gesund wie in einem Ameisenbad und war ein zweiter Bienenvater Wildau, der sich aus dem Immenschwarm bald einen Bart zusammensetzte, bald einen Muff. Es gehört mehr männlicher Verstand zu einer gewissen feinen Galanterie, als die haben, die sie in ihren Satiren mit der faden vermengen; so wie nur Gebirge den süssesten Honig darbieten. Der Ernst muss den Scherz grundieren, die achtung und das Wohlwollen das Lob. Viktor konnte leichter vor zwei als vor 32 weiblichen Augen in Verlegenheit geraten, welche letzte übrigens der gröbste Donatschnitzer und Germanismus in der weiblichen Grammatik ist. Er hatte' es längst gelernt, die flüchtigen Salze des weiblichen Witzes mit den fixen des männlichen zu binden, so wie die Kunst, in grossen Zirkeln jede Seele, jede Raupe auf das rechte Nährblatt zu setzen.
Für ihn, der einmal gesagt: "Ich wollte, ich hätte wenigstens viermal des Jahrs mit Damen zu konversieren, bei denen man so viel Tournure anbringen müsste, dass man gar nicht wüsste, was man wollte, und die fein bis zum Unsinn wären" – für ihn war eine hohe Dame wie die Äbtissin, die man seit dem Niederlegen ihres Oberhofmeistertums ein klein, klein wenig mit einer Preziösen verwechseln konnte, ein wahres Labsal; denn er konnte ihr doch die physiognomischen Fragmente vom hof mit tausend Wendungen, d.h. ein Vollgesicht durch fünf Punkte vorzeichnen. Aber er hatte dabei die noch edlere Absicht, seine anbetende Aufmerksamkeit, sein zuweilen in Gestalt einer Träne ins Auge tretendes Herz von seiner geliebten Klotilde wegzurufen, um ihr eine ganz andere Aufmerksamkeit zu ersparen als die seinige. Auf eine sonderbare Weise zog immer gerade sein satirisches Gefühl seinen ernsten Gefühlen, seiner erweichten Seele die Mosis-Decke ab – er schämte sich nämlich keiner Träne, bloss weil er wusste, dass ihn seine Laune gegen den Verdacht der Übertreibung ufd gegen den Spötter beschützen könnte; so wie wieder umgekehrt sein schillernder Witz unter Tränen, wie Phosphor unter wasser, sein Licht aufbehielt und nährte. –
Zum Glück machte jetzt Emanuel, der mitten unter dem Essen in den Garten gegangen war, da er wiederkam, den Antrag eines Spazierganges. Denn in seiner Seele standen nur grosse Ideen noch vom Leben übrig, wie vom alten Ägypten nur Tempel, keine Häuser nachblieben; und seine Unwissenheit in kleinen Dingen muss kleinen Dingern lächerlich sein. – Die Äbtissin hatte Klotilde als Unterkönigin der feurigen Nonnen neben sich auf den Tron genommen. Viktor stellte mit seiner einzigen person das kurmärkische Pupillenkollegium unter diesen flatternden Grazien vor. Klotilde übergab den Blinden gerade einem ganzen Tauben-Fluge der lebhaftesten Wegweiserinnen, weil sie alle um das Bootmanns- und Zeigefinger-Amt beim Blinden warben; sie liebten ihn alle wegen seiner himmlischen Schönheit, aber (da er die ihrige nicht sah) nur so, wie sie einen schönen Knaben von fünf Jahren herzen.... Zu einer andern Zeit würde Viktor sich gewiss umgesehen und fein angespielet haben, dass die Schönheit die Blindheit führe; aber heute sah er sich nur um aus andern Gründen.
– Endlich war die Insel der Seligen, die schon durch den Nebel seiner Kinderträume weit, weit vorgeschimmert hatte, jetzt der Boden unter seinen Füssen, und er machte die Entdeckreisen durch seinen Himmel – er und Klotilde schwiegen einige Minuten, weil ihre Herzen sanft vor Freude zu wallen anfingen, dass sie endlich allein nebeneinander und vor der grossen Esplanade des Frühlings standen. Unter dem seligen Lächeln, dem stummen Buchstaben der Wonne, und unter zitternden Atemzügen, dieser heiligen Sankritsprache der Liebe, waren sie schon am ersten Teiche, über dessen Kristallspiegel sich eine brücke wie vergoldetes Laubwerk schlängelt. – Sie stockten in der Mitte dieser glatten Mond- und Spiegelscheibe geblendet, weil der Sonnenschirm nicht gegen zwei Sonnen auf einmal, die im wasser dazu gerechnet, decken konnte; sie kehrten sich halb um und suchten mit den Blicken im malenden wasser das tiefere Himmelblau und zwei stille beglückte Gestalten auf, die einander mit ihren feuchten Augen anblickten. O sein Auge ruhte warm in ihrem widergestrahlten, wie die Sonne in der unterirdischen Sonne, und sein zitternder blick wurde das lange Beben und Aushalten eines einzigen Tons; denn die im wasser wohnende Göttin sank mit ihren Augen seiner Seele entgegen, weil sie die verdoppelte Entfernung seiner Gestalt benutzen wollte, die sich auf 10 Fuss belief. – Um endlich das übermächtige Entzücken zu schliessen, führt' er seine Augen weg von dieser Glasmalerei und richtete sie (d.h. er verdoppelte es bloss) an das Urbild selber; und das Ineinanderrinnen der Blicke, das Zusammenzittern der Seelen warf in den engen Augenblick die Gefilde eines langen himmels. – Und sie sahen, dass sie sich gefunden hatten und dass sie sich geliebt hatten und dass sie sich verdienten. Unter dem Weitergehen konnte Viktor nur sagen: "O möchten Sie so unaussprechlich glücklich sein wie ich heute." – Und sie antwortete leise, wie ein unter weiche blätterlose Blüten verhauchter Zephyr so leise: "Ich bin es wohl.".... Ach ich habe mir oft es vorgemalt, wenn wir uns alle einander so liebten wie zwei Liebende, wenn die Bewegungen aller Seelen, wie bei diesen, gebundne Noten wären, wenn die natur uns allen zugleich den Nachklang ihres bis über die Sterne reichenden Saitenbezuges ablockte, anstatt dass sie nur ein liebendes Paar wie ein Doppelklavier bewegt – dann würden wir sehen, dass ein Menschenherz voll Liebe ein unermessliches Eden einschlösse, und dass die Gotteit selber eine Welt