erschuf, um eine zu lieben. –
Aber ich will wieder so schreiben, wie Klotilde sprach, die den dichterischen Geist nur durch Taten, nicht durch Worte offenbarte, gleich Schauspielern, die den Reim und das Silbenmass ihres Dichters im Sprechen zu umgehen wissen.
Das Dorf oder das Wirtshaus vielmehr gab ihrer Himmelleiter eine vierte Sprosse, den vierten Pfingsttag. – Der Engländer Kato der Ältere fuhr heraus, der aus Kussewitz mit einem wandernden Orchester Prager Virtuosen von seiner Gesellschaft weggelaufen war, um das Maiental auch zu sehen. Er konnte nie in seinem Leben auf etwas warten. Er sagte zu Viktor, morgen komm' er zu ihm, heute beschau' er die besäeten Prospekte, und er passe mit der Ouvertüre der Prager nur auf das Ausläuten der Vesperpredigt. Endlich sagt' er ihm, dass Flamin und Mattieu übermorgen verreiseten und wieder zurückgingen nach Kussewitz und folglich da länger verweilten, als sie gewollt. Diese Gegenwart des Engländes und die spätere Zurückkehr des Eifersüchtigen machte auf einmal den letzten Willen in Viktor fest, auch den vierten Pfingsttag als die vierte Saite auf dieses Freuden-Tetrachord aufzuziehen. Und da an diesem vierten Tage gerade das durch alle Heftlein dieses buches laufende Rätsel mit dem Engel in die Entzifferkanzlei der Zeit getragen wird, weil Julius den Brief desselben Klotilden zum Vorlesen übergibt: so konnte' er sich weismachen, er bleibe bloss deshalb, und zu sich sagen: "Wundershalber sollte mans doch abwarten, was es mit dem Engel für eine Bewandtnis habe." – Guter Held! du vermengst jeden Engel mit deinem, und ich wüsste nicht, warum nicht! ...
jetzt lief ein Wolkenschatten über sie, gleichsam als Vorläufer eines dunklern, der ihre Seelen suchte. Denn Viktor, der vor einem schönen Herzen niemals seines versperren konnte, der in der Heiligung der Liebe alle Verstellung verschmähte, erzählte Klotilden mit jener Herzlichkeit, die sich so leicht mit Feinheit vermählen lässt, die Ursachen von Mattieus Reise, nämlich seine eigne kleine Torheit in Kussewitz, wo er der Fürstin das geschriebene billet doux mitgab. Er hätt' ihr auch ohnedas diese Eröffnung machen müssen, um der fremden eines Anklägers vorzubauen. Aber er setzte bei Klotilde voreilig die Zeitrechnung seiner kleinen Jahrbücher voraus und merkte nicht an, dass er das Billet geschrieben, eh' er wusste, dass Klotilde nicht Flamins Geliebte, sondern nur dessen Schwester sei99. Sie schwieg lange. Er befürchtete diese Pantomime des Zürnens; und wagt' es nicht, sich davon zu überzeugen durch einen blick in ihr Angesicht. Endlich bat sie ihn an ihrem LieblingsGrünplatz, wo in der grössten Vertiefung des Tals grüner Schatten seine gemalten Zweige im Sonnen- und Wasserscheine wiegt, da bat sie ihn weder mit kalter noch stolzer stimme, sondern mit einer fast gerührten, sie ein wenig auf ihrer Lieblings-Grasbank, deren Seitenlehnen grosse Blumen waren, ausruhen zu lassen. Als er vor ihr stand: so erblickte er erschrocken in ihrem beseelten Angesicht – nicht einen mit der Höflichkeit ringenden Groll, sondern – den rührenden Kampf gegen das Schicksal, das ihr den Liebling ihrer Seele verdunkelte, den uneigennützigen Schmerz über die geschlossene Narbe, die sie aus seiner Tugend wegwünschte. Ihr war, ihm war, als wenn das vorige Jahr sich wieder erhöbe von seinem Totenkissen aus Freudenblumen, die es beiden ertreten hatte; sie waren recht traurig, Klotilde war kaum ihrer Augen mächtig und Viktor kaum seiner Zunge – bis diesem endlich das Missverständnis einleuchtete. Er sagte ihr daher leise und auf englisch: "hätte sein Vater ihm alle seine Eröffnungen früher gemacht, so hätt' er ihm mehr als einen Kampf, mehr als eine trübe Stunde und zuerst die vorige Torheit erspart."
In der höhern Liebe ist der Zorn nur Trauer über den Gegenstand.
Klotilde setzte gleichwohl die Sonnenfinsternis ihrer schönen Mienen fort – aber es kam nicht von Fortdauer des vorigen Seufzers, noch von dem gewöhnlichen Unvermögen, eine ausgesöhnte Seele sogleich in ein zürnendes Gesicht zu übertragen, sondern die Unzufriedenheit mit ihrer eignen Voreiligkeit sah allemal wie eine mit einer fremden aus. Daher stand sie auf, um ihm ihren Arm und gleichsam das nahe liegende Herz wieder zu geben. Viktor erlaubte sich den Bruch des doppelstimmigen Schweigens nicht. – Emanuel kam nach, und da sagte Klotilde bewegt, als wenn sie erst aufs vorige antwortete: "Ach ich bin meinem Bruder nur zu sehr verwandt von der Seite meiner Fehler." – Meinte sie Flamins Eifersucht oder Argwohn oder wahrscheinlicher sein Temperament? – Viktor wandte sich zu ihr, um sie gleichsam für das um Verzeihung zu bitten, was sie gesagt – und ihre Augen sagten: "o ich hätte dich nicht verkennen sollen" – und seine sagten: "ich hätte dich, auch ungekannt, nie verleugnen sollen" – und ihre Herzen machten Frieden, und der Ölzweig wand zwischen den alten Blumen der Freude ihre Seelen aneinander.
Emanuel führte sie, als ihr leitendes Gestirn, auf seine lieben Berge, diese Frontlogen der Erde – nur von seinem Berg mit der Trauerbirke wehrte er sie aus unbekannten Gründen freundlich ab –; und sein leichtes Aufsteigen gab ihnen die Freude über die Genesung seines Atems. Endlich kamen sie auf den Tron der Gegend, auf den Berg, wo Viktor am Morgen nach der durchreisten Nacht über Maiental geschauet hatte. O wie zog sich die lebendige Ebene Gottes, der Vorgrund einer Sonne und eines Edens, in so unbändigen, grünenden, atmenden, wehenden massen dahin! Wie hing der Himmel voll