wie ein Schleier aus Morgenduft empor, und seine Seele schloss sich, ohne eine einzige Bewegung mit dem Körper zu machen, mit dem stillen Erwachen eines Blumenkelchs vor dem Morgen auseinander....
– Jetzt bin ich schon wieder im Sieden und Flammen – und doch nehm' ich mir, sooft ich eintunke, vor, die Kunstrichter zu gewinnen und mit meiner Feder zu schreiben wie mit einem Eiszapfen. Aber es ist mir unmöglich – erstlich weil ich in die Jahre komme. Bei den meisten Menschen hört zwar wie bei den Vögeln das Singen mit der Liebe auf; aber bei denen, die ihren Kopf zu einem Treibhaus ihrer Ideen machen, geben die Jahre, d.h. die Exerziertage darin, der Phantasie wie den Leidenschaften einen höhern Wuchs. Dichter gleichen dem Glase, das im Alter bei dem Zerfallen bunte Farben annimmt. – Aber zweitens, wenn ich auch erst in meinem zwanzigsten Jahre blühete: so könnt' ich doch jetzt nicht frostig schreiben, massen der Winter vor der Tür ist. Rousseau sagt, im Stockhause brächte er das beste Gedicht auf die Freiheit heraus – daher die staatsgefangenen Franzosen sonst bessere Prosa darüber schrieben als die freiern Briten – daher dichtete Milton im Winter. Ich nahm oft im Sommer meine Schreibtafel hinaus und wollte ihn an dieses Silhouettenbrett anpressen und dann abschatten; aber die Phantasie kann nur Vergangenheit und Zukunft unter ihr Kopierpapier legen, und jede Gegenwart schränkt ihre Schöpfung ein – so wie das von Rosen destillierte wasser nach den alten Naturforschern gerade zur Zeit der Rosenblüte seine Kraft einbüsset. Daher musst' ich allemal warten, bis ich untreu wurde, eh' ich mit meinem Reisszeug an die Liebe gehen konnte.... Hingegen ein Mensch, der jetzt auf einer moluckischen Insel gegen den Nachsommer hin den Frühling grundiert und auszeichnet, muss ihn aus den vorigen Gründen und noch aus dem neuen, weil der fliegende Sommer der sehnen-erregende Nachklang und die Silberhochzeit des Frühlings ist, mit viel zu hellen Saftfarben den Galerieinspektoren einhändigen. –
Die bunt ausgenähete Beschreibung von Viktors Aufentalt in Maiental kann so lang werden wie die von Voltairens seinem in Paris, mit deren Ehrensolde der magere Spassvogel den Mietzins seiner chambres garnies hätte bestreiten können. Denn eben hat der Hund gar einen vierten Pfingsttag abgeliefert und die trinomische Wurzel der Freudenpotenz zu einer quadrinomischen ausgebreitet. Da in dieser Freuden-Quadruplik wiederum kein Jammer steht, kein Mord, keine Landplage, sondern nichts als Gutes: so fang' ich freudig die übrigen Bilder dieses Frühlings in meiner dunkeln kammer auf und schwebe nicht in der Angst, dass ich meinen Helden (Knef hat mir alle Pfingsttage übermacht und sendet nur ein kleines Ergänzblatt gar nach), wie etwa meinen Gustav, aus dem zusammengestürzten Schutt seines Lust- und Sommerhauses zu ziehen habe. –
Emanuel tat vormittags sein Schreibtagwerk in seinen astronomischen Tabellen ab, um den ganzen Nachmittag mit seinem gast bei der Äbtissin zu verbringen; auch trug er ihm eine kleine Mitarbeiterstelle bei seinen Blumen an, nämlich die Rosmarinblüten auszupflücken und über das Nelkengestell den Sonnenschirm zu spannen. Bei Emanuel hingen auch in der prosaischen Ruhe des Tages immer die Flügel noch weit unter den Halbflügeldecken hervor. Viktor hielt die Bitten seines Lehrers für Geschenke. Da er draussen am Rosmarin abblattete: so öffnete die aufgehende Sonne das Ventile des Windes, und dann fingen, von ihm angeweht, alle Register der grossen Wesen-Orgel zu gehen an, und vor seinem Ohre wogte der Tremulant der Bäche, schrie das Flötenwerk der Vögel und brauste das zweiunddreissigfüssige Pedalregister der Waldungen. Ein eingepfarrter kleiner Kopf um den andern, der seine zwölf Jahre samt ebensoviel Herkules-arbeiten des Gedächtnisses zum heiligen Abendmahl trug, schlich hinter dem Vater mit einem Kranz-Knauf und überhaupt mit Goldflittern gestickt und aufgesteift vor ihm vorüber. Welchen schönen zweiten Pfingsttag, der sonst voll Regenwolken ist, habt ihr Kleinen jetzt! – Viktor gönnte recht gern der Grandezza des Dorfes, d.h. den Vollspännern und dem Schulmeisters-Sohne, den Haarformer und Zopfprediger Meuseler, der am zweiten Pfingsttag die benachbarten Dörfer frisierte, und der mit seinem Puder-Weihwedel die letzte Pfingstausgiessung auf die kleinen Köpfe betrieb, die der Pfarrer schon sechs Wochen eingefeuchtet hatte. Viktors Herz schlug vor Freude, als wenn er ein Kind mit darunter hätte oder eins wäre, als die bunte gepuderte Wesenkette mit hüpfenden Flittern, mit hochstämmigen Blumensträussern, mit schwarzgleissenden geistlichen Musenalmanachs, vor dem Kommando- und Hirtenstab ihrer zwei Konsuln, singend und besungen und eingeläutet und angeblasen durchs Kirchen-Siegtor einzog. – Ach! Kindern steht die Freude noch schöner wie uns, so wie ein unglückliches, ein bettelndes, dem das Schicksal das erste Kindergärtchen zertritt, und vor dessen Augen beim ersten Aufschlagen ins Sein nichts hängt als schwarzes ungestaltetes Morgengewölk, unser Herz betrübter macht als der Vater desselben neben ihm. –
"Beeret jede Minute eures ersten Triumphtages ab, ihr guten Kinder, und ich wollte, die Predigt würde recht lang, damit ihr den schönen Anzug länger anbehieltet!" sagte Viktor und sah sich nach dem Kloster um, dessen Fenster voll unkenntlicher Zuschauerinnen waren; er setzte sich vor, bei der Rückkehr der Kinder-Prozession sich unter den Fenstern das mit dem schönsten Inhalt auszusuchen durch ein Taschenperspektiv. – Gehe nur, menschenfreundlicher Mensch, der die schönen Seelen liebt wie die schöne natur und die kalten erträgt wie die Wintergegend, und der sich nie rächt, gehe nur an den Bächen auf und ab, weil da