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die halbe Überschuss-Stunde, um sie zu überreden, dass sie den Unterschied begriffesie tats nicht, sie sah' ihn nicht einer liess sich zu Bitten herab und sagte: "Schatz, Lamm, Bestie, Beichttochter, fass es, fleh' ichmache deinem Seelenhirten die Freude und repetier' ihm den ausserordentlichen Unterschied zwischen Bind- und Löseschlüsselmein' ichs denn nicht redlich mit dir? – Aber mein Pfarramt fodert es von mir, dass ich dich nicht wie ein Vieh, ohne einen Schlüssel zu kennen, weglasse. – Ermanne dich nur und sprich mir nur Wort für Wort nach, teuer-erkaufte Christen-Bestie." – Das tat sie endlich, und da sie fertig war, sagt' er freudig: "So gefällst du deinem Lehrer, und merk ferner auf." – Draussen rekapitulierte sie es wieder, und sie hatte alles gut gefasset, ausgenommen, dass sie statt der Bind- und Löseschlüssel allemal vernommen hatte Bind- und Löseschüsseln. –

Die Drillinge wollten erbärmlicherweise erst nach dem Essen kommenDie Seele der roten Appel dampfte eben darum ein Wildprets-Fümet aus und roch wie angebrannte Milchsuppe und klagte, sie behielte alle Arbeit allein auf dem Hals, und als Agate ihr beispringen wollte, sagte sie: "Ich kann es, Gott sei Dank! so gut machen wie du!" – Der Regierrat war angelangt, aber leider wieder auf die Felder hinausgelaufen bis zum EssenAgatens Gesicht war wie ein Felsenkeller von der Kälte ihres Bruders gegen Viktor ausgeschlagenNur die Pfarrerin war die Pfarrerin, nicht bloss ein Vaterland, sondern ein Liebeatem reihete ihr Herz an sein Herz, und es war ihr unmöglich, auf ihn zu zürnen. Sie liebte ein Mädchen, wenn er es lobte; wäre sie ohne Mann gewesen: so würde sie entweder Liebebrief-Stellerin oder BriefTrägerin für ihn geworden sein. – So lieben Weiber: ohne Mass! Oft hassen sie auch so. – Dazu setzet nun mein Korrespondent noch, dass er aus dem Baddorfe einen ganzen Zeugenrotul zum Beweise ausziehen könnte, dass die Pfarrerin nicht bloss allemal, sondern auch am heutigen Ventos- und Pluvios-Tage es mit ungeschminkter Fassung einer Christin auszuhalten und zu erleben vermochte, wenn eine etwas fallen liess, eine Tasse oder ein Wort. Zu so etwaszur Apatie gegen einen gegenwärtigen gänzlichen Verlust eines Suppen-, eines Spülnapfes, eines Fruchttellersist vielleicht ebensoviel Gesundheit als Vernunft vonnöten.

Endlich trat abends der Hofjunker ein und sagte, Flamin sei noch im Garten. Viktor nahm es auf, als sei es ihm gesagt, und ging hinaus und trug sein beklommenes Herz einem andern bangen entgegen. Flamin fand er in einer überlaubten Ecke hinaufstarrend mit den Augen zum Wachsbilde des verstossenen Geliebten; Viktors Herz ging wie zwischen Tränen schwer in der übervollen Brust. Flamins Gesicht war nicht mit dem Panzer des Zorns, sondern mit dem Leichenschleier des Kummers bedeckt. Denn hier auf dem Vorgrund einer hellen warmen Jugend, gleichsam auf dem klassischen Boden der vorigen unersetzlichen Liebe, wurde er zu weich und zu warmauf dem dorf widerrief er die Härte der Stadtund was noch mehr war, lauter Freunde seines Freundes, lauter liebevolle Lobreden auf den verschmähten Liebling drängten und wärmten sein verarmtes Herz, und er konnte ihn hier noch leichter entschuldigen als entbehren. Viktor bewillkommte ihn mit der sanften stimme eines gedrückten Herzens, aber dieser sagte alle Gedanken und Worte nur halb. Viktor schaute tief in die Seele, die um die Freundschaft trauerte; denn nur ein Herz sieht ein Herz; so sieht nur der grosse Mann grosse Männer, wie man Berge nur auf Bergen erblickt. Er hielt es daher für kein Zeichen des Grolls, da Flamin langsam von ihm wegging; aber er musste, so einsam da gelassen, seine Augen von der geweihten Erde des Gartens, wo ihre Freundschaft sonst die Blüten geöffnet hatte, und von der Opferlaube, wo er bei seinem Vater für Klotildens und Flamins Verknüpfung gesprochen, und von der hohen Warte, dem Tabor der freundschaftlichen Verklärung, von allen diesen Begräbnisstätten einer schönern Zeit musst' er die Augen abwenden, um die ärmere zu ertragen. Allein das, was er nicht anschauen wollte, stellte er sich desto heller vor.

jetzt dehnte die Gebet- und Abendglocke ihre melancholischen Bebungen aus bis an die Herzen der Menschendie vergangnen zeiten schickten die Töne, und die Abendklagen sanken wie heisse Bitten in die getrennten Freunde: "O söhnet euch aus und gehet zusammen! Ist denn das Leben so lang, dass die Menschen zürnen dürfen, sind denn der gute Seelen so viele, dass sie einander fliehen können? O diese Töne zogen um viele Aschen-Leichen, um manches erstarrte Herz voll Liebe, um manchen geschlossenen Mund voll Grimm, o Vergängliche, liebt, liebt euch!" – Viktor ging willig (denn er weinte) dem Freunde nach und fand ihn am Beete stehen, worauf Eimann dessen Namens-F in Kohlrabi pflanzen grünen liess, und er schwieg, weil er wusste, dass zu allen sympatetischen Kuren geschwiegen werden muss. O eine solche schweigende Stunde, wo Freunde wie Fremdlinge nebeneinander stehen und mit dem Verstummen das alte Ergiessen vergleichen, hat zu viele Herzstiche und tausend erdrückte Tränen und statt der Worte die Seufzer!

Viktor, so nahe am Freund, wollte, da unter dem Geläute seine schönere Seele, wie Nachtigallen unter Konzerten, immer lauter wurde,