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der Mensch seine Adern und opfert seinen Geist; nur nennt der christliche Märtyrer diese Tugend Glauben, der wilde Ehre, der republikanische Freiheit. – Nehmt zehn Menschen, sperrt sie in zehn verschiedene Inseln: keiner wird den andern (ich habe keine Weltbürger genommen), wenn er ihm auf seinem Kahn begegnet, lieben oder beschützen, sondern ihn bloss wie ein unschuldiges ungebildetes Tier unbeschädigt vorüberfahren lassen. Werft sie aber sämtlich auf eine Insel94: so werden sie gegenseitige Bedingungen des Beisammenlebens, des Unterstützens u.s.w., d.h. gesetz machenjetzt haben sie öftern Genuss und Gebrauch des Rechts, folglich ihrer Persönlichkeit, die sie von blossen Mitteln unterscheidet, folglich ihrer Freiheit. Vorher auf ihren zehn Inseln waren sie mehr ungebunden als frei. Je mehr die Gegenstände ihrer gesetz sich veredeln, desto mehr sehen sie, dass das Gesetz den inneren Menschen mehr angehe als der Schuttaufen, den es beschirmt, das Recht mehr als das Eigentum, und dass der edle Mensch seine Güter, seine Gerechtsame, sein Leben verfechte, nicht wegen ihrer Wichtigkeit, sondern wegen seiner Würde. – Ich will die Sache von einer andern Seite beschauen, um den Satz zu verteidigen, womit ich die Rede anfing. Wenn ein Volk seine Verfassung hasset: so geht der Zweck seiner Verfassung, d.h. seine Vereinigung, verloren. Liebe der Verfassung und Liebe für seine Mitbürger als Mitbürger ist eins. Ich hole so aus: wären alle Menschen weise und gut, so wären sie alle einander ähnlich, folglich gewogen. Da das nicht ist: so ersetzt die natur diese Güte durch Ähnlichkeiten der Triebe, durch Gemeinschaft des Zwecks, durch Beisammenleben u.s.w. und hält durch diese Bänderder ehelichen, der Geschwisterund der Freundesliebeunsere glatten schlüpferigen Herzen zusammen in verschiedenen Entfernungen. So erzieht sie unser Herz zur höhern Wärme. Der Staat gibt ihm eine noch grössere, denn der Bürger liebt schon mehr den Menschen im Bürger als der Bruder ihn im Bruder, der Vater im Sohn. Vaterlandliebe ist nichts als eine eingeschränkte Weltbürgerliebe; und die höhere Menschenliebe ist des Weisen grosse Vaterlandliebe für die ganze Erde. In meinen jüngern Jahren war mir oft die Menge der Menschen schmerzlich, weil ich mich unvermögend fühlte, l000 Millionen auf einmal zu lieben; aber das Herz des Menschen nimmt mehr in sich als sein Kopf, und der bessere Mensch müsste sich verachten, dessen arme nur um einen einzigen Planeten reichten." ...

jetzt setz' ich wie in einer Komödie nur die Namen der Spieler vor die Anmerkungen. Der kaltphilosophische Baltasar: "Daher muss die ganze Erde einmal ein einziger Staat werden, eine Universalrepublik; die Philosophie muss Kriege, Menschenhass, kurz alle mögliche Widersprüche mit der Moral so lange guteissen, als es noch zwei Staaten gibt. Es muss einmal einen Nationalkonvent der Menschheit geben; die Reiche sind die Munizipalitäten."

Mattieu: "Jetzt leben wir also erst im 11ten Oktober und ein wenig im 4ten August."

Viktor: "Wir sehen, gleich dem David, den salomonischen Tempel nur in Träumen und die Stiftütte im Wachen; aber die Philosophie wäre jämmerlich, die von den Menschen nichts foderte, als was diese bisher ohne Philosophie leisteten. Wir müssen die Wirklichkeit dem Ideal, aber nicht dieses jener anpassen."

Der heiss-philosophische Melchior: "Die meisten jetzigen Bewegungen sind nur Griffe, die ein unter dem Gehirnbohrer Schlafender nach der blutigen Gehirnhaut tut. – Aber die fallende Stalaktite der Regentschaft tropfet endlich mit der steigenden Stalagmite des Volkes zur Säule zusammen."

Flamin: "Setzen aber nicht Sparter Heloten voraus, Römer und Deutsche Sklaven, und Europäer Neger? – Muss sich nicht immer das Glück des Ganzen auf einzelne Opfer gründen, so wie ein Stand sich dem Akkerbau widmen muss, damit ein anderer dem Wissen obliege?"

Kato der Ältere: "Dann spei' ich aufs Ganze, wenn ich das Opfer bin, und verachte mich, wenn ich das Ganze bin."

Baltasar: "Besser ist es, das Ganze leidet freiwillig eines einzigen Gliedes wegen, als dass dieses wider seine gerechte stimme für das Ganze leide."

Mattieu: "Fiat justitia et pereat mundus."

Viktor: "Auf deutsch: das grösste physische Übel muss man vorziehen dem kleinsten moralischen, der kleinsten Ungerechtigkeit."

Melchior: "Durch die physische, von der natur gemachte Ungleichheit der Menschen wird irgendeine politische so wenig entschuldigt als durch Pest der Mord, durch Misswachs das Kornjudentum. Sondern umgekehrt muss eben die politische Gleichheit das Ersatzmittel der physischen sein. Im despotischen Staat kann die Aufklärung wie das Wohlleben an Innengehalt grösser sein, aber im freien ist sie an Aussengehalt grösser und unter alle verteilt. Denn Freiheit und Aufklärung erzeugen einander wechselseitig."

Viktor: "Wie Unglaube und Despotie. Ihre Behauptung zeigt den Völkern zwei Wege, einen langsamern, aber gerechtern, und einen, der beides nicht ist. – Die wilden Eingriffe ins Zifferblattrad der Zeit, das tausend kleine Räder drehen, verrücken es mehr, als sie es beschleunigen, oft brechen sie ihm Zähne ab95: hänge dich ans Gewicht des Uhrwerks, das alle Räder treibt; d.h. sei weise und tugendhaft, dann bist du gross und unschuldig zugleich und bauest an der Stadt Gottes, ohne den Mörtel des Bluts und ohne die Quader der Totenköpfe." –

Hier wird diese politische Predigt ausgeläutet, unter welcher