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der natur- als seine Entzückung aufgeschoben wurde durch eine frühere. Julius lag im blühenden Grase, von dessen Wellen bespült, und hielt einen Kirschenzweig voll offner Honigkelche in der Hand, um die Bienen an sich zu ziehen und sich an ihrem summenden Schweben über den Blüten zu belustigen. Viktor umschlang ihn und vergass in der Entzückung, seinen Namen zu nennen – "Bist du mein Engel?" sagte er. – "Ich bin nur dein Viktor!" – "O komm, o komm!" sagte der Blinde, wie ein Wohllaut bebend, und zog den Freund zu Emanuels Haus; aber er führte ihn, hinter der Wolke seiner Augen, den längern Weg und drehte sich noch dazu bei jedem vierten Schritte um zu einer erneuerten Umschlingung.

Als sie ans Wasserrad kamen, das seine Giesskannen laut auf die Blumensaaten ausschüttete und dessen zersplitterte Blitze an den Fenstern und an der Stubendecke Emanuels flatterten: so sagte der Blinde: "Umfasse mich noch einmal recht sehr." – Aber unter dem Getöse der Regengüsse und unter der Betäubung der Liebe wurden sie von andern Armen als den ihrigen zusammengedrückt, und die zwei jungen Herzen wurden an ein drittes angereiht, und der Indier schaute wie ein Gott der Liebe zwischen sie und sagte: "O ihr guten Jünglinge, bleibet immer so und weinet fort in eurer seligen Liebe! Sei gesegnet, mein Horion, sei willkommen im grossen Frühling um uns her!" – Und als Emanuel und Viktor aneinandersanken, so war es, als ob alle Blumenbeete sich vor Wonne niederbögen, als ob alle Wogen lichter flammten unter darüberfliegenden überirdischen Blitzen, als ob die Zephyre von Seufzern der Liebe anschwöllen, als ob höhere Wesen im freudigen Übermasse flüstern müssten: o, ihr guten Menschen, ihr liebt ja wie wir! –

Ein Arm aus einem Paradiesesflusse trug diese liebende Dreieinigkeit hebend in die übergrünten Zimmer, und hier sah erst Viktor, dass der Frühling auf Dahores Wangen war und der Sommer in seinen Augen, so wie zwölf Wonnemonate in seinem Herzen. Die weissen Trauerrosen auf seinen Wangen, die immer als Mauerkronen des Todes dem Johannistage entgegenzublühen schienen, waren den roten gewichenkurz Emanuels Gestalt gab die Hoffnung, dass er über seinen Tod ein falscher Prophet gewesen sei. – –

In diesem wehenden Zimmer, dessen goldne Wandleisten Lindenäste und dessen Prachttapeten Lindenblättern waren, und über dessen Tür als Türgemälde der Widerschein und die Nebensonnen des schimmernden Wasserrades zitterten, in diesem vom Freudenmeere der natur umbrauseten Eiland von Zimmer, durch dessen offne Fenster die Zephyre Schmetterlinge und Bienen über die Fensterblumen in die Linden warfen, gingen meinem Helden, dem noch dazu das Mittaggeläute wie ein Geläute zu einem Friedenfeste der Erde vorkam, die Blumen der Freude, worin er watete, bis an das Herz. – Emanuels Poesie klang ihm in dieser epischen Berauschung wie Prose; er war gleichsam eingesunken in ein Blumengebüsch und erblickte oben darüber einen genesenen Unsterblichen, der die Blütenüberhüllung auseinanderbogund noch höher eine ewige Pfingstsonne im endlosen Blauund näher das Spriessen des Blumenlaubes und das Bienengewimmel darüberund eine goldne Morgenröte als Einfassunggewächs rund um die ganze bunte rauchende Waldung geschlungen....

Beim Himmel! nur in einer unfigürlichen solchen Blumenholzung zu liegen, wäre schon etwasgeschweige gar in einer metaphorischen! – Viktor war fromm aus Freude, aus Überfüllung still, aus Dankbarkeit genügsam. Der Anblick des gemeinschaftlichen Lehrers gab zwar Klotildens Bilde wärmere Farben und seiner Seele höhere Flammen, aber seinen Wünschen keine Unersättlichkeit und keine Ungeduld.

Emanuel sprach sogleich von dieser geliebten Schülerin; gar nicht als ob Klotilde ihm den dritten Osterfeiertag klar erzählt oder als ob Emanuel ihn erraten hätte, sondern dieser unschuldige Mensch wusste nur den Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft nicht, und er hätte so gut von sich als von Viktor gesagt, er liebe sie. Und eben diese kindliche Unbefangenheit, die einer offnen weiblichen Herzenskammer keine Durchganggerechtigkeit, keine Breschen ablauerte, sondern die eignen entblösste, und die keine Geständnisse erangelte, keine verargte, keine benutzte, diese musste mit dem gordischen Nervenknoten der Sympatie die scheueste weibliche Seele an eine so offne männliche binden. Ja, ich glaube, Klotilde hätte ihre Liebe leichter ihrem Lehrer als ihrem Geliebten bekannt. – Da ihm dieser Emanuel nun erzählte, wie er ihr alle Szenen seines vorigen Hierseins vorgemalet habeund alle seine Entzückungenund sein Geständnis der Freundschaft für siewie er ihr seine Briefe vorgelesen und wie der zweite (jener trostlose in der Nacht des Stamitzischen Konzerts) so viele Tränen in ihre Augen getriebenund da Viktor sah, wie sehr sein Freund ihre Liebe wie einen zugehenden Tulpenkelch auseinandergehaucht habe: so fachte dieses seine Liebe für sie, seine Freundschaft für ihn bis zur Andacht an, und er küsste selig verlegen den Blinden. Aus dieser verdoppelten Liebe erklärt' er sich jetzt Klotildens leichte Einwilligung in seine Pfingstreise.

Er hätt' es für einen Engels- und Petrus-Abfall von der Freundschaft gehalten, bei Emanuel nicht geradezu anzufragen, wann er diese Geliebteder Tugend sehen dürfe. "Jetzt!" sagte dieser, der ungeachtet seiner indischen achtenden Milde gegen die Weiber die Nasenringe, Bindeschlüssel und Dämpfer unserer Harams-Dezenz nicht kannte. Aber Viktor handelte anders und dachte doch ebenso. Er hatte schon im Auslande gefragt: "Warum lässt man die elende Reichspolizeiordnung für Mädchen stehen, dass sie z.B. nicht einzeln, sondern immer wie Nürnberger Juden unter dem Messgeleite einer Alten oder wie die