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Entzückung erstarren, da die Geliebte hinter dem Blumengewölk wie ein Mond hinter einem in voller Blüte stehenden Eden aufging und in der weiblichen Verklärung der Liebe einem in ein Gebet zerflossnen Engel glich.

Der Blinde wusste noch nichts vom dritten Beglückten. Sie bewegte süssverwirrt die Hand nach einem zu dünnen Zweige, um sich von der tiefen Grasbank aufzuheben; dem Geliebten war, als reiche ihm aus den Wolken des zweiten Lebens diese Hand ein zweites Herz, und er zog die Hand zu sich an und sank mit seinem stummen überfliessenden Angesicht durch die Blüten auf ihre klopfenden Adern nieder. Aber kaum hatte Klotilde beide stammelnd willkommen geheissen unter dem Heraustreten aus dem grünen Klosett: so erschien ihnen der EngelEmanuel, der aus dem Kloster geeilet war, um die Freundin aufzusuchen. Er sagte nichts, aber er sah beide mit einer namenlosen Wonne an, um zu finden, ob sie sich recht freueten, und gleichsam um zu fragen: "Seid ihr denn jetzt nicht recht glücklich, ihr Guten, liebt ihr euch denn nicht unaussprechlich?" – – O, zum Mitleiden gehört nur ein Mensch, aber zur Mitfreude ein Engel; es gibt nichts Schöneres als den glänzenden Christuskopf, auf welchem das Weglegen der Mosisdecke den stillen frohen Anteil an fremden unbescholtenen Freuden, an fremder reiner Liebe zeigt; und es ist ebenso göttlich (oder noch mehr), einer fremden Liebe mit einem stumm-glückwünschenden Herzen zuzuschauen, als sie selber zu haben.... Emanuel, dein grösseres Lob wird in verwandten Seelen aufbehalten, aber auf keinem Papier! –

Auf dem Kreuzwege der Allee teilte sich der schöne Bund auseinander, und der linke Zweig derselben führte Klotilde neben der Nachtigall vorbei in die wohnung der sanften Herzen zurück. Viktor kam, von der vergrösserten Liebe für drei Menschen zugleich aufgelöset, in den dunkeln, nur von untergehenden Sternen erleuchteten Zimmern Emanuels an und fand da einen gedeckten Tisch, den die feine Äbtissin dem gast oder dem Wirte gesendet hatte (weil Emanuel abends nur Obst genoss). Man will alles mit der Geliebten teilen, sogar die Küche. Emanuel zündete nach Ostern kein Licht mehr an. Im Helldunkel, aus Mondsilber und Lindengrün zusammengegossen, blühte das selige Kleeblatt unter dem Abendstern. Viktor machte heute durch seine ärztlichen Schilderungen der Nachtkälte den siechen Freund abtrünnig von den Nachtwandlungen und ging nur allein mit dem Blinden noch hinaus an die Schlafstätte der verstummten natur... Selig ist der Abend, der der Vorhof eines seligen Morgens ist. Der Maifrost hatte die Sterne vom warmen Dunstauch gereinigt und das Blau des Halbhimmels vertieft, um eine schöne Nacht zum Bürgen eines schönen Tages zu machen. Alles schwieg ums Dörfchen, ausgenommen die Nachtigall im Garten und die rauschenden Maikäfer, diese Herolde eines hellen Tages. – Und als Viktor nach haus ging mit einem emporgeseufzeten Dank für diese Pfingststunden, von denen jede der andern die Zuckerstreubüchse gab, um die engen Minuten eines stillen Menschen zu versüssen; als er vorbeiging vor den gedämpften Beichtliedern, die hier ein zwölfjähriger Mensch, der morgen das Abendmahl nahm, dort einer neben seiner Mutter sang; und als endlich ein verhauchtes Abendlied aus der Abtei, das gleichsam auf einem einzigen Lautenton fortschwamm, den schönen Tag mit einem Schwanengesang zu Ende führte, und da vom sanften Tage nichts mehr übrig war als dessen Nachhall im Herzen des Glücklichen und im Abendliede des Klosters, als dessen Widerschein in der ziehenden Abendröte am Himmel und in dem befriedigten, noch lächelnden Angesicht des schlafenden Emanuels: so sahen in Viktor die stummen Freuden wie Gebete aus, die ungestörten Tränen wie überlaufende Tropfen aus dem Freudenkelch, seine Stille wie eine gute Tat und sein ganzes Herz wie die warme Freudenzähre eines höhern Genius.

Viktor führte den blinden Geliebten leise an seine Lagerstelle, wo der Traum seine zerrütteten Augen herstellte und ihnen die kleinen Landschaften seiner Kindheit mit Morgenfarben heller um sie stellte. – Er selber legte sich unentkleidet, dem tief herabgerückten mond gegenüber, auf die Baustelle unserer schönern Luftschlösser, auf den Resonanzboden der Kindheit, wo der Morgentraum den geheiligten Menschen aus der Wüste des Tages auf den Berg Mosis führt und ihn schauen lässt in das dunkle gelobte Land der Ewigkeit.....

Der erste Pfingsttag, lieber Leser, hat in diesem Wonne-Dreiklang verhallt; aber in diesen drei hohen Festen von Freude wird, wie bei denen im Kalender, das zweite noch schöner, und das dritte am schönsten. Ich werde mit dem Steigen meiner Feder durch diese drei Himmel gar nicht eilenja wenn ich gewiss wissen könnte, dass die handelnden Personen in dieser geschichte mein Werk nie zu sehen bekämen, ich würde (zur Grenzenverrückung dieses Edens) gar manches dazumachen, was, näher besehen, nicht historisch wahr wäre.

Zweiter Pfingsttag

(34. Hundposttag)

Der Morgendie Äbtissinder Wasserspiegel

stummer Injurienprozessder Regen und der offne

Himmel

Um zwei Uhr zog der Morgenwind lauter und kühler durch Viktors offnes Zimmer und rüttelte schon Tautropfen von geglättetem Laub, das nahe Blätter-Geflüster wirbelte sich durch seine Ohren in seine Träume. Die Lerche fuhr als Ouvertüre des Tages hoch ins Himmelgrau hinauf und läutete das Trommetenfest des Morgens ein. Dieser Wecker wurde durch sein Träumen zum umherfliegenden Nachhall, das sich mit dem Morgen vermischte; unter dem sanften Einfallen des nachbarlichen Getönes schloss er langsam die Augen auf und träumte weiter und tat sie wieder zu und erwachte mehr, und der Schlaf fuhr nicht wie ein dickes Leichentuch aus Nacht hinweg, sondern wallete