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Viktor seiner sokratischen Haltung und Mässigung ungeachtet doch diese wilden Köpfe zu Freunden des seinigen machte. Dem einzigen Mattieu war nur um Spott zu tun, auf den er jeden Ernst zurückführte, anstatt es umzukehren. Er hatte in einem eigentümlichen Grade jene Unverschämteit von Stand, gewisse Torheiten zugleich zu begehen und zu verspotten, gewisse Toren zugleich zu suchen und zu verachten und gewisse Weise zugleich zu meiden und zu loben. Wo er nur konnte, bewarf er den gutmütigen Fürsten von Flachsenfingen mit satirischen Distelköpfen und zeigte eine Feindseligkeit gegen den Ehemann, die sonst das Zeichen einer zu grossen Freundschaft gegen die Frau ist. – So sagte er heute in Beziehung auf Jenners oder Januars Neigungen, die mit seinem Monats- und Heiligen-Namen abstechen: "Für den heiligen Januarius in Puzzolo96 war ein fisch der Doktor Kuhlpepper." –

Ich gesteh' es, ich habe unter dem ganzen Klub wieder den närrischen Gedanken gehabt, den ich mir schon oft, so toll er ist, nicht aus dem kopf schlagen konntedenn er wird freilich ein wenig dadurch bestätigt, dass ich wie ein Ateist nicht weiss, wo ich her bin, und dass ich mit meinem französischen Namen Jean Paul durch die wunderbarsten Zufälle an ein deutsches Schreibepult getrieben wurde, auf dem ich einmal der Welt jene weitläuftig berichten willwie gesagt, ich halt' es selber für eine Narrheit, wenn ich mir zuweilen einbilde, es sei möglich, dass ich etwada in der orientalischen geschichte die Beispiele davon tausendweise da sindgar ein unbenannter Knäsensohn oder Schachsohn oder etwas Ähnliches wäre, das für den Tron gebildet werde und dem man nur seine edle Geburt verstecke, um es besser zu erziehen. So etwas nur zu überlegen, ist schon Tollheit; aber so viel ist doch richtig, dass aus der Universalhistorie die Beispiele nicht auszukratzen sind, wo mancher bis in sein 28stes Jahrich bin um zwei Jahr älternicht ein Wort davon wusste, dass ein asiatischer oder anderer Tron auf ihn warte, wovon er nachher, wenn er darauf kam, prächtig herunter regierte. Setze man aber, ich würde aus einem Jean ohne Land ein Johann mit Land, so ging' ich sofort aufs Billard und sagte jedem, wen er vor sich hätte. Wäre einer von meinen Landskindern mit da und stiesse: so würde' ich ihn dort sofort regierenund eine Landstochter ohne BedenkenIch würde mit Bedacht verfahren und nur mit Subjekten aus meiner BillardGespannschaft die wichtigern Ämter besetzen, weil der Regent den kennen muss, den er voziert, welches er beim Spiel bekanntlich am ersten vermag. Ich würde meinen Landsassen und allen durch ein Generalreglement auf alle zeiten strenge befehlen, glücklich und wohlhabend zu sein, und wer arm würde, den setzte ich zur Strafe auf halben Sold; denn ich denke, wenn ich die Armut so nachdrücklich untersagte, so würde' es zuletzt so viel sein, als regierten Saturn und ich miteinander. – Ich würde in meinem staat nicht, wie ein Sultan in seinem Harem, physische Stumme und Zwerge begehren, sondern nach gelegenheit moralischeIch gesteh' es, ich hätte eine eigne Vorliebe für Genies und stellte bei allen, sogar beim elendesten Posten die grössten Köpfe an. – Ich würde mich vor nichts fürchten (Feinde ausgenommen) als vor der Kopfwassersucht, vor der ein gekröntes Haupt oder ein infuliertes in Ängsten sein muss, wenn es wie ich in dem Doktor Ludwig oder auch in Tissot von den Nerven gelesen hat, dass dergleichen durch starke Binden um den Kopf am ersten entstehe, welches ich noch mehr von meiner Krone befahre, zumal wenn der Kopf, der hineingetrieben wird, dick ist und sie eng...

Wir kommen wieder zur geschichte. Den andern Tag kehrten Viktor und Flamin, in den schönen, neu angezognen Schlingen des freundschaftlichen Bundes, nach Flachsenfingen zurück. jetzt konnte Viktor durch Maientals Himmelpforte eingehen, wenn Klotilde sie nicht verriegelte. Alles kam auf Emanuels Antwort an. Die Mailüfte wehten, die Malblumen dufteten, die Maibäume rauschten. O wie fachte dieses Wehen die sehnsucht an, alle diese Seligkeiten in Maiental zu geniessen und das Einlassblatt zum schönsten Konzertsaal der natur vom Freunde zu bekommen. Es kam keines; denn es war schongekommen durch den Zeidler Lind aus Kussewitz, der als Feudal-Postillon vom Grafen O an Mattieu gesendet worden und den Weg über Maiental genommen hatte. Es war von Emanuel:

"Horion!

Komm eher, Geliebter! Eil in unser Edental, das ein Gartensaal der natur mit grünenden Wänden zwischen lauter Gängen ist, die aus dem Himmel in den Himmel laufen. Die blumigen lichten Stunden rücken vor dem Auge des Menschen vorüber wie die Sterne vor dem Sehrohre des Himmelmessers. Blütenschlingen aus Jelängerjelieber sind dir gelegt und mit Düften zugedeckt; und wenn du darin gefangen bist, fassen die aufwallenden Düfte dich mit einer Wolke ein, und unbekannte arme dringen durch die Wolke und ziehen dich an drei Herzen voll Liebe! Ich habe schon Maiblumen aus dem wald ausgehoben und neben mich gepflanztdeine Stadt ist ja auch ein Wald um dich stille Maiblume. Ich habe schon zwei Balsaminen und fünf Sommerlevkojen versetzt; aber meine erste versetzte Balsamine war Klotilde. Du siehst, der Frühling streckt sich mit seinen üppigen treibenden Säften auch durch meine aufknospende Seele, und der Mai spaltet an ihr, wie ich jetzt an den Nelken, alle Knospen auf. Erscheine, erscheine, eh ich wieder trübe werde, und sage dann