P.
Erster Pfingsttag
(33. Hundposttag)
Polizeiordnung der Freude – Kirche – der Abend –
die Blütenhöhle
Viktor war am Pfingstmorgen kaum aus seinem Schlafe, obwohl nicht aus seinen Träumen erwacht: so sagte ihm das Leisereden aller seiner Gedanken, die elysische Stille durch sein ganzes Herz, dass heute seine Sabbatwochen angehen. Ohne Vorwürfe und Vorsätze eines Fehltritts, ohne einen Seufzer seines Gewissens ging er unschuldig der Freude und der Liebe entgegen. Je zärter und weicher eine Blume der Freude ist, desto reiner muss die Hand sein, die sie abbricht, und nur tierische Weide verträgt den Schmutz; so wie diejenigen, die den Kaisertee abpflücken, sich vorher alle grobe Kost versagen, um das gewürzhafte Laub unbesudelt abzunehmen. – Viktor hatte draussen kaum Morgenröte genug, um auf seiner breiten Stundenuhr vom Zeidler Lind die erste Stunde seines Sabbats zu sehen; aber diese Uhr, der Schrittzähler auf dem so schönen Lebenswege des Bienenvaters, und der Frühgottesdienst der natur, der in Stille besteht, machten seinen Vorsatz fester, sein jetziges Leben dem zweiten nach dem tod als einen stillen, kühlen, gestirnten Frühlingmorgen vorauszuschicken.
"Bei euch schwör' ich" – sagt' er, als nach und nach immer mehr Lerchen aus ihrem Tau mit Singen in die Morgen-Hora stiegen – "ich will, sogar in der Freude, gelassen bleiben ganze dreissig Jahre lang in einem fort, wenigstens drei ganze Pfingsttage – ich will ein Universität- und Hausfreund, aber nicht ein Werterscher Liebhaber der Freude sein – Handelt nicht der Mensch, als müsste sein Lebensteig eine brücke zusammengeschobener Honigwaben sein, durch die er mottenartig sich durchzukäuen habe, als wären seine hände nur zwei Zuckerzangen der Lust? – Ich will wieder meinen Freuden und meinen Schmerzen den Scherz als einen Zaum anlegen. Die warmen Tränen der Melancholie, besonders die der Entzückung, eine Art heisser Dämpfe, die stärker treiben und zersetzen als Schiesspulver und papinische Maschinen, will ich wohl noch vergiessen, aber vorher ein wenig kühlen. – Und wenn ich Klotilde nicht jeden Vormittag ansichtig werde: so will ich bloss sagen: ein Mensch kann nicht immer im dritten Himmel sein, er muss auch zuweilen im ersten übernachten." – – Er hat vielleicht mehr Recht als Kraft; aber es ist wahr, die Gesundheit des Herzens entfernet sich gleich weit von hysterischen Zuckungen und von phlegmatischer Erstarrung, und die Entzückung grenzet näher an den Schmerz als die Ruhe. Aber keine Ruhe und Kälte ist etwas wert als die erworbene – der Mensch muss der Leidenschaften zugleich fähig und mächtig sein. Die Überströmungen des Willens gleichen denen der Flüsse, die alle Brunnen eine Zeitlang verunreinigen; nehmet ihr aber die Flüsse weg, so sind die Brunnen auch fort. –
Das Morgenrot deckte eine ferne Sonne nach der andern zu; und als endlich die nahe aufgegangen war oder vielmehr die natur: so konnte Viktor – sehen und lesen und mein Werk (die bekannten Mumien) aus der tasche ziehen. Ein Buch war für ihn in der treibenden freien natur eine Gartenschere seiner üppig aufschiessenden Träume und Freuden. Dieser mit einem ganzen Frühling prangende Morgen, dieses Schimmern auf allen Bächen, dieses Summen aus Blüten in Blüten, dieses hängende blaue Meer, worüber die Sonne wie ein Bucentauro schiffte, um auf den Meergrund der Erde den Vermählungring zu werfen, eine solche Gegenwart würde neben einer solchen Zukunft schon in der dritten Stunde ihm die Kraft genommen haben, seiner neuen Staatverfassung zufolge über seine Wonne zu regieren und immer soviel Ruhe zu bewahren, als zur Mitteltinte zwischen einem entzückten und einem trüben Tage nötig ist – ich sage, er würde das nicht vermocht haben ohne seinen Lebensbeschreiber, ich meine, wenn er nicht mein Buch vorgenommen hätte, in dessen zweiten Teile er noch den Schulmeister Wutz zu lesen hatte. Aber dieses gelehrte Werk setzte – getrau' ich mir ohne Eigendünkel zu schmeicheln – seiner Entzückung die ordentlichen Grenzen. Denn so indem er lesend ging (wie andere, z.B. Rousseau und ich, lesend essen und bald aus dem Teller, bald aus dem buch einen Bissen nehmen) – indem er dem Leben des Schulmeisters so lange zuschauete, bis ein neues Tal aufging oder ein neues Wäldchen indem er bald diesem abgedruckten Kantor, bald einem lebenden zuhorchte, vor dessen Pfingstliedern er vorbeiging: so konnte er seine Ideen bei allen ihren Rondos und Rösselsprüngen in einer solchen schönen Ballordnung und Kirchenzucht erhalten, dass er so glücklich war als der gelesene Wutz. Ich schrie ihm noch dazu in einem fort aus meinen Mumien zu, gescheit zu sein und auf mein Schulmeisterlein als einen Flügelmann der Freudenhandgriffe achtzugeben und jeden Tag, jede Stunde auszukernen. "Ich bin ohnehin verdammt," (sagt' er) "wenn ichs nicht tue: ist denn nicht, du guter Gott, schon das Gefühl des Daseins ein stehendes Vergnügen und der erste süsse Imbiss nach jedem Erwachen?" – Er dachte zwar daran, dass die Kultur uns Brillen gebe und dafür die Zungenwärzchen nehme und uns die Freuden durch bessere Definitionen derselben vergüte (so wie der Seidenwurm als Raupe Geschmack, aber keine Augen, und als Schmetterling Augen ohne jenen hat), er gestand sich zwar zu, er habe zu viel Verstand, um soviel Vergnügen zu haben wie der Auentaler Schulmann Wutz, und er philosophiere dazu zu tief; aber er bestand auch darauf: "eine höhere Weisheit müsse doch (weil sonst der Allweise der Allunglückliche sein müsste) wieder aus dem schwülen Hörsaal-Parterre den Weg