freundliches, um alle Missdeutungen des Ehrenpunktes unbekümmertes Auge frei und gerade zum Senior schaute; – aber dies nahm doch seine weiche sehnsucht nicht weg, sondern sie wurde vermehrt durch die Wiedererblickung des so schönen betrauerten geliebten Angesichts. Flamin hatte eine grosse männliche Gestalt, seine ineinander- und zurückgedrängte schmale Stirn war der Horst des Muts, seine durchsichtigen blauen Augen – welche seine Schwester Klotilde auch hatte und die sich recht gut mit einer feurigen Seele vertragen, wie ja auch die alten Deutschen und das Landvolk beides haben – waren von einem denkenden geist entzündet, seine gepressten und eben darum dunkelröteren übervollen Lippen waren in die menschenfreundliche Erhebung zum Kusse befestigt; bloss die Nase war nicht fein genug, sondern juristisch oder deutsch gebildet. Die Nase grosser Juristen sieht meines Erachtens zuweilen so elend aus wie die Nase der Justiz selber, wenn ihr biegsamer Stoff sich unter zu langen Drehfingern zieht. Nicht zu erklären ist es, beiläufig, warum die Gesichter grosser Teologen – sie müssten denn noch etwas anderes Grosses sein – etwas von der typographischen Pracht der Cansteinischen Bibeln an sich haben. Viktors Gesicht hingegen hatte am wenigstens unter allen, weder jene burschikosen Trivial-Züge mancher Juristen, noch das Mattgold mancher Teologen; seine Nase lief, ihre Schneide und ihren Wurzel-Einschnitt abgezogen, griechischgerade nieder, der Winkel der geschlossenen dünnen Lippen war (falls er nicht gerade lachte) ein spitziger von 1''''' und bildete mit der scharfen Nase das Ordenzeichen und Ordenkreuz, das oft satirische Leute tragen; – seine weite Stirne wölbte sich zu einem hellen und geräumigen Chor einer geistigen Rotunda, worin eine sokratische gleich beleuchtete Seele wohnt, obgleich weder diese Helle noch jene Stirn sich mit angeborner milder Festigkeit, wenn auch mit erworbener gatten; – seine Phantasie, dieser grosse Gewinn, hatte wie mehrmals gar keine Lotteriedevise auf seinem Gesicht; – seine Achataugen aus Neapel verkündigten und suchten ein liebendes Herz; – sein weisses, weiches Gesicht kontrastierte, wie Hof mit Krieg, gegen Flamins braunes, elastisches, den zwei Glutwangen als Grund dienendes Angesicht. – übrigens war Flamins Seele ein Spiegel, der unter der Sonne nur mit einem einzigen Punkte flammte; an Viktors seiner aber waren mehre Kräfte zu schimmernden Facetten ausgeschliffen. Klotilde hatte mit ihrem Bruder dieses ganze Feuerzeug und diese Schwefelminen des Temperaments gemein; aber ihre Vernunft deckte alles zu. Der reissende Blutstrom, der sich bei ihm von Felsen zu Felsen schlug, zog bei ihr schon still und glatt durch Blumenwiesen.
Ich säh' es gern, er erneuerte wieder mit dem Regierrat den Vertrag der Freundschaft: ich würde dann seine Pfingst-Reise nach Maiental zu beschreiben bekommen, die vielleicht das Septleva und das Beste wird, wozu es noch der menschliche Verstand gebracht hat. Aus diesem Septleva wird aber nichts, wenn sie nicht wieder Friede machen; neben jede Blume in Maiental, neben jede Entzückung würde sich dem Freunde die abgegrämte Gestalt des Freundes stellen und fragen: "Kannst du so glücklich sein, da ichs so wenig bin?" –
Gescheiter wär' es, beide wären Mönche oder Hofleute; dann wäre ihnen zuzumuten, dass sie, da die Freundschaft die Ehe der Seelen ist, entaltsam im Zölibate der Seelen verblieben...
Eben beim Schlusse des Kapitels bringt der Hund das neue, und ich flechte beide gar ineinander und fahre fort:
Ohne sonderliche Ärgernis über das Ausbleiben der Antwort aus Maiental ging Viktor den 4ten Mai einsam nach St. Lüne und mit jedem Schritte, um den er näher kam, wurde seine Seele weicher und versöhnlicher. – Als er ankam: – –
Es gibt in jedem haus Tage, die in der Litanei vergessen wurden – verdammte, verteufelte, verhenkerte Tage – wo alles gekreuzt geht und die Quere – wo alles keift und knurrt und mit dem Schwanze wedelt – wo die Kinder und der Hund nicht Muck! sagen dürfen und der Erb-, Lehn- und Gerichtsherr des Hauses alle Türen zuwirft und die Haus-Herrin das Schnarrkorpus-Register des Moralisierens91 zieht und den Silberton der Teller und Schlüsselbunde anschlägt – wo man lauter alte Schäden aufstöbert, alle Waldfrevel der Mäuse und Motten, die zerknickten Sonnenschirm- und Fächerstäbe und dass das Schiesspulver und der wohlriechende Puder und das Kavalierpapier dumpfig geworden und dass der Wurstschlitten ausgesessen ist zu einem hölzernen Esel und dass der Hund und das Kanapee im Hären begriffen sind wo alles zu spät kommt, alles verbrät, alles überkocht und die Kammerdonna die Stecknadeln ins Fleisch der Frau wie in eine Puppe treibt – und wo man, wenn man sich bei dieser hundföttischen Krankheit ohne Materie genugsam ereifert hat ohne Ursache, sich zufrieden gibt wieder ohne Ursache – –
Als Viktor anlandete in der Pfarre: hört' er den Geburtelden des Tages, den Pfarrer, in seiner Studierstube dozieren und schreien. Eimann goss seinen heiligen Geist in die langen Ohren seiner Katechumenen aus, in die keine feurigen Zungen zu bringen waren. Er handhabte eine Dunsin aus einer Einöde (einem einzigen haus im wald) und wollte vor ihr den Unterschied des Löse- und des Bindeschlüssels aufklären. Es war aber nicht zu machen: der Kaplan und Wiedergeborne hatte schon eine halbe Stunde über die Schulzeit mit dem Aufklären zugebracht; die Dunsin vergriff sich immer in den Schlüsseln, als wäre sie eine – Weltdame. Der Kaplan hatte seinen Kopf darauf gesetzt auf die Erhellung des ihrigen – er stellte ihr alles vor, was Eisenholz und Eisensteine gerührt hätte, sein heutiges Wiegenfest, die allgemein – versalzene Lust,