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Mönche paarweise auswandeln müssen? Nicht etwa als ob mich dies beschwerte, wenn ich einen Roman spielte, aber doch, wenn ich einen schriebe, wo ich mich an das weibliche Marschreglement auf Kosten des kunstrichterlichen halten und ein Geleite von Auxiliar-Weibern durchs ganze Buch mit mir zum Verhack meiner Heldin herumschleppen würde. Müsst' ich nicht, wenn ich sie nur über die Haustüre hinaushaben wollte, mit einer Kronwache von Siegelbewahrerinnen neben ihr herziehen? Wär' ich nicht durch diese verdammte Mitbelehnschaft und Kompagniehandlung mit der Tugendes fehlte an einer Proprehandlunggenötigt, meiner Heldin wider alle Wahrscheinlichkeit Freundinnen aufzuheften? Ich würde' es zwar einem spanischen Mädchen verdenken, wenn sie mir ihren Fuss, und einem türkischen, wenn sie ihr Gesicht vorwiese, und einem deutschen, wenn es allein zum besten Jüngling ginge; aber eben weil die tollsten blauen gesetz, die doch blauer Dunst an blauen Montagen werden, zum wahren Sittengesetze für sie werden: so ärger' ich mich über die jämmerliche Kleinherzigkeit und wünsche nichts verboten zu sehen als dasWalzen und Fallen."... Er hat hier vielleicht Satire in petto; denn ernstaft davon zu sprechen, hat diese Heils-Ordnung, dass sich Mädchen bei uns allemal wie Gesuche bei Fürsten in Duplikaten einreichen müssen, offenbar die Absicht, sie alle aneinander zu gewöhnen, weil sie ihre Freundschaft haben müssen zu Besuchenzweitens sollen Geschwister einander aus den Haaren kommen, weil sie nicht wissen, wenn sie einander bedürfen zu Rückbürgen ihrer Tugend und zu Sekundawechseln der Liebedrittens geben diese Menschensatzungen der weiblichen Tugend durch den kleinen Sitten-Dienst (weil grosse Versuchungen zu selten sind) tägliches Religion-Exerzitium und höhere Wichtigkeit und verhalten sich wie die Talmudischen Artikel zur Bibel, wiewohl ein rechter Jude lieber gegen die Bibel als den Talmud verstösstviertes verdanken wir diesen symbolischen Büchern des Wohlstandes die frühere Bildung des weiblichen Scharfsinns, dem wir leider keine andern Gelegenheiten der Aufmerksamkeit verschaffen, als die der Schwur auf jene Bücher gibt.

Viktor tadelte und befolgte zugleich, wie ein gutes Mädchen, die weiblichen Ordenregeln; der Hof hatte ihn beherzter, aber auch feiner gemacht, und unter den Weibern wurde' er wie jeder mit dem Linienblatt des Zeremoniells versöhnt. Daher wollt' er erst am zweiten Pfingsttage sein ordentliches Gesandtenauffahren bei der Äbtissin abtun, da heute alles zu spät war und er überdies in die schönen frommen Bewegungen drüben nicht wie ein Haarstern fahren wollte. Und seine Zufriedenheit sagte ihm ja auch, wie wenig die Nachbarschaft eines geliebten Herzens verschieden ist von der Gegenwart desselben, die ohnehin nichts ist als bloss eine nähere Nachbarschaft.

Inzwischen überwand er sich doch so weit, dass er mit seinen Zwillingbrüdern des Herzenshinausging ins Kolosseum der natur, ob er gleich sich nicht verbarg, draussen werde' er den Schrecken haben, Klotilden zu begegnen. Und Emanuel verringerte diese sorge schlecht, da er ihm gestand, sie sei bisher alle Tage mit ihrem verwundeten Leben um die Teiche wie um magnetische Heil-Wannen und durch die Flur wie durch Feldapoteken gegangen. – Eilet endlich hinaus, ihr drei guten Menschen, ins Jubiläum des Frühlings, das die Erde jährlich zum Andenken der Schöpfung begeht. Eilet, eh' die Minuten auf eurem Leben, wie die breiten Wellen auf den zwei Bächen, jetzt noch fliehend und schillernd und tönend, zerspringen und auslöschen an einer Trauerweideeilet, eh' die Blumen eurer Tage und die Blumen der Wiese von dem Abende überzogen werden, wo sie statt der Lebens- und Feuerluft nur giftige verhauchenund geniesset den ersten Pfingsttag, eh' er verrinnt!

Und er ist verronnen, und ein Sommer liegt heute schon wie ein Grab auf ihm; aber die drei lieben Menschen haben geeilt und ihn genossen, eh' er sich entfärbte.... Sie wandelten unter die aus allen Gesträuchen fliegenden Zephyre hinein, welche die Säemaschinen der Blumen sindsie traten vor die fünf Taschenspiegel der Sonne, vor die Teiche, da die Flüsse Pfeilerspiegel sind und die bunten Ufer die Spiegeltischesie sahen, wie die natur gleich Christus ihre Wunder verbirgt, aber sie sahen auch die Brautfackel des vermählenden Maies, die Sonne, und eine Hochzeitkammer in jedem singenden Gipfel und ein Brautbett in jedem Blumenkelchsie, die Hochzeitgäste der Erde, schlugen die Biene nicht weg, die um sie honigtrunken taumelte, und trieben die ätzende Mutter nicht auf, vor der der junge Vogel mit zitternden Flügeln zerflossund als sie auf alle Erdenstufen des ewigen Tempels, dessen Säulen Milchstrassen sind, gestiegen waren: so sank die Sonne, wie die Gedanken des Menschen, einer andern Welt entgegen....

Der Springbrunnen im Garten des Endes98, der mitten auf dem Abhange des südlichen berges sich emporrichtet und hoch über den Berg wegschimmert, trug schon auf seiner kristallnen dünnen Säule einen von der Abendsonne zu einem Rubin umgegossenen Schaft, und diese glimmende aufgeblätterte Rose zog sich wie andere entschlafende Blumen schon zu einer roten Spitze einund die hängenden Marschsäulen der Mücken im letzten Strahle schienen zu sagen: morgen wird es wieder schön, geht zurück, ach ihr spielt doch länger in der Sonne als wir. –

Sie gingen zurück; aber als Viktor im Abend die fünf hohen weissen Säulen am westlichen Ende des geliebten Gartens blinken sah: wurde sein erhöhtes Herz sehnsüchtig und beklommen, und er wehrte ihm nicht, zu seufzen: "Gute Klotilde! ach ich möchte wohl dich heute noch sehen,