundert Kinder zusammen, und jedes Schaf eilte lärmend an sein durstiges niederkniendes Lamm. – –
grosser Abend! nur im Tal Tempe blühest du noch und verwelkest nicht; aber in wenig Minuten, Leser, brechen erst alle seine Blüten prächtig auf! –
Klotilde und Viktor gingen enger und wärmer aneinandergedrückt unter dem schmalen Sonnenschirm, der beide gegen den flüchtigen Regen einbauete. Und mit Herzen, die immer stärker schlugen und statt des Blutes gleichsam andächtige Freuden-Tränen umtrieben, erreichten sie den Park; die warmen Töne der Nachtigall zogen ihnen daraus entgegen; die abgewehten Töne des musikalischen Gefolges, womit der Engländer jetzt über die Berge ging, flossen ihnen wie Blumendüfte nach. – – Aber siehe, als die Erde noch die Vergoldung im Feuer der Sonne trug, als noch der Abendspringbrunnen wie eine Fackel oben brannte, als in einem grossen Eichenbaum des Gartens, in welchem bunte Glaskugeln statt der Früchte eingeimpfet waren, zwanzig rote Sonnen aus den Blättern funkelten – da floss eine erwärmte Wolke auseinander und tropfte ganz in das Abendfeuer und auf die glimmende Wassersäule....
Die den Bäumen näheren Nonnen flogen unter das Laub; aber Klotilde, die den langsamen gang schöner und tugendhafter für eine weibliche Seele fand, ging ohne Eil der nachbarlichen "Abendlaube" zu, die über den Garten erhoben, ihr dichtes Blätterwerk nirgends auftut als vor der untergehenden Sonne. – Nein, es war ein Engel, es war Klotildens Schwester, Giulia, die auf der zarten Wolke ruhte und durch sie ihre Freudentränen fallen liess, um ihre Freundin, deren Arm in des Geliebten seinem wie in einem Verbande lag, in die glimmende Laube zu drängen, wo zwei selige Herzen am seligsten werden sollten. Klotilde verweilte noch unter dem Perlen- und Goldsand-Regen und glich den stillen Tauben um sie her, die auf allen Dächern ihre reinen Flügel wie bunte Regenschirme auseinanderschlugen und dem Bade unterhielten – und vor dem Eintritte zog Viktor sie zurück, der wonnebeklommen sagte: "Du Allgütiger!" und auf Emanuels Laube hinblickte, auf welcher die ParadiesesPforte, aus musivischen Steinen aufgeführt, der Regenbogen, sich anfing und sich durch den Himmel hinüberwölbte über die Abendlaube und mit dem himmlischen Zauberkreis die drei liebenden Seelen einfasste.
Und als sie in die dunkle Laube traten, die nur eine kleine Öffnung gegen die durch den Regen hereinbrennende Sonne hatte: lag vor der Öffnung das Abendgefilde mit den wankenden Feuersäulen, zwischen denen der goldne Fluss der zerschmolzenen Sonne schlug, und mit den Auen, die bis an die Blumen in einem Meer von Lichtkügelchen standen. – Und herabgefallene Regenbogen lagen mit ihren Trümmern auf den Blütenbäumen. – Und kleine Lüftchen wehten das Lauffeuer in