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werde man exponiert von den untern Klassen und den Lehrern derselben. Ich kann jene Leser und diese Klassen in Rücksicht ihrer Seelenkost, die durch so viele Zwischenglieder vorher geht, mit nichts vergleichen als mit den armen Leuten in Lappland. Wenn da die Reichen sich in dem Trinkzimmer mit einem Likör, der aus dem teuern Fliegenschwamm gesotten wird, berauschen: so lauert an der Haustüre das arme Volk, bis ein bemittelter Lappe herauskömmt und p-ss-t; das vertierte Getränk, die Vulgata von gebranntem wasser, kommt dann den armen Teufeln zugute.

Aber diesen Anfang heb' ich mir auf für den Vorbericht zu einer Übersetzung.

Es gehört zu den schönen Gaukeleien und Naturspielen des Zufalls, deren es recht viele gibt, dass ich dieses Buch gerade in der Philippi-Jakobi-Nacht 1793 anfing, wo Viktor die Hexen-Fahrt zum maientalischen Blocksberg unter die Zauberer und Zauberinnen vornahm und wo er 1792 aus Göttingen anlangte.

Ich kann nicht schreiben: "der Leser kann sichs leicht vorstellen, wie Viktor die ersten Maitage verlebte oder vertrauerte"; denn er kann sichs schwer vorstellen. Vielleicht wir alle hielten die Bande, die ihn mit Flamin verschlangen, für dünne wenige Fibern oder unempfindliche Gewohnheitflechsen; es sind aber weiche Nerven und feste Muskeln das Bindwerk ihrer Seelen. Er selber wusste nicht, wie sehr er ihn liebe, als da er damit aufhören sollte. In diesen gemeinschaftlichen Irrtum fallen wir alle, Held, Leser und Schreiber, aus einem grund: wenn man einem Freunde, den man schon lange liebte, lange Zeit keinen Beweis der Liebe geben konnte, aus Mangel der gelegenheit: so quälet man sich mit dem Vorwurfe, man erkalte gegen ihn. Aber dieser Vorwurf selber ist der schönste Beweis der Liebe. Bei Viktor trat noch mehr zusammen, ihn selber zu bereden, er werde ein kälterer Freund. Die Vesperturniere um Klotilde, diese Disputationen pro loco, taten ohnehin das Ihrige; aber immer kränkte er sich mit der Selbstrezension, dass er zuweilen seinem Freunde kleine Opfer abgeschlagen, z.B. seinetwegen Versäumung einer Lustpartie, das Wegbleiben aus gewissen zu vornehmen Häusern, die Flamin hasste. Aber in der Freundschaft sind grosse Opfer leichter als kleineman opfert ihr oft lieber das Leben als eine Stunde, lieber ein Stück Vermögen als eine kleine unangenehme Unart, so wie euch manche Leute lieber einen Wechsel schenken als ein so grosses leeres Papier. Die Ursache ist: grosse Aufopferungen macht die Begeisterung, kleine aber die Vernunft. Flamin, der selber niemals kleine machte, foderte sie vom andern mit Hitze, weil er sie für grosse nahm. Viktor hatte sich hierüber weniger vorzurücken; aber Klotilde beschämte ihn, deren längste und kürzeste Tage wie bei den meisten ihres Geschlechts lauter Opfertage waren. – Auch wurde seine natürliche Delikatesse, die jetzt durch sein Hofleben den Zusatz der künstlichen gewonnen hatte, tiefer als sonst von seines Freundes Ecken verletzt. – Die feinen Leute geben ihrem inneren Menschen (wie ihrem äussern) durch Mandelkleien und Nachtandschuhe weiche hände, bloss um das Untere der Karten besser zu fühlen, um niedliche halbe Damen-Ohrfeigen zu geben, aber nicht, wie die Wundärzte, um damit Wunden zu handhaben.

Zum Unglück schrieb ihm dieser Wahn der Erkältung ein äusseres freundliches Bestreben vor, Wärme bei Flamin zu zeigen. Da nun der Regierrat nicht bedachte, dass auch das Gezwungne ebensooft von Aufrichtigkeit entstehen könne als das Ungezwungne von Falschheit: so hatte der Teufel immer mehr sein Bestia-Spiel (wo eine Freundschaft der hohe Einsatz war), bis solcher am Hexentage es gar gewann.

Aber am 4ten Mai soll er alles wieder verlieren, denke' ich. Denn Viktor, dessen Herz bei der geringsten Bewegung wieder den Verband durchblutete, nahm sich vor, nicht nur am 4ten Mai dem Wiegenfeste des Hofkaplans in St. Lüne beizuwohnen, sondern auch einen Geburttag der erneuerten Freundschaft mit Flamin zu begehen. Er wollte gern den ersten, zweiten, zehnten Schritt tun, wenn nur jener stehenbliebe und keinen zurücktäte. Denn er kann ihn nicht vergessen, er kann die aufgedrungne Entbehrung nicht verwinden, so leicht ihm sonst die freiwillige wurde. Er drückt alle Abende Flamins schönes Bild, das gemacht war aus seiner Liebe für ihn, aus seiner unbestechlichen Rechtschaffenheit, seinem Felsen-Mut, seiner Liebe zum Staat, seinen Talenten, sogar aus seinem Aufbrausen, das aus dem doppelten Gefühl des Unrechts und der eignen Unschuld entstand, dieses warme Bild drückte er an das aufgerissene Herz, und wenn er ihn am Morgen in das Kollegium gehen sah, so liefen ihm die Augen über, und er pries den Bedienten glücklich, der ihm die Akten nachtrug Wenn der 4te Mai des grossen Versöhntages mit dem Sühnopfer nicht so nahe wäre: so würde er die kleine Julia an sich angewöhnen müssen als einen dritten Stand zwischen den zwei andern, als einen Leitton zwischen Widertönen. Bloss die Hoffnung des Maies setzte seinen Gedanken statt der Nesseln-Brennspitzen wenigstens Rosenstacheln an. – Der Jugendfreund, lieber Leser, der Schulfreund wird nie vergessen, denn er hat etwas von einem Bruder an sich; – wenn du in den Schulhof des Lebens trittst, welches eine Schnepfentaler Erziehanstalt ist, eine berlinische Realschule, ein breslauisches Elisabetanum, ein scheerauisches Marianum: so begegnen dir die Freunde zuerst, und eure Jugendfreundschaft ist der Frühgottesdienst des Lebens.

Viktor wusste Flamins Versöhnlichkeit gewiss voraus, er sah ihn sogar schon öfter am Fenster stehen und zum Erker hinüberschielen, aus dem ein