mein Herz ist voll Freudentränen über diesen heiligen Tag, und ich möchte es wohl ausschütten vor dir." – Und als der ganze Park der Abtei sich stolz neben den Abendhimmel stellte und in ihre Herzen trat: sagte auf einmal Emanuel – der sich immer gleich blieb, sogar in seinen Entzückungen –: "Ich will es der Äbtissin schon heute sagen, damit Klotilde sich auf morgen freut", und er trennte sich.... Schöner Mensch! der du in vier Wochen aus diesem Blumenfrühling zu gehen hoffst in die Sterne über dir – du denkst mehr die Unsterblichkeit als den Tod, dich hat keine drohende Rechtgläubigkeit, sondern die indische Blumenlehre erzogen, darum bist du so selig; du bist ohne Zorn, wie jeder Sterbende, und ohne Gier und ohne Angst; in deiner Seele, wie am Pole, wenn jeden Morgen die schwüle Sonne ausbleibt, geht der Mond der zweiten Welt den ganzen Tag, die ganze Nacht nicht unter! –
Viktor führte allein den Blinden nach Haus, und beide schwiegen und umarmten sich mit Brudertränen hinter jeder Verhüllung und fragten einander weder um die Ursachen der Umarmung noch der Tränen. Da sie durchs stille Dorf waren und dem Park der Abtei vorbeikamen: sah Viktor seinen Emanuel aus der letzten Laube in das blendende Kloster treten. Es war ihm, als kennte ihn schon jede darin, als müsst' er sich verstecken. Der Garten der Begeisterung sollte in dem Tale nur das Blumenbeet in einer Wiese sein und nicht durch grelle Schranken an der natur zurückprallen, sondern sanft wie ein Traum ins Wachen durch blühende, belaubte Grenzen in sie überhängen und überfliessen durch Hopfengärten, durch grüne, dicht zusammengerückte Zäune um Fruchtfelder und durch versäete Kindergärtchen. Eine weite Kastanien-Säulenreihe, von zwei Bächen in Silber gefasset, schloss sich frei und weit gegen die fünf von Blüten durchbrochenen Teiche auf. Der nördliche Berg richtete sich dem Parke gegenüber wie eine Terrasse empor und führte das Eden scheinbar über ungesehene Täler fort.
Viktor wich jedem aufgehenden Fenster des Klosters durch die Kastanien aus, unter die er seinen Blinden führte und hinter denen er näher und doch unbeobachtet beobachten konnte. Auf dem aus grünenden Dachlatten verwachsenen Wetterdach der Allee lag der Abend, wie ein Herbst, mit rotem durchfallenden Schimmer. Er ging trotz der Gefahr der Ertappung bis in die Mitte, wo die Allee in zwei arme zerspringt; aber hier wählte er den rechten Arm der belaubten Halle, der sich mit ihm vom Kloster wegbog, so wie von einer Nachtigall, die mitten im Garten aus einer geheiligten Dornhecke ihre Jungen und ihre Töne aussandte. Der Baumgang tat ihm durch die sanften Entfernungen von den Bravourarien der gefiederten Primadonna die Dienste eines Dämpfers und Lautenzugs – leise wurde' er von den Krümmungen, die die allmähliche Verdunkelung und Verengerung der Allee verbargen, fortgezogen zwischen den nachfliegenden Tönen der Nachtigall, zwischen den dünner durch die Blätter tropfenden Abendstrahlen, zwischen den zwei Bächen, die jetzt innerhalb der Kastaniengasse dahinschlüpften. – Die Bäche gingen enger aneinander und liessen nur für die Liebe Raum. – Der Portikus senkte sich tiefer herein. – Die zerstreuten Blumen der zwei Ufer drängten sich zusammen und gingen in Gesträuche über. – Die Gesträuche verwuchsen zur Gartenwand und berührten sich anfangs in lose und durchsichtig zuhängenden Gipfeln und endlich in finster zusammengestrickten. – Und die Allee und der unter ihr aufgewachsene Laubengang grünten ineinander hinein, um mit ihren zusammenfallenden Blütenhüllen nur eine einzige Nacht zu machen. – Dann versperrte in der grünen Dämmerung ein Jelängerjeliebergespinst und Blütengeniste die Laube, aber fünf aufsteigende Stufen lockten zum Zerreissen des blühenden Vorhangs an. Und wenn man ihn zerteilte: sank man in ein Blütengeklüft, in eine enge durchwachsene Gruft, gleichsam in einen vergrösserten Blumenkelch. In dieser delphischen Höhle der Träume war der Polster aus hohem Grase gemacht und die arme des Sitzes aus Blütenzweigen und die Rückenlehne aus gedrängten Blumen und die Luft aus dem Hauche von stäubendem Zwergobst. Dieses Blumen-Allerheiligste wurde nur von Bienen und Träumen bewohnt, nur von weissen Blüten erhellt, es hatte statt des Abendrots nur den Purpur der Nachtviole, statt des Himmelblaues nur den Azur der Holunderblüte, und der Selige darin wurde nur von Bienenflügeln und von den um ihn versammelten fünf Mündungen der Bäche in den Schlummer eingesungen, in welchem die ferne Nachtigall die Harmonikaund Abendglocken des Traumes anschlug....
– Und da heute Viktor neben dem Blinden die fünf Stufen betrat und die aus Blüten gewobene Tapetentür des himmels auseinandertat: siehe! da – o der Selige diesseits des Todes! – ruht darin eine Heilige mit weinenden Augen, in Philomelens verklungne Klagen untergesunken... Du, Klotilde, warst es und dachtest an ihn mit weicherer Seele und mit grösserer Liebe – und er an dich mit der erwiderten! O wenn zwei liebende Menschen einander in der nämlichen Rührung begegnen: dann erst achten sie das menschliche Herz und seine Liebe und sein Glück! – Decke, Klotilde, mit keiner Blüte die Tränen zu, unter denen deine Wangen erröten, weil sie nur vor der Einsamkeit niederfallen sollten! Zittere, aber nur vor Freude, wie die Sonne zittert, wenn sie aus einer Wolke am Horizont herausrückt! Schlage dein von Blumen verhangnes Auge noch nicht nieder, das zum erstenmal so ruhig geöffnet und mit einem solchen Strom der Liebe an den Menschen sinkt, der dein schönes Herz verdient, und der alle deine Tugenden mit seinen belohnt! .... Viktor wurde vom Blitze der Freude getroffen und musste im süssen Lächeln der